TSV Neufahrn vor 100 Jahren Der Monatsbeitrag kostet so viel wie eine Halbe Bier

Ein Zeitzeugengespräch des Heimatvereins blickt in die Geschichte zurück

Von Birgit Grundner, Neufahrn

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Vorsitzender Frank Bandle bei der 100-Jahr-Feier des TSV Neufahrn tatsächlich einen Barren für Otto Bönisch in die Halle rollen lässt. Vermutlich hätte der Ehrenvorsitzende aber noch immer einiges drauf. Dass Bönisch im Verein tatsächlich mal so etwas wie ein Turn-Star war, zeigt ein Bild aus dem Jahr 1969. Da trat er bei der 50-Jahr-Feier als "Schauturner" auf. Genau hinsehen musste man bei einem anderen Foto aus den Fünfzigerjahren. Der verkleidete Knirps beim Kinderfasching in der damaligen TSV-Halle ist der heutige Vorsitzende des Heimat-und Geschichtsvereins, Ernest Lang.

Die "Alte Halle" wird demnächst abgerissen. Bei der Erweiterung in den Sechzigerjahren hatte Ludwig Schrittenloher selbst zur Schaufel gegriffen. Der spätere Landrat war ebenfalls Mitglied. Die Geschichte des TSV Neufahrn und die Geschichte des Orts sind untrennbar miteinander verbunden - das ist bei einem Zeitzeugengespräch des Heimatvereins wieder einmal deutlich geworden. Der Nebenraum im Gasthof Maisberger war voll, und viele haben ihre persönlichen Erinnerungen an den Großverein und dessen frühere Halle. Pfarrer Otto Steinberger zum Beispiel musste dort als Bub mit seiner Schulklasse die Wochenschau mit den Berichten über die "Erfolge der deutschen Truppen im Osten" anschauen.

Gegründet haben den Verein 23 Neufahrner am 23. März 1919 im Gasthaus "Zum Deutschen Kaiser", dem heutigen Hotel Gumberger. Es waren "eher die kleinen Leute" und nicht die "alte bäuerliche Dorfelite", sagt Ernest Lang. Erster Vorsitzender - damals "Sprechwart" genannt - war ein gewisser Albert Erlacher. Ziel des Vereins war nicht nur die "körperliche Ertüchtigung "der jungen Neufahrner, sondern auch die Bereicherung des "gesellschaftlichen Lebens". So steht es in den alten Unterlagen, die Bönisch und Hans Lutz für die Vereinschronik und den Vortragsabend akribisch durchgearbeitet haben.

1921 ging man daran, die Turnhalle in Eigenregie zu bauen - auf damals freiem Feld. Das fast 2500 Quadratmeter große Grundstück hatte der Verein für 73 Pfennig pro Quadratmeter gekauft. Um den Standort hat es einigen Ärger gegeben: Wie sich herausstellte, war die Halle "partiell auf fremden Grund" gebaut worden, erzählte Lutz. Zum Eingang führte ein langer Fußweg, der vor Veranstaltungen "immer frisch aufgekiest wurde, damit die Schuhe nicht dreckig wurden", sagte Bönisch.

Der Monatsbeitrag wurde in den Zwanzigerjahren anhand einer einfachen "Währung" festgelegt: Er kostete immer so viel wie ein halber Liter Bier und wurde damit ständig der Inflationsrate angepasst. 1944 wurde die Halle vorübergehend beschlagnahmt: Die Reichsbahn benötigte sie für die "Ankerwickelei" ihrer Elektromotoren. Nach dem Krieg wurde die "Mitgliedschaft von Nazi-Aktivitäten gesäubert". Das bestätigte seinerzeit der neue Vorsitzende Michael Saurer.

Einer seiner Nachfolger, Hans Gruber, hat in den Sechzigerjahren das Wappen der Gemeinde entworfen - so, wie es bis heute aussieht. Bis in die Siebzigerjahre hinein war die Halle Hochburg des örtlichen Faschings - und jedes Jahr das Ziel des Faschingsumzugs. Aber es fanden dort auch sonst Bälle, Theateraufführungen und politische Veranstaltungen statt.

Seit 1987 hat der Vereine eine neue Heimat im Freizeitpark am Galgenbachweg. Der Platz habe für die vielen Mitglieder nicht mehr gereicht, so Hans Lutz. Heute hat der mit Abstand größte Verein der Gemeinde etwa 1700 Mitglieder in 17 Abteilungen. Vom 12. bis 14. Juli wird das 100. Jubiläum groß gefeiert.