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Freising nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs:Unbeschreibliche Szenen vor dem Wohnungsamt

Bombenangriff auf Freising 18.4. 1945

Die ausgebombte Eisengießerei der Schlüter-Fabrik. Dennoch nahm das Unternehmen schon zwei Wochen nach Kriegsende wieder die Arbeit auf.

(Foto: Stadtarchiv)

Die rasch wachsende Bevölkerung in der Stadt ist eine der großen Herausforderungen der Nachkriegszeit

Von Peter Becker, Freising

Im Mai dieses Jahres hat sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal gejährt. Die ersten Nachkriegsjahre schildert der 21. Sammelband des Historischen Vereins, der im Jahr 1950 erschienen ist. Verfasst hat ihn Anton Wandinger im Auftrag des Vereins. Die Nachfrage nach diesem längst vergriffenen Sammelblatt war aufgrund des Jubiläums so groß, dass sich der Historische Verein zu einem Nachdruck entschieden hat. In einer kleinen Serie veröffentlicht die Freisinger SZ einen Überblick über die Inhalte des Sammelblatts.

Neues Leben entstand laut Wandinger rasch aus den Ruinen. "Es folgte eine Maßnahme der anderen, Schritt für Schritt vollzog sich in zäher mühe voller Arbeit ein Neuaufbau und als dessen Folge eine neue Ordnung, die sich immer deutlicher abzuzeichnen begann." Ein erster Stadtrat war bereits am 6. September 1945 gebildet worden. Die erste Gemeindewahl nach dem Krieg fand am 26. Mai 1946 statt. Sie brachte der CSU 15, der SPD acht und der KPD einen Sitz. Am 17. Juni wählte der neue Stadtrat Karl Wiebel zum Oberbürgermeister und Josef Schels zu seinem Stellvertreter. Bei den nächsten Wahlen im Mai 1948 holten die neu gegründete Bayernpartei elf, die CSU acht, die SPD sieben, die "Flü-Parteien" drei, KPD und die Wirtschaftsaufbauvereinigung (WAV) und die Union der Ausgewiesenen je einen Sitz. Zum neuen Oberbürgermeister bestimmte der Stadtrat am 1. Juli 1948 Max Lehner, zu seinem Stellvertreter Karl Warmuth.

Viele Dinge waren Mangelware. Großer Andrang herrschte laut Wandinger an den Schaltern für Bekleidung. Hauptsächlich standen dort Bombengeschädigte, Flüchtlinge und Soldaten an, die keine Zivilkleidung mehr hatten. Letzteren drohte die Verhaftung durch die Amerikaner. Darum mussten die Uniformen schnell abgeändert werden.

Mangel herrschte ebenso an Brennmaterial. Holz musste sich die Bevölkerung in den umliegenden Wäldern selbst beschaffen. Wandinger sprach in diesem Zusammenhang "vom Sterben des heimischen Waldes". Kohlen gab es für die Bevölkerung in der Stadt erst wieder im Winterhalbjahr 1947/48, auf dem Land ein Jahr später. Falls diese nicht mit der Bahn anrollte, fuhren Lastwagen in die oberbayerischen Abbaugebiete. Als Gegenleistung verlangten die Grubenarbeiter Gemüse und Butter.

Eines der größten Probleme in der Nachkriegszeit in Freising war die Wohnungsnot. "Der Andrang und die Szenen, die sich Tag für Tag vor und in dem Wohnungsamt abspielten, waren unbeschreiblich", schilderte Wandinger. In Fragebogen mussten die Freisinger angeben, wie viele Räume sie in ihren Wohnungen zur Verfügung hatten. Beamte gingen von Tür zu Tür, um freie Zimmer ausfindig zu machen. Wandinger gibt als Grund für die "fürchterliche Wohnungsnot" das starke Anwachsen der Bevölkerung von 20 900 (1945) auf 27 733 Einwohner bis Ende 1948 an. Seit Kriegsende habe die Stadt 3461 Flüchtlinge, 1111 Evakuierte, 840 Ausländer und 1331 sonstige Personen unterbringen müssen. Für die Flüchtlinge waren die Turnhalle des TSV Jahn Freising, der "Landshuter Hof", das Schülerheim auf dem Domberg und ein Kindergarten an der Pfalzstraße beschlagnahmt worden. Auch im Weißbräu waren zeitweise Personen untergebracht.

Wandinger berichtete, dass der größte Teil der Einzelhandelsgeschäfte bereits im Mai 1945 wieder geöffnet hatte. Die Angst vor Plünderungen hatte sich gelegt. Von den Großbetrieben in der Stadt nahm die Motorenfabrik Schlüter schon zwei Wochen nach Kriegsende wieder ihre Arbeit auf. Nach dem Bau einer neuen Gießerei waren in der Fabrik Ende 1948 wieder über 500 Arbeiter beschäftigt. Schlimmer sah es auf dem Gelände der total zerbombten Maschinenfabrik Steinecker aus. Ein riesiger Berg von Schutt, eingestürzten Mauern und Eisenteilen bedeckte das Gelände, dem die Arbeiter mit Schaufeln, Pickeln und Hämmern zu Leibe rückten. Das Furchtbarste aber sei gewesen, berichtete Wandinger, dass unter den Trümmern immer noch die Leichen derer lagen, die beim Bombenangriff ums Leben gekommen waren.

Wandinger sah mit Freuden, dass wieder mehr Menschen in die Kirchen drängten. Dies habe vor allem in der ersten Fronleichnamsprozession seinen Ausdruck gefunden. "Es schien, als hielten die Menschen Einkehr und suchten nach den furchtbaren Jahren des Kriegs, der Bombennächte und vor allem der geistigen und religiösen Not neuen Trost in der Kirche und im Glauben."

Den Nachdruck des Sammelblatts gibt es in den Freisinger Buchhandlungen und bei der Verwaltung des Stadtmuseums, Major-Braun-Weg 12, Zimmer 101 am Dienstag und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr zum Selbstkostenpreis von zehn Euro

© SZ vom 27.10.2020

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