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Freisinger Geschwister weltweit erfolgreich:Wie Yin und Yang auf der Matte

Ju-Jutsu-Geschwister Julia und Felix Paszkiewicz

Julia Paszkiewicz (im Bild) und ihr Bruder gehören zu den erfolgreichsten Ju-Jutsu-Kämpfern der Welt.

(Foto: Jörg Eschenfelder)

Die Geschwister Julia und Felix Paszkiewicz haben eine gemeinsame Leidenschaft: Die beiden Freisinger gehören zu den erfolgreichsten Ju-Jutsu-Kämpfern weltweit. Doch derzeit müssen auch sie pausieren.

Eigentlich wären sie jetzt mitten im Wettkampffieber. Mehrmals in der Woche würden sie im Dojo mit ihren Trainingspartnern anspruchsvolle Wurfkombinationen einstudieren und auf die Paris Open im April hintrainieren. Stattdessen sitzen Julia und Felix Paszkiewicz zuhause, machen mentale Übungen, Kraft- und Konditionstraining - und warten auf das Ende der Corona-Krise. Eine Trainingsmatte haben die Freisinger Ju-Jutsu-Geschwister länger nicht gesehen.

Julia und Felix Paszkiewicz gehören zu den erfolgreichsten Ju-Jutsu-Kämpfern der Welt. Beide sind mehrfache deutsche Meister, beide treten für den Nationalkader an, beide haben schon Medaillen bei Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und den World Games geholt. Jetzt sind alle ihre Wettkämpfe im ersten Halbjahr abgesagt oder werden verschoben, darunter auch die Europameisterschaft in Israel, für die die Geschwister gesetzt waren. Julia ist darüber eigentlich gar nicht so unglücklich, ihr Terminkalender war für dieses Jahr mit Wettkämpfen regelrecht vollgestopft: "Man kommt endlich dazu, seinen Trainingsplan mal durchzuziehen. Sonst klappt es nie, weil Lehrgänge oder andere Sachen dazwischenkommen." Ihr Bruder Felix ist da etwas anderer Meinung, für ihn wird die kommende Zeit zur Herausforderung. Er bezeichnet sich selbst als den fauleren, "vergesslicheren" der beiden Geschwister, Julia lacht zustimmend. Sie und ihr Bruder seien wie Yin und Yang, sagt sie. "Felix und sein Partner sind super talentiert und super faul. Wir waren erfolgreich, trainieren aber auch viel und sind disziplinierter."

Der Kampfsport Ju-Jutsu, er ist ein Sport der Extreme. Die Technikabfolgen muten an wie Kampfszenen aus Filmen, jede Bewegung muss stimmen. Ein kleiner Patzer kann im Wettkampf über Sieg oder Niederlage entscheiden. "Wenn man ein Turnier gewinnt, fühlt man sich wie der Größte. Wenn man beim nächsten Turnier verliert, fühlt man sich wie der größte Depp", so formuliert es Felix. Während es bei ihm sehr gut lief, ließ der Erfolg seiner Schwester im vergangenen Jahr etwas nach. An Ju-Jutsu fasziniert die beiden Geschwister aber genau das: Dass alles neben harter Arbeit von der Unberechenbarkeit der Tagesform abhängt. "Du stehst nur ganz oben, wenn du einen perfekten Tag hast", sagt Julia. "Das ist richtig hart."

