Schwieriger Spagat Wenn Orte ihr Gesicht verlieren

Balkone über der Tiefgarageneinfahrt wie hier an der Neufahrner Bahnhofstraße - für Bauexperte Vinzenz Dufter ist das ein schlechtes Beispiel, was die Wohnqualität angeht.

(Foto: Marco Einfeldt)

Neufahrner beklagen bei einem Diskussionsabend, dass Investoren wenig Rücksicht auf gewachsene Strukturen nehmen. Im Rathaus tauchen sie zum Teil gleich mit Anwalt auf

Von Birgit Grundner, Neufahrn

Im Neufahrner Bauamt erlebt man so etwas immer wieder: "Investoren kommen zum Teil nicht mehr nur mit Planern, sondern mit Anwalt", sagt Bürgermeister Franz Heilmeier (Grüne). Auf teuer erworbenen Grundstücken wollen die neuen Eigentümer so viel bauen, wie das Baurecht zulässt, und "nicht alle sind kompromisswillig". Damit wies der Rathauschef bei einer Veranstaltung des Heimat- und Geschichtsvereins Forderungen nach mehr Steuerung bei der Nachverdichtung zurück: Diese sei oft rechtlich gar nicht möglich.

Auch Bebauungspläne seien kein Wundermittel, zumal sie nicht der reinen Verhinderung von Bauvorhaben dienen dürfen, betonte er: "Wir sind nicht in einem sozialistischen Staat, in dem man nach Belieben den Daumen heben oder senken kann."

Das Thema des Abends lautete: "Flächenfraß oder Neufahrn zubetonieren? Fragen zur Baukultur". Wo es da in Neufahrn hapert, zeigte Vinzenz Dufter, Architekt und Leiter der Abteilung Baukultur im Bayerischen Landesverein für Heimatpflege, an Beispielen. So verwies er etwa auf die Nachverdichtungspläne für einen Neubau an der Wolfgang-Zimmerer-Straße, der offensichtlich genau so ausgelegt sei, dass Abstandsflächen zu Nachbargebäuden gerade eben noch eingehalten würden. Der Architekt warf auch auf die Gebäudegestaltung einen kritischen Blick: In der von giebelständigen Gebäuden dominierten Dietersheimer Straße wurden auf einem ehemaligen Bauernhofgrundstück neue Wohnblocks errichtet, die sich "nicht in die Struktur einfügen" und zudem wenig "Qualität des Freiraums bieten", wie Dufter erklärte. In den Gärten gebe es "keinen geschützten Bereich", weil die Nachbarn im ersten Stock von ihren Balkonen komplett hineinschauen können. In der "Neuen Mitte" an der Bahnhofstraße wiederum ragen Balkone direkt über die Tiefgarageneinfahrt.

Heftig kritisiert wurden einmal mehr die Pläne für das alte Pfarrhofareal, wo ein Einfamilienhaus samt parkähnlichem Garten durch drei Wohnblöcke mit Flachdächern und wenig Freiräumen ersetzt werden soll. Nichts daran sei maßvoll, ärgerte sich eine Anwohnerin. Es werde auch nur eine einzige Zufahrt zu den drei Blöcken geben, Müllfahrzeuge kämen da gar nicht durch, und auch die Feuerwehr werde "nur mit den Schläuchen" zu den Gebäuden gelangen können. Ihre Nachbarn sprachen von einer "geschichtsvergessenen Ortsentwicklung" auf einem "Filetgrundstück", auf dem "uralter Baumbestand abgeholzt" werde. Gerade von einem "grünen Bürgermeister" hätte man sich anderes erwartet, so der sichtlich erregte Anwohner. Sein Resümee: "Die Bauträger bestimmen in Neufahrn - ein Wahnsinn."

Auch Dufter wunderte sich, warum man auf dem alten Pfarrhof nicht einfach die gelungene Struktur fortsetze, die zwischen Anger und Alter Kirche vorgesehen und per Bebauungsplan fixiert ist: Wohnhäuser mit Giebeldächern, autofreie Bereiche, ein Spielplatz und viel Grün. Man hätte für den alten Pfarrhof erst einmal eine Veränderungssperre erlassen können, meinte der frühere Gemeinderat Franz Steinberger. Damit hätte man zwei Jahre Zeit gewonnen, um mit den Bauherren noch mal zu reden.

"Ratlos und frustriert" zeigte sich Ernest Lang. Nicht nur der Vorsitzende des Heimatvereins fragte sich am Ende des Abends, wie man überhaupt noch verhindern könnte, dass Wohnblocks wie an der Dietersheimer Straße entstehen und Erben Grundstücke zu möglichst hohen Preisen an Investoren verkaufen, die dann die maximale Nutzung herausholen. Und mit Blick auf den hohen Siedlungsdruck wollte ein Zuhörer wissen, was man tun könne, "um nicht von einer Lawine einfach überrollt zu werden?" Das Einwohnerwachstum liege aktuell nur bei einem Prozent im Jahr, betonte Bürgermeister Heilmeier. Der Druck werde freilich bleiben, und die Gemeinde werde "permanent wachsen". Deshalb sei es so wichtig, einen "Grundplan" dafür zu haben. Dieser soll jetzt in Form eines "Innerstädtischen Entwicklungskonzepts" (Isek) entstehen.