Freising:Kirche darf mitreden

NSU-Untersuchungsausschuss

Heutzutage sei es wichtig, dass die Kirche sich auch politisch engagiere, sagt Günther Beckstein.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Günther Beckstein spricht zur Rolle der Glaubensvertreter

Von Verena Bracher, Freising

Zu Zeiten Martin Luthers sah sich die Kirche für das Paradies oder auch die Hölle zuständig, weniger für weltliche Probleme. Heutzutage sei es dagegen wichtig, dass die Kirche sich auch politisch engagiere, erklärte Günther Beckstein in einem Vortrag am Mittwochabend. Der ehemalige Ministerpräsident und aktive Protestant sprach im Rahmen einer Vortragsreihe des Bildungszentrums zur Frage "Wie politisch muss Kirche sein?". Am Ende fand er mehr Fragen als Antworten: Können Kirchen für die aktuellen Konflikte Lösungen bieten? Sollten Pfarrer von der Kanzel aus politisch Stellung beziehen? Sollte sich die Kirche in die Tagespolitik einmischen?

Knapp mehr als ein Dutzend Leute hatten sich zu dem Vortrag eingefunden. Die lockere Atmosphäre nutzte Beckstein, um viele Anekdoten und Passagen aus seiner Politiker-Zeit zu erzählen. "Ich bin kein Wissenschaftler", betonte er, und er könne nur seinen persönlichen Standpunkt vertreten. Als ehemaliges Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche und langjähriger Politiker habe er aber viele Erfahrungen gesammelt, als Christ im "Spannungsfeld Politik" zu bestehen. Oberste Instanz sei dabei immer sein Gewissen gewesen, erklärte er.

Wenn Glaube in der Gegenwart ausgelebt werde, sei Politik ein Bestandteil. "Können Kirchen die Lösungen finden? Sicher nicht. Sind Lösungen aber ohne Mitwirkung der Kirche denkbar? Ich glaube auch nicht", formulierte er seinen Standpunkt. Die Kirche habe viele Möglichkeiten, die die Politik nicht habe - sogar rhetorisch unterscheide sie sich vom Rechtsstaat. Das Wort Barmherzigkeit zum Beispiel komme in der Ausführung von Gesetzen nicht vor. Der Staat müsse Recht anwenden, während die Kirche auch Gnade walten lassen könne.

Beckstein befürwortete, dass auch Pfarrer sich politisch äußern, solange persönliche Stellungnahmen klar kenntlich gemacht seien. Die Kirche habe zudem die Aufgabe, Werte zu vermitteln. "Die soziale Marktwirtschaft ist ohne die Stellungnahmen der Kirche undenkbar", sagte er. Der Papst müsse mahnend auf Probleme hinweisen, ohne dabei an der Tagespolitik teilzuhaben. "Das Prinzip der Kirche ist nicht das Prinzip der Demokratie", sagte er. Während in der Kirche meist eine ewige Wahrheit gelte, bestünde Demokratie aus Meinungen, Diskussionen, Argumenten und Gegenargumenten. Und das sei auch gut so, denn davon lebe die Politik.

Im Anschluss an den Vortrag gab es eine rege Diskussion, in der viele persönlichen Standpunkte ausgetauscht wurden. Umweltpolitik, die Fehlbarkeit politischer Entscheidungen und die Sorge um die sinkende Popularität der Kirche wurden thematisiert. Beckstein zeigte sich zuversichtlich: "Es ist immer ein Auf und Ab." Global betrachtet nehme die Religiosität sogar zu.

© SZ vom 15.07.2017
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