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"Archivstück des Monats Oktober":Umstrittene Zeremonie

Die frühere "First Lady" Paula Weber-Schäfer hat die "Freising" mit Wasser aus der Korbiniansquelle auf dem Weihenstephaner Berg getauft.

(Foto: Bungartz/oh)

Kurz vor dem Umzug des Münchner Flughafens ins Erdinger Moos werden zwei Flugzeuge auf "Freising" und "Erding" getauft. Manch einer wertet das als Verrat

Von Florian Notter, Freising

Am 17. Mai 1992 ist der neue Münchner Flughafen offiziell in Betrieb genommen worden. Wenige Tage zuvor, am Dienstag, 12. Mai, hatte auf dem Flughafengelände ein festliches Ereignis stattgefunden, das speziell den beiden Städten Freising und Erding galt: die "Taufe" zweier Lufthansa-Maschinen (Boeing 737-500) auf die Namen "Freising" beziehungsweise "Erding". Das Stadtarchiv hat die Taufe des Flugzeugs "Freising" zum Archivstück des Monats Oktober ausgewählt.

Die feierliche Flugzeugtaufe sollte vor allem ein Zeichen der Verbundenheit des Flughafens mit seinen Nachbarn sein, wie es Jürgen Weber, der damalige Vorstandsvorsitzende der Lufthansa, in seiner Ansprache kundtat. Dass die Lufthansa hier keine Kosten und Mühen scheute, macht besonders die große Zahl geladener Gäste deutlich: Gut 1000 Personen kamen an jenem Nachmittag im Mai in der neuen Wartungshalle der Lufthansa zusammen, um dem seltenen Ereignis beizuwohnen.

Nach Ansprachen der beiden Stadtoberhäupter, Oberbürgermeister Adolf Schäfer aus Freising und Bürgermeister Karl-Heinz Bauernfeind aus Erding, richteten sich alle Blicke auf die beiden "First Ladies", Paula Weber-Schäfer und Trixi Bauernfeind. Ihnen oblag es nämlich, die Flugzeugtaufe zu vollziehen. Als traditionsbewusste Städte nahmen weder Freising noch Erding die "Taufe" mit Champagner vor: So enthielt der Freisinger Krug Wasser aus der Korbiniansquelle auf dem Weihenstephaner Berg. Erding entschied sich dagegen für Weißbier.

Bevor sich das Wasser beziehungsweise Weißbier über den jeweiligen Flugzeugbug ergoss, sprachen die "First Ladies" noch den Taufspruch: "Ich taufe Dich auf den Namen Freising (beziehungsweise Erding) und wünsche Dir, Deinen Passagieren und Deiner Besatzung allzeit guten Flug." Am Morgen des 17. Mai 1992 sollten die beiden Maschinen die ersten sein, die nach dem spektakulären Umzug vom 16. auf den 17. Mai auf dem neuen Flughafen landen: die "Freising" aus Berlin, die "Erding" aus Frankfurt kommend. Nicht ganz nach Plan kam diesen Premierelandungen jedoch eine Aero-Lloyd-Maschine zuvor.

Wie der Flughafenbau selbst, so sei auch die Flugzeugtaufe in Freising und in Erding keineswegs unumstritten gewesen, erinnert das Stadtarchiv. Dies dokumentierten Leserbriefe in den Zeitungen. Die Freisinger SPD etwa boykottierte die Veranstaltung ganz. Die beiden Stadtspitzen sahen sich bei Flughafengegnern dem Vorwurf ausgesetzt, mit der Flugzeugtaufe den regionalen Flughafenprotest ein Stück weit zu verraten. 2012 wurde nach der Stadt Erding ein weiteres Flugzeug benannt. Freising hatte dasselbe Angebot erhalten, jedoch aufgrund der Diskussionen um den Bau einer dritten Start- und Landebahn abgesagt.

Die Fotografie des Freisinger Fotografen Herbert Bungartz zur Flugzeugtaufe durch Paula Weber-Schäfer stammt aus einem kleinen Album aus dem Privatbesitz der unvergessenen Freisinger Unternehmerin und Oberbürgermeister-Gattin. Nach ihrem Tod im Januar 2019 wurden dem Stadtarchiv Freising mehrere hundert Dokumente und Fotografien zur dauerhaften Archivierung übergeben. Der Nachlass wird derzeit erschlossen und dann unter der Bestandsbezeichnung "NLSp (Splitternachlass) Adolf Schäfer/Paula Weber-Schäfer" geführt.

QUELLEN: Stadtarchiv Freising, Splitternachlass Adolf Schäfer / Paula Weber-Schäfer; ebd., Zeitungssammlung, Freisinger Tagblatt, 12.03.1992, 15.04.1992 u. 14.05.1992; ebd., Zeitungssammlung, Freisinger Neueste Nachrichten, 14.05.1992.

© SZ vom 28.09.2020

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