Archivstück des Monats in Freising:Das bürgerlich-konservative Lager formiert sich

Lesezeit: 3 min

Archivstück März

Im Amtsblatt werden die Mitglieder der CSU in Stadt und Kreis aufgelistet.

(Foto: oh)

Am 19. Dezember 1945 erhielt die Freisinger CSU ihre Zulassung von der US-Regierung. Viele Mitglieder waren früher in der Bayerischen Volkspartei aktiv

Von Florian Notter, Freising

Angesichts der unbeschreiblichen menschlichen Katastrophe, in die Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Europa und die Welt geführt hatten, schien es im Mai 1945 kaum vorstellbar, dass noch im selben Jahr politisches Leben in Deutschland neu entstehen könnte. Tatsächlich wurden die Grundlagen dafür aber schon im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 gelegt.

Unter den hierin publizierten Beschlüssen der Potsdamer Konferenz schrieben die Siegermächte unter anderem fest, dass innerhalb der einzelnen Besatzungszonen "alle demokratischen politischen Parteien zu erlauben und zu fördern" sind und zwar "mit der Einräumung des Rechtes, Versammlungen einzuberufen und öffentliche Diskussionen durchzuführen". Ziel war es, die deutsche Selbstverwaltung zügig wiederherzustellen. Dies galt allerdings ausschließlich für die Landes- und Kommunalebene. Die Zukunft Deutschlands als Nationalstaat, einschließlich einer zentralen deutschen Regierung, lag zu jenem Zeitpunkt noch sehr im Ungewissen.

In der amerikanischen Besatzungszone, der bekanntermaßen auch Bayern (ohne die bayerische Pfalz) angehörte, wurde der Potsdamer Beschluss zur Wiedererrichtung demokratischer Strukturen am 27. August 1945 in Kraft gesetzt - durch eine Direktive des damaligen Militärgouverneurs der US-Besatzungszone (und späteren US-Präsidenten) Dwight D. Eisenhower. In den darauffolgenden Tagen und Wochen kam es überall im besetzten Bayern zu lokalen Aufrufen zur Gründung demokratischer Parteien. Tatsächlich regte sich bald wieder politisches Leben.

Während die SPD und die KPD dabei programmatisch und auch in Bezug auf ihren Parteinamen an die Zeit vor 1933 anknüpften, formierte sich das bürgerlich-konservative Lager dagegen neu. Gesellschaftliche und konfessionelle Gegensätze, die in der Weimarer Zeit zur Zersplitterung in mehrere bürgerlich-konservative Parteien (in Bayern vor allem Bayerische Volkspartei und Bayerischer Bauernbund) geführt hatten, sollten nun überwunden werden. So fasste im Spätsommer und Herbst 1945 die Idee der konfessionell und gesellschaftlich geeinten "Christlich-Sozialen Union" immer stärker Fuß. Die meisten lokalen Neugründungen gaben sich Ende 1945 diesen oder zumindest einen ähnlich lautenden Namen. Parallel zu den örtlichen Gründungen liefen die Vorbereitungen zur Gründung der Landespartei CSU. Sie sollte schließlich am 8. Januar 1946 von der Militärregierung ihre Zulassung erhalten.

In Freising formierte sich das bürgerlich-konservative Lager um einen Kreis von Personen, die teils schon vor 1933 innerhalb der lokalen Gruppe der Bayerischen Volkspartei (BVP) politisch aktiv gewesen waren. Dazu gehörten etwa der Buchdrucker Karl Warmuth (1903-1954), der Lehrer Alois Braun (1892-1963) oder der Hotelier Carl Dettenhofer (1885-1970). Ihnen schlossen sich Vertreter der jüngeren Generation an, so etwa der Rechtsanwalt Philipp Held (1911-1993), den die Militärregierung am 1. Oktober 1945 zum Freisinger Landrat bestimmt hatte. Über Helds Vater Heinrich Held (1868-1938), 1924 bis 1933 bayerischer Ministerpräsident (BVP), bestanden freundschaftliche Beziehungen zu Josef Müller ("Ochsensepp"), von 1945 bis 1949 erster Parteivorsitzender der CSU. Auf diese Weise verfügte die Freisinger Gründungsgruppe über beste Kontakte zu maßgeblichen Personen der landesweiten Initiative.

Die formale Gründung der CSU in Stadt und Landkreis Freising vollzog sich schließlich in der dritten Dezemberwoche 1945: Mit Datum vom 15. Dezember wurde der Zulassungsantrag bei der US-Militärbehörde in Freising eingereicht. Den strengen Zulassungsbedingungen entsprechend mussten den Antrag 25 von nationalsozialistischen Verstrickungen unbelastete Personen als Bürgen ("sponsors") unterzeichnen (es unterschrieben dann sogar 34 Bürgen); ferner waren dem Antrag das lokale Parteiprogramm und die Satzung in englischer und deutscher Sprache beizufügen.

Bereits vier Tage später, am 19. Dezember 1945, erhielt die Freisinger CSU ihre Zulassung. In der tags darauf erschienenen Ausgabe der "Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Freising" wurde die Zulassung schließlich publik gemacht (vgl. Abb.); bei jenen "Bekanntmachungen" handelte es sich um ein Amtsblatt, über das die lokalen Behörden und die US-Militärregierung das alltägliche Leben der Nachkriegszeit zu regeln versuchten. Die Zulassung der CSU bildet das Archivstück des Monats März.

Während sich die "Bekanntmachungen" in mehreren Exemplaren im Stadtarchiv in Freising erhalten haben, werden die originalen Dokumente zur Gründung, beziehungsweise zur Neugründung der Freisinger Parteien in den Jahren 1945 und 1946, so auch der CSU, in den National Archives der USA aufbewahrt. Dort finden sie sich innerhalb des Bestandes "Office of Military Government for Germany, US (OMGUS). Ein großer Teil der OMGUS-Dokumente wurde im Rahmen des so genannten "OMGUS-Projekts" von 1976 bis 1983 auf Mikrofiches verfilmt. Die Filme zu den Dokumenten, welche die Militärregierung in Bayern betreffen, liegen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München vor.

Quellen: Stadtarchiv Freising, Bibliothek, Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Freising, Jg. 1945. Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, OMGUS, CO 449/04, political parties applications (Mikrofich-Verfilmung von Originaldokumenten aus den National Archives der USA). Weiterführende Literatur: CSU Ortsverband Freising (Hg.): 40 Jahre CSU in Freising. Festschrift, Freising 1985; Gelberg, Karl-Ulrich: Vom Kriegsende bis zum Ausgang der Ära Goppel (1945-1978), in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. IV/1, München 2003, S. 635-956, bes. S. 757-789; Lanzinner, Maximilian: Zwischen Sternenbanner und Bundesadler. Bayern im Wiederaufbau 1945-1958, Regensburg 1996, bes. 33-58; Weisz, Christoph (Hg.): OMGUS Handbuch. Die amerikanische Militärregierung in Deutschland 1945-1949, München 1995

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