Zuflucht in Freising:"Wir müssen weiterleben"

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Zuflucht in Freising: Sie sind gerade dabei, in Freising Fuß zu fassen: Die Ukrainerin Svitlana Bilous (rechts) und ihre Kinder Miša und Sofia versuchen, sich auf das Jetzt zu fokussieren.

Sie sind gerade dabei, in Freising Fuß zu fassen: Die Ukrainerin Svitlana Bilous (rechts) und ihre Kinder Miša und Sofia versuchen, sich auf das Jetzt zu fokussieren.

(Foto: Marco Einfeldt)

Gut neun Monate sind seit Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine vergangen. Seitdem haben mehrere Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Zwei Familien erzählen von ihrem Leben in der Fremde und wie sie versuchen, in Freising Fuß zu fassen.

Von Lena Meyer, Freising

"In der Ukraine waren wir sehr glücklich", sprudelt es sofort aus Svitlana Bilous. Ihr Mann sei ein angesehener Professor an der Kiewer Universität für Lebens- und Umweltwissenschaften. Sie selber unterrichte dort Botanik, verfasste wissenschaftliche Arbeiten und wollte sich habilitieren. Bis sich in der Nacht des 24. Februars alles änderte.

Am Anfang hatte Bilous nicht glauben wollen, dass ein Krieg ausgebrochen war. Viele Ukrainer hatten mit einer solchen Eskalation nicht gerechnet. "Wenn du die Bomben über Kiew siehst, dann überlegst du nicht lange", beschreibt sie die Flucht mit ihren Kindern und erinnert sich an das Adrenalin, das sie angetrieben hatte. Zeit zum Packen blieb keine mehr. Mitgenommen hat die Familie nur die wichtigsten Dokumente und die Kleider, die sie am Leib trugen. "Wir dachten, nach ein paar Tagen wäre alles wieder vorbei." Doch der Krieg ging weiter.

Nach Weihenstephan hatte die Familie schon vor Kriegsbeginn gute Kontakte

Da Bilous und ihr Mann an der Universität arbeiten, hatten sie Kontakte zu anderen Professoren auf der ganzen Welt, auch zu Kollegen der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf in Freising. Einer von ihnen, Carsten Lorz, war es schließlich, der der Familie eine Unterkunft in einem Gebäudekomplex in Weihenstephan ermöglichte und sie mit Sachspenden unterstützte. Früher, so Bilous, seien die Räumlichkeiten als Labore genutzt worden. Jetzt sind sie seit Ende März ihr neues Zuhause. Eine Miniatur ihres Zuhauses in Kiew, mit einem einfachen Kochwürfel und einer kleinen Tafel, auf der in enger Handschrift Konjugationen deutscher Wörter stehen. Daneben hängt ein Familienfoto, das an eine ferne Heimat erinnert. Ebenso wie der ukrainische Honig, der sich in einem kleinen Schälchen den Platz mit Kaffee- und Teetassen teilt.

Am Campus darf Bilous weiter forschen, eine Ablenkung, die in der jetzigen Situation besonders willkommen ist. "Ich versuche, viel zu arbeiten, damit ich nicht so viel nachdenke", sagt die 35-Jährige. Für die Unterstützung und Hilfe werde sie Weihenstephan immer dankbar sein. Generell freue sich die Familie über die Gastfreundschaft, die sie in Freising und Deutschland erfährt. "Ich weiß, dass es schwierig ist, so viele Menschen aufzunehmen und ihnen zu vertrauen. Wir sind sehr dankbar", sagt Svitlana Bilous Tochter Sofia.

Mit dem Ehemann und Vater versucht die Familie jeden Tag zu sprechen

Durch die Kontakte zur Hochschule in Weihenstephan sei es einfacher gewesen, Fuß in der Fremde zu fassen. Für andere Familien sei es viel schwieriger, sie seien stark auf die Unterstützung der Helferkreise angewiesen, deren freiwillige Helferinnen und Helfer die Geflüchteten in ihrem Alltag begleiten.

Bilous und ihre Kinder sind offene Menschen, die viel lachen, neugierig die Stadt erkunden und eine positive Einstellung zeigen. Nur wenn das Handy schrillt und eine weitere Nachricht eintrifft, legt sich ab und zu ein Schatten über die Gesichter. Mit dem Ehemann und Vater versucht die Familie jeden Tag in Kontakt zu bleiben, doch sei es schwierig, erklärt Bilous, das hänge von der Stromversorgung und der Situation ab. Sie selber wollen positiv bleiben und versuchen, ihre Leben so zu leben wie in Kiew. "Wir müssen weiterleben", bekräftigt Sofia.

Die Schule in Freising findet der neunjährige Miša "super cool"

Die Vierzehnjährige besucht mittlerweile als Gastschülerin die neunte Klasse des Hofmiller-Gymnasiums in Freising. Das bedeutet, dass sie alle Prüfungen auf deutsch ablegen muss. Das sei eine ziemliche Herausforderung, sagt Sofia, doch sie zeigt sich ehrgeizig und wissensdurstig. Ihr neunjähriger Bruder Miša besucht die fünfte Klasse des Camerloher-Gymnasium. Die Schule gefalle ihm sehr, sagt er und beschreibt sie als "super cool." Seine Klasse habe ihn freundlich aufgenommen und mache es ihm leicht, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Gleichzeitig bietet die Schule Aktivitäten an, die die Kinder zusammenführen. Am Camerloher-Gymnasium geht Miša in eine sogenannte Brückenklasse, deren Ziel es ist, die ukrainischen Schüler schnell auf die deutsche Sprache vorzubereiten. Svitlana Bilous zeigt sich beeindruckt angesichts der vielen Bemühungen im Schulsystem: "Sie versuchen viel, um alles zum Positiven zu verändern."

