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Kirchenasyl:"Sollen sie mich doch 14 Tage einsperren"

Attenkirchens Pfarrer Stephan Rauscher hat keine Angst vor dem Staatsanwalt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Immer wieder gewähren Pfarreien im Landkreis Flüchtlingen Unterschlupf, in Attenkirchen ist das bereits zum neunten Mal der Fall. Pfarrer Stephan Rauscher nimmt dafür auch Post von der Staatsanwaltschaft in Kauf.

Menschen in Not, die nichts besitzen und Angst um ihr Leben haben, Unterschlupf zu gewähren, ist für Pfarrer Stephan Rauscher aus den Pfarreien Nandlstadt und Attenkirchen selbstverständlich. Dafür nimmt er regelmäßige Post von der Staatsanwaltschaft in Kauf. Schon mehrmals sei gegen ihn wegen Beihilfe zur Strafvereitelung ermittelt worden, aber die Verfahren seien regelmäßig wegen Geringfügigkeit wieder eingestellt worden. "Das ist doch lächerlich", sagt Rauscher, "sollen sie mich halt 14 Tage einsperren, ich habe keine Angst."

Bereits der neunte Flüchtling, dem die Abschiebung droht, lebt auf Attenkirchner Kirchengrund und ist damit vor Verfolgung sicher, wie der Geistliche berichtet. Allerdings müssten die Flüchtlinge dort ausharren, sonst könnten sie von der Polizei verhaftet werden. Nur mit dem Pfarrer gemeinsam verlassen sie das Gelände, denn "mit mir zusammen tut ihnen keiner was", davon ist Rauscher überzeugt. Er selbst informiere jedes Mal selbst die Polizei, wenn er wieder einen Flüchtling aufnimmt, die den Vorgang dann weiter leiten müsse. Natürlich wolle er nicht gegen den Staat handeln, sondern einem Menschen in Bedrängnis helfen.

Auch Pfarrer Peter Lederer aus Sankt Georg in Freising nennt es selbstverständlich, einen Menschen in Not zu unterstützen. "Wir haben im vergangenen Jahr jemanden aufgenommen, es sollte nur für drei Wochen sein, dann sind drei Monate daraus geworden", berichtet der Geistliche. Pfarrer Wolfgang Lanzinger aus der Pfarrei Sankt Franziskus in Neufahrn bedauert, dass seine Pfarrei keine Kräfte habe, einem Flüchtling auf Kirchengrund Asyl zu gewähren, "uns fehlen die Leute und die Räume dafür". Grundsätzlich finde er es "großartig", wenn Kirchengemeinden bedrängte Menschen in Härtefällen aufnehmen, aber dafür benötige man ein gut funktionierendes Netzwerk und vor allem auch jemanden, der juristisch bewandert sei. Die Kirchengemeinde unterstütze jedoch den Helferkreis für Flüchtlinge in Neufahrn, berichtet Lanzinger.

In rechtlichen und humanitären Fragen zum Kirchenasyl können sich die Pfarreien an die Juristin Bettina Nickel vom katholischen Büro in München wenden. Dort werde jeder Fall genau geprüft - etwa ob eine besondere Härte vorliege und ob sich der Flüchtling für das Kirchenasyl eigne, schildert Nickel. Oftmals seien es sogenannte "Dublin-Fälle", zum Beispiel wenn ein junger Flüchtling in Polen erstmals registriert worden sei, seine Schwester dagegen in Deutschland, dann müsste der Bruder eigentlich wieder nach Polen abgeschoben werden. Damit die beiden zusammenbleiben dürfen und ihr Fall nochmals geprüft wird, könne man durch das Kirchenasyl Zeit gewinnen, berichtet die Juristin. Oder wenn ein Flüchtling in Deutschland Fuß gefasst, die Sprache gelernt und hier vielleicht eine Psychotherapie begonnen habe, aber wieder nach Italien abgeschoben werden solle, dann könne einige Zeit im Kirchenasyl helfen, um den Fall nochmals zu prüfen.

Auch evangelische Pfarreien haben bayernweit 88 Geflüchtete im Kirchenasyl aufgenommen, informiert Johannes Minkus, Pressesprecher der Evangelischen Landeskirche. Allerdings haben sich die allermeisten Pfarreien für das sogenannte "stille Kirchenasyl" entschieden, von dem keinerlei Informationen an die Presse gelangen. Daher möchte sich auch Freisings Pfarrerin Dorothee Löser zu diesem Thema nicht äußern.

Pressesprecher Minkus schildert, dass empfohlen werde, vor der Aufnahme eines Geflüchteten zu prüfen, welche anderen Unterstützungsmöglichkeiten es gibt - Kirchenasyl dürfe immer nur die letzte Möglichkeit sein, einem Menschen zu helfen. Jede Gemeinde entscheide für sich, ob sie einen solchen Schritt gehen wolle, so Minkus. Als ein Kriterium empfehle die evangelische Kirche ihren Mitgliedern zu prüfen, ob der Flüchtling eine Perspektive habe und in überschaubarer Zeit eine Klärung erfolge. Denn es habe Fälle gegeben, wo Menschen jahrelang im Kirchenasyl lebten und das habe alle Beteiligten überfordert, schildert der Pressesprecher.