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Corona im Landkreis Freising:Die Solidarität rollt an

Auch das Klinikum Freising trifft strikte Vorsichtsmaßnahmen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Auf sozialen Netzwerken bieten immer mehr Leute älteren oder eingeschränkten Mitmenschen Hilfe an, für Besorgungen, Fahrten oder auch technische Hilfe beim Internetzugang. Erste Gruppen sind im Aufbau. Bei den professionellen Nachbarschaftshilfen spürt man die Nachfrage danach noch nicht so.

Von Francesca Polistina, Freising

Manchmal braucht man nur einen "ersten", der den anderen aus der Seele spricht. So war es auch bei Bettina Köhne. Als sie Mittwochabend in der Facebook-Gruppe "Freisinger Treffpunkt" ihre Unterstützung anbot für Menschen, die in Quarantäne sind oder aus Alters- und Gesundheitsgründen lieber zu Hause bleiben sollten, sammelte sie in weniger Zeit mehrere Kommentare. "Da biete ich mich auch gern an!", schrieb eine Nutzerin mit Angabe ihres Viertels, "würde auch gerne meinen Betrag dazu leisten" oder "Klasse Aktion!", so weitere Zwei. Auch eine Facebook-Gruppe "Nachbarschaftshilfe Freising" wolle man erstellen. Denn in Zeiten von Coronavirus, so der Gedanke dahinter, ist jede Hilfe gefragter denn je.

Doch was heißt genau Hilfe? Bettina Köhne, die in der Freisinger Innenstadt wohnt und von Beruf Landschaftsarchitektin ist, stellt sie sich so vor: "Ich biete meine Unterstützung beim Einkaufen und kleinen Besorgungen an, zum Beispiel wenn es darum geht, Medikamente in der Apotheke zu holen", sagt sie. Tätigkeiten also, die einem gesunden und fitten Menschen wenig ausmachen, für andere Leute aber eine erhebliche Belastung sein könnten. Sie will in der Innenstadt einige Zettel aufhängen, Nachbarn und vielleicht Ärzte informieren, auch auf nebenan.de, einer bundesweiten Internet-Plattform zur Förderung von Nachbarschaften, hat sie gepostet. Und natürlich Facebook: Zwar werden über das soziale Netzwerk ältere Leute eher nicht erreicht, doch die Quarantäne könnte alle betreffen - Digital Natives inklusive.

Auch Furkan Eciroglu will mitmachen. Der 21-Jährige, der gerade eine Ausbildung als Fahrlehrer absolviert, bietet seine Hilfe in Freising und Umgebung an, ihm sei die gegenseitige Unterstützung in kritischen Momenten "super wichtig". "Wir werden auch alt und da werden wir uns freuen, wenn wir Hilfe von jungen Menschen bekommen würden", sagt er. Er könnte sich zum Beispiel vorstellen, für mobilitätseingeschränkte Menschen einkaufen zu gehen oder sie zu ärztlichen Terminen zu fahren. Auch Giulia Villa, die am Campus Weihenstephan als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist, will gerne helfen: Einigen betagten Bekannten hat sie schon ihre Unterstützung angeboten, mit den Kollegen überlegt sie sich nun, Zettel auszuhängen, um eine Art organisierte Hilfe zu Stande zu bringen. "In Momenten wie diesen sollen wir zusammenhalten und nicht gegeneinander", sagt Daniel Eichhorn, der auch gerne seine Hilfe anbietet.

Fragt man bei den örtlichen Nachbarschaftshilfen nach, scheint die Situation im Landkreis noch ruhig zu sein - das könnte sich aber angesichts der jüngsten Entwicklungen schnell ändern. Martina Wilkowski, Leiterin der Nachbarschaftshilfe Hallbergmoos, sagt, sie habe noch keinen erhöhten Bedarf wegen des Coronavirus bemerkt: "Die Unterstützung älterer Menschen gehört schon zu unseren Aufgaben, der Bedarf ist allgemein groß und wächst, allerdings nicht unbedingt wegen des Coronavirus", sagt sie. Auch Luciana Ciccarella, Leiterin der Nachbarschaftshilfe Allershausen, hat noch keinen vermehrten Bedarf bemerkt, wohl aber, dass bei Initiativen wie dem Seniorennachmittag weniger Menschen anwesend waren.

Vor wenigen Tagen hat Kanzlerin Angela Merkel angesichts der Coronavirus-Krise zur Solidarität aufgerufen. Und Solidarität, wie Giulia Villa sagt, soll nicht nur von oben, sondern auch von "der Basis" starten. In den vergangenen Tagen haben sich deutschlandweit viele Menschen zur Hilfe bereit erklärt: Mal geht es darum, "unter den Arm zu greifen, falls benötigt", mal sind das konkrete Angebote, wie mit dem Hund spazieren zu gehen, bei der Kinderbetreuung oder bei technischen Problemen, wie mit dem Internetzugang, zu unterstützen. Auch das - nicht nur die gestohlenen Desinfektionsmittel und die Hamsterkäufe - ist das Leben in Zeiten von Coronavirus.

© SZ vom 14.03.2020

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