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60 Teilnehmer bei Kundgebung:Gestörtes Freiheitsempfinden

Der Kinderwagen als Protestschildhalter: Szene von der wöchentlichen Corona-Demo in Olching.

(Foto: Günther Reger)

Die sonntäglichen Demonstrationen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in Olching gehen weiter

Die sonntäglichen Demonstrationen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen auf dem Olchinger Volksfestplatz gehen weiter. An Pfingsten nahmen rund 60 Menschen daran teil. Die Teilnehmer forderten eine "Aufhebung der Mundschutzpflicht", wandten sich gegen "Impfzwang" und warnten vor den Folgen der Einschränkungen. "Wir wollen unsere Grundrechte zurück", erklärte Fee Dürr, die Organisatorin. Der ehemalige ÖDP-Bürgermeisterkandidat von Olching, Gabriel Sailer, forderte mehr Wertschätzung für bestimmte Arbeiten. Bei schönem Wetter hatten sich weniger Menschen eingefunden, als die Veranstalter erwarteten. Zu dieser vierten Demo hatte Dürr beim Landratsamt 150 Teilnehmer angemeldet. Zur ersten Kundgebung hatte sie 50 angegeben und seitdem die Zahl gesteigert. Der Trend scheint jedenfalls zu kippen. Einige Leute seien wohl in den Urlaub gefahren, erklärte Dürr. Die Auflagen des Landratsamtes wurden größtenteils eingehalten, der Mindestabstand nicht immer. Die Polizei hielt sich im Hintergrund. An die Empfehlung der Kreisbehörde, einen Mund-Nasenschutz zu tragen, hielt sich praktisch niemand.

Zum Auftakt erklärte Dürr, dass es sich um eine Demonstration für die Grundrechte handele. Sie forderte eine "Aufhebung der Maskenpflicht", ein "Recht auf körperliche Selbstbestimmung" sowie "Vielfalt", denn "Gleichschaltung und Faschismus hatten wir schon". Dürr distanzierte sich von "jeder Art von Extremismus", vor allem einem "Pharma-Extremismus". Sie habe kein Vertrauen in die Regierung, die Bevölkerung werde gespalten, rügte Monika Motzko, die sich als Heilpraktikerin für Psychotherapie vorstellte. Motzko rechnete vor, dass in München 1,7 Millionen Menschen lebten und davon etwa 200 an dem Virus gestorben seien. Das sei doch eine "überschaubare Menge". Die Maßnahmen hingegen würden "unsere Wirtschaft ruinieren", zu Inflation oder Deflation, zu hoher Erwerbslosigkeit und Staatsverschuldung führen. "Unsere Kinder und Kindeskinder werden das ausbaden." Motzko klagte über Einbußen an Lebensqualität: auf Bargeld müsse man verzichten, auf gemeinsames "Schunkeln und Biertrinken" und in den Schulen würden die Kinder gezwungen, sich die Hände zu waschen. Die Pausen würden in manchen Schulen "wie ein Gefängnishofgang" gestaltet.

Ihr Wunschbild sei, dass man niemanden ausschließe, dass alle zusammenarbeiteten. So würden alle Parteien einen Teil der Gesellschaft repräsentieren. Natürlich gebe es auch "ein paar Deppen", aber "in der AfD sind nicht nur Rechtsstehende", sondern "viele Menschen, die haben einfach Angst". Auf die Frage, wovor diese AfD-Mitglieder ihrer Ansicht nach Angst hätten, erklärte Motzko der SZ hinterher, sie fürchteten sich vor "Impfzwang" und "Männermasseneinwanderung". Sie betonte, sie sei nicht Mitglied der AfD. Dürr sagte unmittelbar nach Motzkos Rede, diese Passage sei "nicht abgesprochen" gewesen und werde nicht von allen geteilt.

Laut Dürr sind alle Parteien im Landkreis um eine Stellungnahme gebeten worden. Für die ÖDP sprach Sailer. Er kritisierte die Produktion von Textilien in Billiglohnländern, die Konkurrenz, der Biobauern durch die konventionelle Landwirtschaft ausgesetzt seien, und berichtete erfreut, dass in der Corona-Krise die Nachfrage nach lokalen Produkten gestiegen sei. Sailer erklärte der SZ am Sonntag, er halte das Coronavirus für gefährlicher als normale Grippeviren, wegen der langen Inkubationszeit und weil es keine Grundimmunität gebe. Die Behauptung, die Sterblichkeit sei durch die Pandemie nicht erhöht, bezeichnete er als Falschaussage. Er betonte, kein Impfgegner zu sein, aber eine Zwangsimpfung abzulehnen. Zum Ende der Kundgebung hatte Motzko noch ein Lied gesungen, das sie selbst getextet hat. Man wolle "den Stofffetzen in keiner Lätschen tragen", heißt es darin.

© SZ vom 02.06.2020

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