Historie Namen statt Nummern

Kriegsgefangene beim Arbeitseinsatz: Im Moosburger Lager Stalag VII A überlebten vermutlich etwa 2000 Russen die Schufterei nicht.

(Foto: Repro: Marco Einfeldt)

Der Verein Stalag Moosburg klärt die Identität russischer Kriegsgefangener, die damals am Lagerfriedhof begraben wurden

Von Till Kronsfoth, Moosburg

"Nummern eine Seele geben - Archive erzählen von Schicksalen" - unter dieser Überschrift hat Historiker Karl Rausch Einblick in die Recherchearbeiten des Vereins Stalag Moosburg gegeben. Die selbst gesteckte Aufgabe, den Toten ihre Identität wiederzugeben, habe sich jedoch schwierig gestaltet, erzählte er. Der Vortrag ist Teil der Veranstaltungsreihe "Auf den Spuren verlorener Identitäten - Sowjetische Kriegsgefangene im Stalag VII A in Moosburg".

Der Verein beschäftigte sich intensiv mit dem ehemaligen Lagerfriedhof im Moosburger Ortsteil Oberreit. Die Gräber der dort bestatteten Kriegsgefangenen waren von den Lagermannschaften lediglich mit Nummern versehen worden. Erst in den Neunzigerjahren stellte sich heraus, dass die US-Amerikaner, welche das Lager befreiten, jene Lagerakten, die sowjetische Gefangene betrafen, an die Rote Armee weitergeleitet hatten. Mittels dieser Aktenbestände erstellt eine private Initiative in Russland seit etwa zehn Jahren eine Datenbank mit Informationen über die im Stalag Inhaftierten.

Auf diese Datenbank stieß Elke Abstiens vom Verein Stalag Moosburg. Nun begann die mühselige Recherchearbeit, so Rausch. Im Stadtarchiv Moosburg suchte man die Unterlagen über den Friedhof und fand die Nummern der Gräber. Diese wiederum waren auch in der russischen Datenbank vermerkt, zusammen mit den restlichen Daten der Gefangenen wie Name, Geburtsdatum und Herkunft. "Die Informationen waren jedoch auf Kyrillisch, sodass wir zunächst daran gehen mussten, die kyrillischen in lateinische Buchstaben zu übersetzen." So konnte das Team Stück für Stück die Identitäten der sowjetischen Kriegsgefangenen rekonstruieren.

Die Arbeit des Vereins offenbarte, dass die lange angenommene Zahl von 1000 toten sowjetischen Soldaten massiv nach oben korrigiert werden muss. So wurden Gefangene, die auf Arbeitseinsätzen außerhalb des Lagers erschossen wurden, in den Sterbelisten nicht dokumentiert, ebenso wie jene Gefangene, die in Konzentrationslager deportiert wurden und im Jargon der Wehrmacht als "entlassen" galten. "Mittlerweile gehen wir von rund 2000 Toten aus", sagte Karl Rausch.

Die Recherchen des Vereins dokumentieren auch den Umgang der Stadt Moosburg mit der Geschichte des Lagers und seines Friedhofes. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man die "Russenleichen" in Moosburg nicht mehr haben. 1958 wurden die letzten Toten exhumiert. Auf Veranlassung des damaligen Bürgermeisters Josef Erber wurde ein von der US-Armee gestifteter Gedenkstein vermutlich in einem nahegelegenen Steinbruch entsorgt.

Die Inschrift eines zweiten, der den polnischen Gefangenen des Lagers gewidmet war, wurde entfernt und durch "Unseren gefallenen Kameraden. Spielvereinigung Moosburg" ersetzt. Erst 2014 wurde dieser zweite Stein auf Initiative des Stalag-Vereins restauriert und in die Gedenkstätte Oberreit integriert. Gegen Ende seines Vortrages äußerte Historiker Karl Rausch dann noch einen persönlichen Wunsch: "Bis 2020, zum 75. Jahrestag der Befreiung, eine Gedenktafel, auf der die Namen aller toten Kriegsgefangenen verzeichnet sind."