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Früherer Münchner Oberbürgermeister:Georg Kronawitter - allein gegen die CSU-Allmacht

Georg Kronawitter Abschied vom Kleine-Leute-Sozi Bilder

Zum Tod von Georg Kronawitter

Abschied vom Kleine-Leute-Sozi

In der Riege der Münchner SPD-Oberbürgermeister kommt Georg Kronawitter immer etwas stiefmütterlich weg. Dabei wirken seine Ideen bis heute nach.

Als jugendlicher Revoluzzer war man in den Achtzigerjahren froh über einen Antipoden zu Kohl und Strauß. Erinnerungen an Georg Kronawitters erste Auftritte und die Nachwehen.

Für Münchner Kinder, die Anfang der Achtzigerjahre irgendwo zwischen akuter Pubertät und intellektueller Frühadoleszenz feststeckten, waren das nicht die schlechtesten Jahre, sich politisch zu sozialisieren. In Washington regierte Ronald Reagan, in Moskau irgendein grauer Bürokrat, in Bonn Helmut Kohl, in Bayern Franz Josef Strauß und alle einte der feste Wille, Europa und die Welt in einem finalen Atomkrieg zu vernichten. Das zumindest war feste Überzeugung aller Münchner Neuntklässler, von den paar JU-Popper-Außenseitern mal abgesehen. Pershings, Doppelbeschluss, Waldsterben, Wiederaufbereitungsanlage - es gab genügend Themen, um jede zweite Schulpause dank einer Spontandemo zu verlängern.

Zu dieser politischen Sozialisation gehörte nur leider auch die Erkenntnis, dass all das Demonstrieren nichts brachte. 600 000 Friedensbewegte gingen an Ostern 1984 auf die Straße - Kohl, Strauß, Reagan war das völlig egal. Sogar das Sit-in vor dem Lehrerzimmer eines Gymnasiums in München-West ließ die völlig kalt. Die mutigeren Pubertierenden fuhren deshalb am Wochenende nach Wackersdorf, um wenigstens Polizeigewalt zu provozieren und zu spüren.

Er zeigte, dass sich Engagement lohnt, wenn das Ziel konkret ist

Und dann trat in die Münchner Jugend-Welt aus Empörung und Machtlosigkeit im März 1984 plötzlich dieser ältere Kauz mit seinen Moosröschen. Weiter entfernt vom Lebensgefühl der jungen Vorstadt-Revoluzzer konnte man eigentlich gar nicht sein. Und doch wurde der Mann, dem man in seiner grotesken Beharrlichkeit an jeder Straßenecke begegnete, plötzlich zu einem Vorbild. Denn Georg Kronawitter lehrte die Jungen, dass man eben doch etwas erreichen kann. Nicht in Washington und Moskau, aber in der eigenen Stadt.

Gegen alle Widerstände setzte er sich und seine Ideen durch. Kronawitter machte ähnlich politische Kärrnerarbeit wie die Punks am Pausenhof - aber er hatte Erfolg. Gut, die hatten Franz Josef Strauß zum Gegner, er mit Erich Kiesl nur ein sehr mattes Abziehbild davon. Aber Kronawitter zeigte, dass sich Engagement lohnt und erfolgreich sein kann, wenn nur das Ziel nicht zu hoch gesteckt, sondern ganz konkret ist. Darum geht es in der Kommunalpolitik, und Kronawitter machte sie plötzlich für diejenigen interessant, die bislang nur in globalen Maßstäben dachten.

Die jungen Grünen pflanzten Apfelbäumchen gegen das Waldsterben, Kronawitter pflanzte einen einsamen Wahlsieg gegen die CSU-Allmacht. Dabei war damals auch naiven 15-Jährigen klar, dass da kein charismatischer Intellektueller ins Rathaus einzog, kein Münchner Willy Brandt, zu dem ihn die hiesige SPD viel später mal stilisieren wollte. Wer damals Bekannte bei den Jusos hatte, wusste, dass Kronawitter für die nicht der liebe Schorsch, sondern ein "Polit-Clown" war. Der wolle den Kiesl-Sumpf im Rathaus nur trockenlegen, um eine eigene "Mafia" zu etablieren. So wurde damals in der Juso-organisierten Jugend geredet, die man letztlich aber auch nicht ernster nahm als die JU-Popper.

Ohne Kronawitter hätte es Udes rot-grüne Stadträson nie gegeben

Die Euphorie über Kronawitters Husarenstück verblasste dennoch schnell. Spätestens als Student merkte man, dass im Rathaus mit dem Roten Schorsch auch viel Provinzialität regierte. Und doch hatte er es geschafft, ein Münchner Lebensgefühl zu wecken: anders zu sein als der Rest des Landes, zumindest ein bisschen cooler, linker, ein kleiner Stachel im Kohl-Deutschland. Das Bündnis mit den Grünen, das er 1990 anbahnte, zeugte davon. Es brachte viele an die Macht, die 1984 mit den Schülern auf die Straße gegangen waren. Die Pubertierenden von damals hatten nun das Gefühl, doch irgendwie auf der richtigen Seite zu stehen. Christian Ude machte daraus eine rot-grüne Stadträson, die er mehr als 20 Jahre lang pflegte. Für die heute 20- bis 40-Jährigen ist er deshalb der kommunalpolitische Übervater. Die Älteren wissen aber: Ohne Kronawitter hätte es das nie gegeben.

© SZ vom 30.04.2016/angu

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