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Morbides aus Metall:Das Unplanbare zeigen

Leander D. Wennige ist eigentlich gelernter Spengler, durch Zufall kam er zur Kunst. An seinen Werken muss er sich erst satt sehen, bevor er sie verkaufen kann. Ruhe und Inspiration findet er in Hörgertshausen.

Von Thomas Radlmaier

"Snake Bite", also "Schlangenbiss", heißt ein Kunstwerk von Leander D. Wennige. Die etwa 30 Zentimeter große Metallskulptur besteht aus zwei Schlangenköpfen, die wie zwei Äste aus einem Stamm herauswachsen und sich gegenseitig in die Augen blicken. Als er die Figur in seiner Werkstatt geschmiedet habe, sei er aus Unachtsamkeit mit der Hand abgerutscht und habe sich dadurch leicht im Gesicht verbrannt, erzählt Wennige. "Die Schlange hat mich gebissen", erinnert sich der Berufskünstler, der seit einigen Jahren in Hörgertshausen lebt und arbeitet. Der Name "Snake Bite" sei ihm da also förmlich "ins Gesicht gesprungen".

In der Anekdote steckt eigentlich schon all das, was den Künstler Wennige auszeichnet: Es ist das Unplanbare, das sich ganz spontan in jeder einzelnen Situation von Neuem ergibt. "Mich interessiert das Gegensätzliche", sagt Wennige, während er ein anderes Metall-Kunstwerk beschreibt. Dessen Form erinnert durch die abgerundeten und symmetrisch angereihten Metallriemen auf den ersten Blick an ein geflochtenes Netz. Aus einem anderen Betrachtungswinkel heraus fügen sich die einzelnen Reihen zu einem chaotischen Dornenfeld zusammen. Hier findet sich eine weitere Charakteristik der Arbeiten des 31-jährigen Kunstschmiedes wieder. "Es ist wichtig, dass sich die Skulpturen eine gewisse Räumlichkeit bewahren", betont Wennige. Der gelernte Spengler und Metalfan kommt ursprünglich aus Rostock und lebt seit 1992 in Bayern. 2009 hat er sich mit seinen Kunstwerken selbständig gemacht und eröffnete kürzlich eine Galerie in seinem Haus in Hörgertshausen. Hauptsächlich arbeite er mit metallischen Materialen, erzählt der 31-Jährige. Holz sei ihm zu langweilig. "Bei Metall dagegen kann ich meiner Phantasie besser freien Lauf lassen", begründet er das. Auf die Frage, wieso er sich ausgerechnet das 2000-Einwohner-Dorf Hörgertshausen im Norden des Landkreises als Inspirationsort ausgesucht habe, antwortet Wennige: "Ich brauche Ruhe und Platz. Außerdem habe ich gleich neben dem Haus meine eigene Werkstatt. Das ist optimal."

Seine Werke begreift der Hörgertshausener als Ausdruck "der reinen Intuition" und der jeweiligen Stimmungslage, die ihn gerade umgeben. Ganz selten plane er im Voraus. "Die Skulpturen entsprechen Bildern, die sich lediglich in meinem Kopf befinden und sich in einem ständigen Fluss der Spontanität immer wieder neu zusammensetzen", schildert der Kunstschmied. Die Themen, die Leander Wennige in seinen Arbeiten behandelt, sind - wie er selbst - düster und teilweise mythisch. Die Figur "Der geflügelte Dämon" beispielsweise stellt eine Mischung aus Dachs und Fledermaus dar. Der Kopf besteht aus einem echten Dachsschädel, dessen Unterkiefer der gebürtige Rostocker selbst hergestellt hat. Gerade arbeitet Wennige an einem Metallskelett, das einer genauen Kopie seines eigenen Knochenbaus entspricht. "Das Morbide hat mich schon immer fasziniert", sagt der 31-Jährige, der meistens ganz in Schwarz gekleidet ist. Anfangs hoffte er, seine Kunst würde die Leute provozieren. Doch Wennige wurde eines Besseren gelehrt, als ihm ältere Damen Komplimente für seine Totenkopf-Arbeiten gemacht hätten. Mit der Zeit verstand Wennige, dass ein Künstler den Betrachtern nicht irgendwelche Normen mit Hilfe seiner Werke aufzwängen dürfe. "Das funktioniert so nicht", weiß er. Außerdem ist er mittlerweile nicht mehr enttäuscht, wenn die Leute in seinen Skulpturen nicht das sehen, "was ich sehe". Wennige bezeichnet seine Arbeit dann als erfolgreich, wenn der Betrachter etwas Persönliches mit den Werken verbindet. Das sei für den 31-Jährigen "das Coolste".

Eine Klassifizierung von Wenniges' Kunden ist nicht möglich. Das Feld reicht vom Anwalt im Anzug bis zum Arbeitslosen jeden Alters. "Die einen interessieren sich dafür und andere nicht", glaubt er. Manchmal bekomme er auch Aufträge von Metalbands, die beispielsweise einen extravaganten Mikrofonständer bestellen. Das Herstellen nicht alltäglicher Gegenstände mache ihm am meisten Spaß, gibt der gelernte Spengler zu. Bevor der Kunstschmied seine Werke zum Verkauf anbietet, würden diese einen "Abnabelungsprozess" durchlaufen. Demnach muss sich Wennige an seinen Objekten erst einmal "satt sehen". "Es ist sehr schade, wenn ich etwas zu früh verkaufe", sagt er, "meine Arbeiten sind schließlich ein Teil von mir." Deshalb könne es auch vorkommen, dass der Künstler aus Hörgertshausen nicht an jeden X-beliebigen Kunden seine Skulpturen verkaufe. "Ich muss wissen, dass sie dem Käufer etwas bedeuten und nicht in der Ecke verstauben", erklärt er.

Wenniges' künstlerisches Vorbild ist der spanische Maler und Begründer des Surrealismus, Salvador Dali. Dali habe einfach das gemacht, was ihm spontan in den Sinn gekommen sei, schwärmt der 31-jährige Hörgertshausener. Wennige hatte nie den Plan gehabt, Kunstschmied zu werden. Das habe sich beim ihm - wie bei seinen Skulpturen - "einfach so ergeben." Kürzlich gründete Leander Wennige mit drei anderen Metall-Künstlern (Peter Schwenk, Ulrich Schweiger und Remo Leghissa) die Künstlergruppe "Eisenherz". Die vier Männer werden bald auf einem Münchner Kreisverkehr ihre Arbeiten ausstellen.

Jetzt träumt der 31-Jährige noch davon, einmal mit fließender Lava zu arbeiten. Auf Hawaii gibt es eine Vulkan, der das ganze Jahr über Lava ausspuckt. Wennige hat sich schon informiert und weiß, dass es ungefährlich wäre, vor Ort zu schmieden. Der Spontanität würden dort keine Grenzen auferlegt, behauptet er. Rohes Unterbewusstsein im glühenden Überfluss also.

© SZ vom 19.04.2013
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