Neben der Schule besuchen die Kinder Sportvereine - Freunde haben sie schnell gefunden. Das wird klar, sobald sie anfangen, die Namen zu erwähnen - und schnell die ganze Mannschaft aufzählen. Die Familie will sich auf das Jetzt fokussieren, die Sprache lernen, sich integrieren. Denn niemand wisse, wie lange der Krieg noch andauern wird. In der aktuellen Lage zurückzukehren, sei zu gefährlich, sagt Bilous.

"Meine Seele will nach Hause"

Alleine würde sie zurückgehen, sagt Anastasia Mazur. "Ehrlich gesagt, wäre mein Plan, ein Ticket zu kaufen und nach Hause zu fliegen", sagt die 33-Jährige. "Meine Seele will nach Hause." Doch Mazur ist nicht alleine. Im Juli brachte sie ihre Tochter Polina im Freisinger Krankenhaus zur Welt. Der Vater konnte bei der Geburt nicht dabei sein. Er ist in der Ukraine und kämpft für die Freiheit des Landes.

Zuflucht in Freising: Ihre Tochter Polina hat Anastasia Mazur in Freising zur Welt gebracht, sie ist schwanger ohne ihren Mann aus Charkiw geflohen.

Ihre Tochter Polina hat Anastasia Mazur in Freising zur Welt gebracht, sie ist schwanger ohne ihren Mann aus Charkiw geflohen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Als sich Mazur an den Beginn des Krieges erinnert, bricht ihre Stimme und ihr Blick wandert zur Decke, während sie ihr Neugeborenes schützend in den Armen hält. Das Grauen sei nicht in Worte zu fassen. "Stell dir vor, du hast einen Plan. Und plötzlich hast du nur noch Angst", sagt sie. "So etwas würde ich niemandem wünschen." Sie erinnert sich daran, wie die Frauen in den Kellern aneinander gedrückt saßen, wie groß ihre eigene Angst war, das ungeborene Kind zu verlieren. Der Stress sei schrecklich gewesen, die Angst ein täglicher Begleiter. "Putin verdient die schlimmste Strafe", sagt Mazur. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter die Schrecken sehen wird, die sie selber erleben musste. Also entschied sie sich zur Flucht. In der 22. Schwangerschaftswoche.

Der Helferkreis bräuchte dringend Unterstützung

Jetzt ist sie in Attaching untergebracht, in einem dreistöckigen Haus, in dem sich jeweils mehrere Flüchtlinge ein Stockwerk teilen. Teilweise auch die sanitären Anlagen und Küchen. Die Zimmer selber wirken unpersönlich, fast schon nackt und leer. Abgesehen von dem einfachen Tisch und einem Doppelstockbett, in dem die wenigen Habseligkeiten von Anastasia Mazur verstaut sind.

Inzwischen habe sie sich gut an die Domstadt gewöhnt, die Gärten der Nachbarn gefallen ihr besonders, auch wenn sie sich wundert, dass viele den Rasen mähen, obwohl dieser doch schon kurz sei. Dennoch fehle ihr die Weite ihrer Heimatstadt Charkiw und die gute Nachbarschaft, die sie gehabt habe. "Wenn ich mich besser ausdrücken könnte, wäre es viel leichter", sagt Mazur. Deswegen wolle sie die Sprache lernen, sollte der Krieg noch länger dauern. Dankbar ist sie für die Unterstützung des Helferkreises. So begleitet Helferin Eva Faraghi sie beispielsweise zum Amt und verbringt Zeit mit ihr. Faraghi ist eine der etwa 40 freiwilligen Helferinnen und Helfer, die sich im Landkreis engagieren. Das seien jedoch zu wenige, sagt die Sprecherin des Helferkreises für die Ukraine in Freising, Anne Scheer. "Wir brauchen viel mehr."

Ihr ist es wichtig, dass die Euphorie der Helfenden in Deutschland nicht abreißt. "Es geht jetzt um den langen Atem", so Scheer, und darum, die Menschen in ihrem Alltag zu unterstützen. Das könne schon die Hilfestellung bei den Hausaufgaben der Kinder sein. Gebrauchen könnte der Helferkreis auch funktionsfähige Geräte und verkehrstüchtige Fahrräder. Noch dringender werden jedoch Menschen gesucht, die sich Zeit für die ukrainischen Flüchtlinge nehmen können. Sprachkenntnisse seien von Vorteil, aber nicht zwingend notwendig, sagt Scheer. "Viele Sachen gehen auch mit Händen und Füßen."

Wer den Helferkreis für die Ukraine unterstützen möchte, kann sich bei Anne Scheer unter der E-Mail-Adresse ukr@fshk.de melden.

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