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Martin Güll über Schulsystem:"Leistungsdruck und harte Auslese"

Der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Güll kritisiert in Langenbach das dreigliedrige Schulsystem in Bayern - er fordert die Gemeinschaftsschule.

Karlheinz Jessensky

Das dreigliedrige bayerische Schulsystem habe sich überlebt, so der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Güll. Es setze auf Leistungsdruck und Auslese statt auf individuelle Förderung. Als letztlich einzige Alternative zu einem überholten Bildungssystem sieht die SPD Bayern die integrative Gesamtschule an. Ein flammendes Plädoyer auf diese in nördlichen Ländern bewährte Schulart hielt Güll beim SPD-Ortsverein Langenbach.

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"Die Grundschule hat das Riesenproblem, dass sie zu einer Rennstrecke auf dem Weg zum Gymnasium verkommen ist. Bildung beginnt früher, nicht erst in der Schule", so der Landtagsabgeordnete Martin Güll.

(Foto: ddp)

Güll war vor seiner Zeit als Abgeordneter Leiter einer großen Hauptschule in Oberbayern. Wenn es um schulische Bildung geht, spricht aus ihm also ein alter Schulmeister. Beim bayerischen Schulsystem - Pisa hin oder Pisa her - hapert es für den erprobten Pädagogen an allen Ecken und Enden. Beim G8 sieht Güll nur endlose Diskussionen, die Hauptschule ist für ihn eine einzige Baustelle hinsichtlich Inhalt, Qualität und Organisationsform.

Die von der Staatsregierung jetzt initiierte Einführung einer Mittelschule werde grandios scheitern, sagte Güll. Sie gebe zu Unrecht vor, dass sie regelmäßig zu einem mittleren Bildungsabschluss führe. Die Grundschule habe das Riesenproblem, dass sie zu einer Rennstrecke auf dem Weg zum Gymnasium verkommen sei. Bildung beginne früher, nicht erst in der Schule, sagte Güll. Das Bildungskonzept der SPD reiche von der Wiege bis zur Bahre. Entscheidende Dinge in Sachen Bildung passierten vor der Schule, in Kindertagesstätten und Kindergärten. Die Grundschule heutzutage sei grundsätzlich gut konzipiert, allerdings könne ein einzelner Lehrer nicht mehr wie früher das gesamte Lehrspektrum abdecken. Die Kinder müssten sich jetzt an das System anpassen, statt umgekehrt, bei einer wirklich individuellen Förderung.

Schon der Übergang vom Kindergarten müsse flexibel sein. In der Grundschule werde bereits nach zwei Jahren in einzelne Schubladen sortiert, es gebe systembedingt Verlierer. "Das bayerische Schulsystem setzt einseitig auf Leistungsdruck und zu frühe Auslese, keiner darf aber verloren gehen". Noch dazu sei der Zugang zum Bildungssystem ungerecht. Er führe zu einer bildungspolitischen Zweiklassengesellschaft. Ein Facharbeiterkind habe bei gleicher Lesekompetenz eine 6,5 Mal geringere Chance auf einen Gymnasiumsbesuch als ein Akademikerkind.

Der Blick heute sei auf das Gymnasium und die Zeit danach fixiert. Das sei der für jedermann erstrebenswerte Bildungsabschluss. Hauptschule und Realschule bluteten aus, und die wahre Ursache dafür sei: die Sicherung des sozialen Status der Familie in der Generationenfolge. Wenn die Mutter die mittlere Reife habe, seit für die Tochter das Gymnasium erstrebenswert und dem Abitur des Vaters müsse das Hochschulstudium des Sprösslings folgen. Deshalb sei auch ein völlig neues Bildungsverständnis erforderlich, mit individueller Förderung und lebenslangem und nachhaltigem Lernen.

Schulbildung ohne Brüche

Die Gemeinschaftsschule sei die Lösung: Kinder und Jugendliche bräuchten eine Schulbildung ohne Brüche. In der Gemeinschaftsschule werde länger gemeinsam gelernt, sie verwirkliche ein wohnortnahes Bildungsangebot nach modernsten pädagogischen Konzepten mit allen Bildungsabschlüssen. Dazu müsse das Recht auf einen gebundenen Ganztagsschulplatz eingeführt werden. In der Gemeinschaftsschule gelte das Prinzip der individuellen Förderung.

Andere Schulformen, die kein gymnasiales Bildungsangebot unter dem gleichen Dach hätten, fänden keine Akzeptanz. In der Gemeinschaftsschule seien alle drei Schultypen Hauptschule, Realschule und Gymnasium vereint. Der Unterricht in den Klassen 5 und 6 finde gemeinsam statt, ab der Klasse 11 gebe es eine gymnasiale Oberstufe.

© SZ vom 10.07.2010/che

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