Mindestens drei von vier Wochenenden sind die zwei Sportler in den Hochphasen der Saison unterwegs. Jedes zweite Wochenende sind Lehrgänge des Nationalkaders, an den anderen stehen Wettkämpfe an. Dazu kommen Mattentraining, vier Mal pro Woche, Kraft- und Konditionseinheiten. Der Sport ist die große Leidenschaft der Paszkiewicz-Geschwister. Wenn sie von vergangenen Kämpfen erzählen, geht es in den Geschichten immer um große Emotionen und um Tränen, mal der Freude, mal der Enttäuschung. Ohne den Kampfsport wäre nicht nur ihr Alltag ein anderer, sondern auch ihr Familienleben. Ihr Vater Adam war es, der sie, als sie noch klein waren, in den Anzug gesteckt und auf die Matte gestellt hatte. Und nicht nur das: Er trainiert sie auch, von Tag eins bis heute. Bei jedem Kampf steht er am Mattenrand. Adam Paszkiewicz hat das Ju-Jutsu-Dojo des SV Niederroth mitaufgebaut, bei dem seine Kinder trainieren. "Ich glaube, unser Vater hatte schon einen Plan für uns, bevor wir wussten, wie uns geschah", bemerkt Felix und lacht.

Ju-Jutsu-Geschwister Julia und Felix Paszkiewicz

Felix Paszkiewicz bei den Weltmeisterschaften in Abu Dhabi 2019.

(Foto: Jörg Eschenfelder)

Ihr Vater hat sie geprägt und ihnen früh Disziplin beigebracht, Julia Paszkiewicz denkt da an etwas Bestimmtes: "Ich habe mit sieben Jahren Bügeln gelernt - weil mein Vater wahnsinnig viel Wert darauf gelegt hat, dass die Anzüge schön und unverknittert sind." Während andere Gleichaltrige anfingen, abends wegzugehen, verbrachten Julia und Felix Paszkiewicz ihre Jugend vor allem in der Halle. Als Verzicht haben sie das nie empfunden: "Unsere ganzen Freunde waren da, eigentlich war es immer wie ein Wochenendausflug", sagt Felix. Mit ihren Trainingspartnern Johannes Tourbeslis und Ian Butler trainieren sie seit über zehn Jahren, sie sind "eine kleine Familie". Gerade Geschwisterbeziehungen sind aber oft von einem gewissen Konkurrenzdenken geprägt - ob das bei ihnen keine Rolle spielt? Nein, sagen beide. "Wenn Julia kämpft, bin ich viel emotionaler als sie selbst - und andersrum", sagt Felix, und wie so oft, wenn einer von den beiden etwas sagt, nickt der andere bestätigend. Manchmal stehen sich Julia Paszkiewicz und ihr Bruder aber auch auf der Matte gegenüber. "Wenn du da verlierst, sind das sehr gemischte Gefühle: Du freust dich für den anderen, bist aber selber enttäuscht", sagt Julia.

Ihr schönster sportlicher Moment ist weder für Julia noch für Felix Paszkiewicz einer der großen Titel. Die 24-Jährige nennt die südbayerische Meisterschaft, die sie sich vergangenes Jahr zum allerersten Mal holte. Ihr Bruder nennt eine Jugend-WM in Athen 2015. "Der Wettkampf fand auf dem alten Olympiagelände statt. Wir sind ohne Druck da reingegangen und sind Zweiter geworden. Und das mit einer unglaublich hirnrissigen Vorbereitung, bei der ich meinen Partner beinahe in den Rollstuhl befördert hätte", erinnert sich der 22-Jährige. Ein Wurf lief schief, Ian Butler kam mit dem Kopf auf. Bei ihm wurde zunächst ein Haarriss im Brustwirbel festgestellt - eine Fehldiagnose, wie man später herausfand. Nächstes Jahr soll es für Julia Paszkiewicz und Johannes Tourbeslis zu den World Games gehen, Höhepunkt für alle nicht-olympischen Sportarten. Felix Paszkiewicz fährt mit Ian Butler zu den World Combat Games. Und was ist das nächste Ziel, wenn die Corona-Krise vorüber ist? "Der nächste Wettkampf. Wieder oben angreifen", sagt Julia. "Eigentlich gibt es nur eins: die Goldmedaille", sagt Felix und lächelt. Da sind sie sich einig, wie Yin und Yang eben.

© SZ vom 28.03.2020

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