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Freiwilliges Ökologisches Jahr:"Man lernt viel über die eigenen Stärken und Schwächen"

Die Jugendlichen leben zu dritt in einer Wohnung auf dem Hof. Mit dem Taschengeld von 180 Euro im Monat kämen sie gut über die Runden, sagen sie.

(Foto: Marco Einfeldt)

Drei junge Menschen haben im Naturgarten Schönegge bei Nandlstadt ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert. Ben Hafner will im Anschluss dort sogar eine Ausbildung zum Gärtner beginnen.

Von Thilo Schröder, Nandlstadt

Es ist das umweltschützende Äquivalent zum sozialen Freiwilligendienst: das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ). Seit nunmehr 25 Jahren können es junge Menschen zwischen 16 und 26 Jahren in teilnehmenden Betrieben und Einrichtungen absolvieren. Öko ist in: Etwa 220 Teilnehmer gebe es bayernweit jedes Jahr, bei drei bis vier Mal so vielen Bewerbern - Tendenz steigend, sagt FÖJ-Referentin Claudia Nowak vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in München. Der ist einer der Träger des von Bund und bayerischem Umweltministerium geförderten Angebots. Der Naturgarten Schönegge bei Nandlstadt bietet jährlich drei FÖJ-Plätze an, jeweils von 1. September bis 31. August. Die derzeitigen Dienstleistenden berichten von vielen lehrreichen Erfahrungen, einer bleibt im Anschluss sogar für eine Ausbildung.

"Ich mag die Abwechslung hier, dass man mit Tieren und Kindern zu tun hat", sagt Alina Zirwick. Sie und Kollegin Rebecca Breu arbeiten im Rahmen ihres FÖJ im Naturgarten hauptsächlich im Kindergarten. Morgens und abends kümmern sie sich außerdem um die Pferde, um die Ziegen, Meerschweinchen, Hühner und Kaninchen. Am Nachmittag helfen sie bei pädagogischen Reitprogrammen. Ben Hafner arbeitet dagegen an drei Wochentagen in der Gärtnerei, kocht außerdem für eine Schulklasse der Lebenshilfe, den Kindergarten, den Betrieb und packt für die Ökokiste. Alle drei sind für das FÖJ aus anderen Teilen Bayerns hergezogen.

Ursprünglich wollte Zirwick, die aus der Nähe von Nürnberg kommt, ein Jahr als Au-Pair ins Ausland gehen. "Dann hab ich doch nach dem Abi das FÖJ gemacht", erzählt die 18-Jährige. Breu kommt aus dem Landkreis Kelheim, die 19-Jährige war sich nach dem Abitur unschlüssig über ihre Zukunftspläne. Nach dem FÖJ möchte sie nun Soziale Arbeit studieren. Hafner kommt aus München, hat vor dem Freiwilligenjahr eine Realschule besucht. Das FÖJ im Naturgarten in Nandlstadt habe ihm neue Interessen aufgezeigt, sagt er. Jetzt will der 17-Jährige dort eine Ausbildung zum Gärtner machen.

Neben der Arbeit im Betrieb nehmen die "FÖJler" an fünf einwöchigen Seminaren teil. Laut Nowak kommen etwa 90 Prozent direkt von der Schule in den Freiwilligendienst, befinden sich nun also in ihrer ersten längeren Arbeitsphase. Hier können sie sich austauschen und netzwerken. "In den Begleitseminaren lernt man viel über Umweltschutz und man redet mit anderen über ihre Einsatzstellen, wie es da so läuft", sagt Breu. Wegen Corona sei heuer ein Seminartermin ausgefallen.

Breu und Hafner schätzen an ihrer Einsatzstelle die ruhige Lage. "Wir sind hier ein bisserl außerhalb von Nandlstadt, sehr abgeschieden", sagt Breu, "aber das ist ganz schön." Und es gebe ja eine Busanbindung. "Es ist sehr angenehm hier, man hat nicht so viele Menschen um sich", sagt Hafner, "dafür eigentlich nur nette Menschen." Zirwick ist an den Wochenenden gerne daheim, seit Anfang des Jahres habe sie ein Auto, sagt sie. Es werde viel gemeinsam unternommen: Lagerfeuer, grillen oder Pizza backen, baden gehen oder nach Freising fahren, mal essen gehen.

Die Dienstleistenden bekommen von den Trägern ein monatliches Taschengeld von 180 Euro, sagt FÖJ-Referentin Claudia Nowak, außerdem vor Ort Unterkunft und Verpflegung. Einrichtungen, die das nicht leisten können, zahlen den Freiwilligen stattdessen zusätzlich 450 bis 460 Euro im Monat. Breu, Hafner und Zirwick leben in Nandlstadt zu dritt in einer Wohnung auf dem Hof. Mit dem Taschengeld kämen sie gut über die Runden, sagen sie.

Kürzungen wegen Corona müssen Träger wie Teilnehmer nicht fürchten. Im Gegenteil: Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (CSU) hat angekündigt, das jährliche Förderbudget des Freistaats künftig um 100 000 Euro auf dann 850 000 Euro aufzustocken. "Das freut uns sehr, dass die Botschaft der Jugendlichen - wir wollen was tun - angekommen ist", sagt Nowak. Denn es sei "wichtig, dass die Energie nicht nur in den Protest geht", sagt sie mit Verweis auf die Klimabewegung Fridays for Future, "sondern dass auch was umgesetzt wird". Die drei "FÖJler" in Nandlstadt bezeichnen sich zwar nicht als Umweltaktivisten, einzig Hafner hat schon Demonstrationen besucht, wie er sagt. Sie würden jedoch im Privaten auf eine möglichst ökologische Lebensweise achten, sagen sie. Breu beispielsweise lebt vegan, Zirwick und Hafner ernähren sich vegetarisch. Hafner hat zunächst nicht vor, den Führerschein zu machen, möchte während der anstehenden Ausbildung weiter Bus und Radl nutzen.

Als sie von ihren Plänen erzählt habe, sagt Alina Zirwick, sei vielen im Umfeld das Angebot des Freiwilligen Ökologischen Jahres unbekannt gewesen. Ihr selbst habe die Zeit im Naturgarten indes viel gebracht. "Man bekommt hier viel Lebenserfahrung, lernt viel über die eigenen Stärken und Schwächen - und über andere." Die Erfahrung bringe einen "auf jeden Fall persönlich weiter", sagt Rebecca Breu. "Man lernt hier Tätigkeiten, die man sonst nicht gemacht hätte", sagt der angehende Gärtner Ben Hafner, "von denen man sonst nicht gedacht hätte, dass sie einem Spaß machen."

Bewerben für das Freiwillige Ökologische Jahr kann man sich in der Regel ab Januar. Für den Start zum 1. September gibt es noch vereinzelt freie Plätze. Alle Infos unter www.foej-bayern.de

© SZ vom 07.08.2020

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