Mitten in Freising:Hoffen auf die Inzidenz-Lotterie

Bleibt die Inzidenzahl unter 25, lebt es sich an den Schulen leichter

Glosse von Thilo Schröder

Wer als Mensch die 25 überschreitet, also das Alter in Lebensjahren, ist mit einigen sich ändernden Regeln konfrontiert. Beim Kindergeld oder der Familienversicherung ist etwa mit Vollendung des 25. Lebensjahres das Höchstalter erreicht. Derlei Grenzwerte erscheinen den meisten sinnvoll, sie betreffen den einzelnen Menschen auch nur einmal im Leben. Wenn ein Landkreis in der Corona-Pandemie die 25 überschreitet, also die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100 000 Einwohner, folgen daraus ebenfalls Maßnahmen. Diese wirken jedoch etwas befremdlich.

Weil der Landkreis Freising am vergangenen Mittwoch die 25er-Marke überschritten hat, müssen seit Freitag alle Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse und auch die Lehrkräfte wieder eine medizinische Gesichtsmaske am Platz tragen. Um die Maßnahme aufzuheben, muss die Inzidenz an fünf Tagen in Folge unter 25 liegen. Dummerweise lag der Wert am Dienstag bei 27,8, am Montag lag er noch bei 23,9. Landkreisweit wenige Neuinfektionen machen derzeit also den Unterschied aus, ob in Schulen mit oder ohne Maske gelernt wird.

Man kann sich fragen, ob das noch verhältnismäßig ist. Es sei "unfassbar, dass hier einfach nur Willkür betrieben wird", schimpft jedenfalls ein Leser über dieses epidemiologische Ping-Pong-Verfahren, das die 13. Bayerische Infektionsschutzverordnung vorsieht. Warum Kinder in Schulen Maske tragen müssten, wenn beispielsweise nach einer privaten Zusammenkunft irgendwo im Landkreis ein paar neue positive Fälle in die Statistik einflössen: Das könne er nicht nachvollziehen. Man kann den Mann irgendwo verstehen. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Familien das Kindergeld zu streichen, weil der Altersschnitt in der Region über 25 liegt.

Freilich werden sich die Verfasserinnen und Verfasser der Infektionsschutzverordnung etwas dabei gedacht haben, als sie Grenzwerte für Maßnahmen festgesetzt haben. Allein man verliert den Überblick, wenn die Werte teils so eng beieinanderliegen, dass sich die Regeln wöchentlich ändern. Kurzfristig wird an diesem hochkomplexen Regelwerk vermutlich kaum geschraubt werden. Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften im Landkreis bleibt wohl fürs erste die Hoffnung, dass bei der Inzidenz-Lotterie demnächst fünf Tage in Folge eine Glückszahl unter 25 rausspringt.

© SZ vom 28.07.2021
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