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ÖDP diskutiert in Neufahrner Kneipe:Ausbaufähiges Modell

Junge Kandidaten testen Wahlkampf im Szene-Lokal, bleiben aber eher unter sich

Womöglich ist es das Modell der Zukunft: Wahlkampf in der Kneipe - nicht im ruhigen Nebenzimmer einer Gaststätte, sondern mitten in einem Szene-Lokal am Marktplatz. Also dort, wo man in jedem Fall viele junge Leute trifft. "Wir wollten das mal ausprobieren", sagt Leon Nissen von der ÖDP Neufahrn/Eching. Mit anderen jungen Gemeinderatskandidaten aus dem Ortsverband - alle 21 und 22 Jahre alt - hat er deshalb über "Facebook" zu einer Informations- und Diskussionsrunde ins "Viva" eingeladen.

Wie es aussieht, ist das Modell in der Gegenwart allerdings noch ausbaufähig: Gerade einmal fünf Mitglieder und ein Gast setzen sich an den eigens reservierten Tisch, auf dem die jungen Leute noch schnell eine Flagge der "Jungen Ökologen" (JÖ) ausgebreitet haben. Im Kneipenbetrieb rundherum bekommt von all dem kaum jemand etwas mit. "Die Werbung hat wohl nicht so viel gebracht", bedauert Marie-Sophie Bergauer: "Vielleicht war es doch zu kurzfristig."

An den Themen kann es jedenfalls nicht liegen. Gut möglich, dass an anderen Tischen ähnliche Gespräche stattfinden - zum Beispiel über die fehlende Busanbindung der Dörfer im Norden. Wer dort wohnt und abends in Neufahrn etwas unternimmt, kann aktuell nur mit dem Fahrrad oder dem Auto nach Hause kommen. Anna Hinge und Leo Nissen kennen das. Die beiden leben in Massenhausen. "Zur Uni in Freising muss ich auch mit dem Auto fahren", erzählt Hinge, zumal es immer noch keinen Radweg für die Strecke gebe.

Im Gespräch sei der zwar schon länger. Aber selbst wenn es jetzt ernst werden sollte, müsse man erst einmal alle benötigten Grundstücke bekommen, gibt Neufahrns Verkehrsreferent Florian Pflügler zu bedenken. Er ist an diesem Abend ebenfalls zu den jungen Leuten gestoßen, die mit ihm seine Leidenschaft für den Ausbau des ÖPNV teilen. Vor kurzem haben sie speziell zur Situation in Massenhausen auch ein Video gedreht, demnächst soll es veröffentlicht werden.

Eigentlich sei das ja wirklich fast unvorstellbar, dass da bis jetzt "gar nix ist", findet auch die Freisingerin Emilia Kierner, die sich im Bundesvorstand der "Jungen Ökologen" und im Landesvorstand der ÖDP engagiert: Da gebe es zwei Universitäten in Freising und eine weitere in Garching, aber es fehle einfach an Pendler-Angeboten. Doch es geht nicht nur um die Pendler. Pflügler und die Gemeinde treiben derzeit ein Konzept voran, das den Dörfern grundsätzlich regelmäßige Busverbindungen bringen soll. Die Neufahrnerin Marie-Sophie Bergauer fände auch einen Rufbus gut - oder Taxi-Gutscheine, ähnlich wie sie die Stadt München für Frauen ausgeben will. In Neufahrn könnte zum Beispiel jeder Jugendliche "zwei oder drei Freifahrten im Monat" bekommen. Eine Hilfe wären auch "Fahrräder to go", sagt sie.

Die Landschaftsarchitektur-Studentin Anna Hinge würde sich auch gerne für mehr Grün im Ort einsetzen. "Ich bin selbst auf dem Land aufgewachsen", erzählt sie, "und ich kenne das gar nicht anders, als dass man draußen spielt". Heute würde genau das vielen Kindern fehlen. Deshalb schlägt sie beispielsweise vor, kleine Parks anzulegen.

Nach gut zwei Stunden löst sich die Runde im "Viva" auf. Eine Fortsetzung scheint aber nicht ausgeschlossen. Es muss dabei nicht nur um Wahlkampf gehen: Die jungen Leute überlegen zum Beispiel, mit Jugendlichen in einem ähnlichen Rahmen über Themen zu diskutieren, die gerade ganz konkret im Gemeinderat behandelt werden - und am liebsten wollen sie dann dem Gremium auch selbst schon angehören.

© SZ vom 13.01.2020

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