Freising Niemand soll es wissen

Arm im Alter: Immer öfter reicht die Rente nicht zum Überleben, doch viele Senioren scheuen den Weg zu den Behörden

Von Regina Bluhme

- Josefa H. hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet, sie ist früh Witwe geworden und hat einen Sohn großgezogen. Doch ihre Rente reicht hinten und vorne nicht. Ihre kleine Wohnung in Freising kann die 70-Jährige nur halten, weil sie Lebensmittel günstig von der "Freisinger Tafel" bekommt. Arm im Alter - das ist auch in einer starken Wirtschaftsregion leider kein Einzelfall.

"Möchten Sie Kaffee?" Mit einem freundlichen Lächeln stellt Josefa H. (Name von der Redaktion geändert) zwei Tassen auf den kleinen Tisch und entschuldigt sich gleich, dass sie keinen Filterkaffee anbieten kann. Die 70 Jahre sieht man ihr nicht an. Das Gesicht ist dezent geschminkt, sie trägt getönte kurze Haare und eine adrette Bluse mit Rüschenkragen. Sie streicht über die blütenbestickte Tischdecke und sagt dann: "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so abrutsche." Doch die Rente reicht einfach nicht. Miete, Strom, Wasser, Lebensmittel - "ich musste schließlich zum Sozialamt gehen", berichtet Josefa H.. Dieser Schritt sei ihr sehr schwer gefallen: "Fragen sie mich nicht, wie ich mich gefühlt habe."

Inzwischen erhält die Rentnerin zusätzlich die sogenannte Grundsicherung. "Das ist keine Sozialhilfe, sondern eine eigenständige soziale Leistung, die den grundlegenden Bedarf für den Lebensunterhalt älterer oder erwerbsgeminderter Menschen sicherstellen soll", informiert Eva Dörpinghaus, Sprecherin des Freisinger Landratsamtes. Derzeit erhalten diese Leistung im Landkreis Freising 392 Menschen. Das Landratsamt rechnet damit, dass die Zahlen weiter leicht steigen werden. 2011 bezogen 366 Menschen Grundsicherung, das Jahr zuvor waren es 357.

Doch auch mit dieser Grundsicherung kommt Josefa H. nicht über die Runden. Seit Jahren leidet sie unter Diabetes und Rheuma. Sie schränkt sich ein, wo es geht, verbraucht so wenig Wasser wie möglich, "neue Schuhe sind nicht drin". Jetzt, Ende November, hat sie gerade noch 20 Euro auf dem Konto. "Ich bin blank. Man mag es kaum glauben", sagt sie leise. Sie zeigt auf ihr liebevoll eingerichtetes Wohnzimmer, mit der hellen Schrankwand und den farbenfrohen Bildern an der Wand. "Das kann ich nur halten, weil ich meine Lebensmittel bei der Freisinger Tafel hole", berichtet sie. Der Schritt hat sie große Überwindung gekostet. "Das erste Mal habe ich mich nicht rein getraut. Ich habe an der Straßenecke gestanden und habe nur geweint", verrät die 70-Jährige mit Tränen in den Augen.

Die "Freisinger Tafel" besuchen derzeit wöchentlich etwa 200 Berechtigte, die für sich und ihre Angehörigen das Hilfsangebot in Anspruch nehmen. "Damit versorgen wir sicher doppelt so viele Personen", schätzt Vereinsvorsitzender Eberhard Graßmann. Unter denen, die einen Berechtigungsausweis erworben haben, sind mittlerweile auch einige Menschen im Rentenalter. "Vielleicht, weil sie ein bisserl die Scheu verloren haben oder die Not größer geworden ist", vermutet Graßmann.

"Wir stehen am Fuß eines Berges in Richtung Altersarmut", ist Günter Miß überzeugt. Er ist Leiter der Sozial- und Schuldnerberatung der Caritas in Freising. Momentan liegt der Anteil der über 50-Jährigen, die bei ihm Rat suchen, bei 25 Prozent. "Allerdings haben wir eine unbekannte Zahl derer, die sich nicht melden." Denn immer noch scheue gerade die ältere Generation aus Scham den Weg zur Beratung, so Miß.

Josefa H. hat für den ersten Besuch bei der "Tafel" auch ihren ganzen Mut zusammen nehmen müssen. Heute ist sie froh, dass sie damals nicht weinend an der Ecke stehen geblieben ist. Einmal wöchentlich macht sie sich auf den Weg und holt für einen Euro Lebensmittel, am liebsten Gemüse. Mittlerweile geht sie sogar ganz gerne hin, verrät sie, weil die ehrenamtlichen Mitarbeiter auch mal Zeit für ein Gespräch haben. "Das tut gut", sagt die 70-Jährige. Und dennoch soll niemand wissen, dass sie dort Kundin ist. Am allerwenigsten ihr Sohn, der weit entfernt lebt: "Der darf das niemals erfahren."

Gerade für ältere Menschen, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, ist es oft schwer, Hilfe vom Staat in Anspruch nehmen zu müssen. Viele scheuen auch den Weg zu den Behörden oder in die Beratungsstellen.

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