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Mitten im Landkreis:Maske, Abstand und Quarantäne

An viele Dinge hat man sich in den vergangenen Wochen gewöhnen müssen. Auch neue Begriffskombinationen

Es gibt Begriffe und Aussprüche, die im Bewusstsein fest verankert sind und stets mit einer bestimmten Zeit in Verbindung gebracht werden. Wer "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" hört, denkt sofort an die Französische Revolution von 1789. Die Begriff-Kombination "Hauptbahnhof", "Flughafen" und "zehn Minuten" (garniert mit dem einen oder anderen "äh") wird auf ewig als Sternstunde der Ära Edmund Stoiber in Erinnerung bleiben, einer Zeit, als Ministerpräsidenten noch transrapide Visionen hatten und zur Entspannung im heimischen Garten Blumen hinrichteten.

Die derzeitige Corona-Krise dagegen, das hat sich längst im kollektiven Gedächtnis eingebrannt, ist unverrückbar verbunden mit den Wörtern "Maske", "Abstand", "Hygieneregeln" - und natürlich "Quarantäne". Bestätigter oder vermuteter Corona-Fall in der Familie: Quarantäne. Einreisen in ein anderes Land: Zwei Wochen Quarantäne. Bundesliga-Restart: Erst mal Quarantäne. Und weil auch die moderne Technik offenbar immer so etwas wie ein Spiegelbild der Gesellschaft und der Zeit ist, in der sie verwendet wird, ist selbst im täglichen Mailverkehr die Quarantäne nicht mehr wegzudenken. Früher verirrten sich alle heiligen Zeiten mal meist ungebetene Nachrichten im Spam-Ordner des Arbeitsaccounts. Heute landen Benachrichtigungen, dass sich Neuzugänge im Quarantäne-Ordner befinden, beinahe genauso oft im Postfach wie obligatorische Pressemitteilungen, Dienst- und Seitenpläne.

Es ist eine recht illustre Gesellschaft, die sich da tagtäglich in Quarantäne begeben muss. Etwa ein Josel G, der nur nachfragen will, ob man wohlauf ist. "Glückwunsch T-Online Leser!" schreibt ein gewisser From, der zwar keinen Vornamen hat, aber der Adresse nach bei T-Online zu Hause ist. Offenbar hat dieser From auch Geschwister bei Freenet. Von der Adresse from@freenet.de wurden uns nämlich sowohl "Revolutionare Medizin zur Gewichtsreduktion" ans Herz gelegt als auch ein Date angeboten: "Lerne Wunder von Bitcoin-Code kennen!" Aber jetzt sitzt, wie das in diesen Zeiten halt oft so ist, die ganze Familie in Quarantäne.

© SZ vom 03.06.2020

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