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"Literarischer Herbst" in Freising:Die Ängste der Mittelschicht

Sie will über die Klassenfrage nachdenken. Die Schriftstellerin Anke Stelling im Freisinger Schafhof, wo sie am Montag ihren Roman vorstellte.

(Foto: Marco Einfeldt)

Anke Stelling liest in Freising aus ihrem preisgekrönten Roman "Schäfchen im Trockenen".

Die Geschichte beginnt mit einer Kündigung, wie viele heutige Geschichten auch. Resi, so heißt die Protagonistin, muss für sich und ihre vier Kinder eine neue, bezahlbare Wohnung finden: Ob das noch möglich ist, wenn die Adresse "Berlin Prenzlauer Berg" lautet und man eine prekäre Arbeit als Schriftstellerin innehat? Jedenfalls begibt sich Resi auf die Suche, und von ihrer Enttäuschung, Bitterkeit, ja von ihrer Wut und Überlegungen über ihr Leben und das ihrer Freunde, erzählt sie ihrer vierzehnjährigen Tochter Bea.

Bea ist eine fiktive Person, sowie Resi und ihre Altbauwohnung fiktiv sind, und der lange Brief an sie ist nichts anderes als der letzte Roman von Anke Stelling "Schäfchen im Trockenen" (Verbrecher Verlag, 2018). Am Montagabend, im Rahmen der Reihe "Literarischer Herbst", wurde das Werk, das dieses Jahr mit dem renommierten Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, von der Autorin selbst vorgestellt und vorgelesen. "Das ganze Buch spielt sich im Resis Kopf ab, es ist eine Art Monolog", sagt die Autorin, die gerade aus Stuttgart kommt, wo ihr Roman zum ersten Mal auf der Bühne inszeniert wurde. Dann beginnt sie mit der Lesung: sie hat lange Textpassagen ausgesucht und sie mit bunten Haftstreifen markiert. Ungefähr eine Stunde liest sie, fast ohne Pause.

Anke Stelling wurde 1971 in Ulm geboren und ist in Stuttgart aufgewachsen. Mit 20 Jahren zog sie nach Berlin: Die Mauer war seit kurzem gefallen, die Stadt bot unzählige Möglichkeiten. Von 1997 an studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, 2002 kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie immer noch wohnt in einer Art Baugruppenprojekt, mit Mann und drei Kindern - ausgerechnet in jenem Viertel, das zum Symbol der Gentrifizierung geworden ist: Prenzlauer Berg; schaut man in ihre Biografie, tauchen sofort bestimmte Ähnlichkeiten mit der Protagonistin ihres Buches auf. Wo endet Anke, wo beginnt Resi? Beide kommen aus Schwaben, leben in Berlin, sind Mütter und Schriftstellerinnen. Das Lustigste vielleicht: Auch Resi erhält für ihr Buch einen Preis, genauso wie Anke Stelling. Autobiografisch ist der Roman allerdings nicht - vielmehr erzählt die Autorin die Ängste und Besorgnisse der Mittelschicht, die sie gut kennt.

"Die Literatur ist dafür da, um die Realität zu verstehen", sagt Stelling. Und für ihre Literatur greift sie auf das, was sie erlebt, zurück. Sie schreibt über Themen, die man in der Zeitung liest, auf Social Media postet, mit Freunden diskutiert. Themen, die den Alltag vieler Menschen betreffen, weil sie hochaktuell, brisant und nicht zuletzt umstritten sind. Sie sind privat, aber zugleich politisch: Eltern-Kind-Beziehung, Mietenwahnsinn, Privilegienverlust zum Beispiel. "Mir geht es in diesem Buch darum, über die Klassenfrage nachzudenken. Über die Idee des Neoliberalismus, der für mich an seine Grenzen gestoßen ist. Und über die Chancen, die man in Wirklichkeit hat", erzählt sie. Denn ist wirklich jeder seines Glückes Schmied?, fragt sie.

Ungefähr zwanzig Literaturinteressierte sind ins Café Botanika im Schafhof gekommen, überwiegend Frauen. Die Atmosphäre ist freundlich. Aus dem Publikum kommt die Frage, wie Männer auf den Roman reagieren. "Es kommen tatsächlich unterschiedliche Reaktionen", räumt die Autorin ein. "Es ist ein Frauenbuch. Resi ist eine starke Protagonistin, aber sie ist auch anstrengend mit ihrer Vehemenz, ihrer Wut - das irritiert den Leser, vor allem Männer. Außerdem sind Männer nicht trainiert, sich mit einer weiblichen Figur zu identifizieren, anders als umgekehrt".