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Leben in der Turnhalle:"Ist Flüchtling zu sein, eine Sünde?"

Ein 25-jähriger Afghane schildert das Leben mit 250 anderen Asylbewerbern in der Realschulturnhalle in Eching

Ende April soll die Sporthalle der Echinger Realschule als Notunterkunft für Asylbewerber ausgedient haben. Das hofft die Schule, das hoffen aber auch die Flüchtlinge. "Niemand kann sich wirklich vorstellen, wie es ist, in so einer Halle zu leben", sagt Gisela Rosemeyer, die im Echinger Helferkreis Asyl die dort lebenden Menschen betreut. Ein 25-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan mit sehr guten deutschen Sprachkenntnissen hat nun versucht, einen Einblick in das Innenleben so einer Notunterkunft zu vermitteln, von der Schlange an der Waschmaschine bis zum Dankesgefühl für das Engagement der Helfer.

Der 25-Jährige, in seiner Heimat Student der Betriebswirtschaft, hat nach seinen Angaben eine dramatische Flucht nach Europa hinter sich: "Ich aß sogar Blätter und trank schmutziges Wasser vom Boden, um zu überleben, ich sah Tod mit meinen Augen und war selbst dem Tode nahe". Nach einem Krankenhausaufenthalt in München und in verschiedenen Camps kam er in die Realschulhalle in Eching.

"Ich war ziemlich geschockt über das, was das Schicksal für mich vorgesehen hatte", erinnert er sich. "Die ersten 24 Stunden brachte ich kein Auge zu. Hier lebten 250 Menschen in einer großen Halle zusammen. Bett an Bett, teilweise auch Bett über Bett. Kein Stuhl, kein Schrank, keine Privatsphäre." Es sei "nicht leicht, an einem Ort zu leben, an dem Leute verschiedenster Abstammung, Kultur, Sprache, Leben, Religion und ähnlichem zusammen gewürfelt wurden". Diese Unterbringung und die vielfach erlebte Wahrnehmung außerhalb der Halle haben den jungen Afghanen dazu gebracht, seine Sicht darzulegen. "Er hat es trotz der unbeschreiblichen Wut in seinem Bauch geschafft, die Dinge ruhig beim Namen zu nennen", sagt Rosemeyer. "Ist Flüchtling zu sein, eine Sünde?", fragt der 25-Jährige. "Und wenn ja, worin genau besteht die Sünde? Wenn nein, warum sehen uns manche als Sünder an? Ist es ein Verbrechen, nach einem Platz zum Leben zu fragen? Dürfen wir keine Wünsche oder Träume haben? Dürfen wir uns nicht nach einem neuen Zuhause sehnen? Dürfen wir nicht einer von euch sein? Sind wir empfindungs- und emotionslos?"

Zwar sei das Verhalten der Echinger "und ihr netter Umgang mit allen Flüchtlingen" der Lichtblick im Alltag der Asylbewerber. "Regierung und Bevölkerung versuchen, uns zu helfen", hat er erfahren, "aber eine kleine Anzahl von Leuten behandeln uns geringschätzig und machen Vieles kaputt". So habe er Dokumente von einem Amt in Freising gebraucht. "An zwei Tagen schickte man mich wieder nach Hause und sagte, ich solle am nächsten Tag wieder kommen", erzählt er. "Der Umgang mit uns, speziell in manchen Ämtern, ist schlecht. Oft ignoriert man uns. Warum? Ich weiß es nicht."

"Vielleicht fragt man sich, warum liegen sie dauernd herum, anstatt etwas zu tun? Wir dürfen nur das tun, was uns erlaubt wird. Wir dürfen nicht arbeiten." Und die Kritik am fehlenden Lerneifer für die deutsche Sprache treffe sicher bei manchen zu, "aber die meisten von uns versuchen, Deutsch zu lernen. Allerdings bekommen nicht alle die Möglichkeit und mit nur zwei Mal Unterricht in der Woche ist das auch nicht leicht". Und warum es immer wieder Streit und Diebstahl in der Unterkunft gibt? "Lachen und Streiten sind beides Teil des Lebens. Das ist auch in Familien so. Und da unsere Familie aus 250 Personen besteht, ist es klar: je größer die Familie, desto größer die Probleme". Für die Asylbewerber in der Halle beginnen sie etwa damit, dass für 250 Personen nur zwei Waschmaschinen zur Verfügung stehen. "Zwei Tage Wartezeit ist da leider ganz normal." Die Essensrationen seien "nicht ausreichend" und es gebe manchmal Schlangen mit bis zu einer Stunde Wartezeit: "Manchmal ist das Essen aus, bevor die Schlange durch ist. Mir ist das schon mehrmals so ergangen und dann war mein Essen nur noch Brot mit Tee." Teilweise werde die Mahlzeit noch gefroren ausgegeben. Rosemeyer bestätigt dies. "Es ist wirklich unglaublich", sagt sie, der Helferkreis sei immer wieder um Korrekturen bemüht.

Der Erfahrungsbericht des 25-Jährigen endet mit einem Appell: "Wenn sich einer von uns falsch benimmt, bitte verurteilt nicht uns alle. Wir sind nicht alle schlecht."