bedeckt München

Abriss des Neufahrner Pfarrhofs:Gebäude mit bewegter Geschichte

Der Abriss des alten Pfarrhofes geriet in Neufahrn zum Politikum, weil sich der Bauausschuss übergangen fühlte. Auch Anwohner wehrten sich dagegen - teilweise vor Gericht. Letztlich ohne Erfolg. Die Bagger sind schon angerückt, um auf dem Grundstück Platz für gut zwei Dutzend Wohnungen zu machen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der alte Neufahrner Pfarrhof wird endgültig abgerissen. Der von den Nazis verfolgte Pfarrer Johann Jungmann hatte ihn erbaut, ehe später der Korrespondent, Kameramann und Regisseur Helmut Ammon darin lebte

Von Birgit Grundner

Dass der alte Pfarrhof nicht zu retten ist, war schon länger klar. Jetzt wird das aber auch sichtbar: Die Abbrucharbeiten haben begonnen. Die mehr als 100 Bäume und Sträucher sind sogar schon seit Wochenanfang weg. Ein Bauträger wird auf dem 3000-Quadratmeter-Grundstück am Pfarrweg gut zwei Dutzend Wohnungen samt großer Tiefgarage errichten. Vergeblich haben sich Anwohner - zum Teil sogar vor Gericht - gegen das Projekt gewehrt. Auch die Gemeinderäte haben den Widerstand gegen die intensive Nachverdichtung inzwischen größtenteils aufgegeben - wegen Aussichtslosigkeit. Das Landratsamt hatte deutlich gemacht, dass es eine weitere Ablehnung für "nicht ermessensgerecht" hält und auch über den Kopf der Gemeinde hinweg grünes Licht für das Projekt geben kann.

Rückblickend gesehen, war der Kampf verloren, bevor er überhaupt begonnen hatte. Denn die Pläne für das Areal waren erst bekannt geworden, als das Bauamt bereits eine positive Stellungnahme verfasst hatte und der erste Vorbescheid des Landratsamtes längst draußen war. Weil der damalige Bauausschuss sich übergangen fühlte, wurde das Thema in Neufahrn auch zum Politikum. Bei "Facebook" wird unterdessen weiter diskutiert - und der Abbruch bedauert: "Ich finde es sehr schade, dass immer mehr von den alten Häusern abgerissen werden", schreibt ein User zum Beispiel: "Das alte Neufahrn verschwindet immer mehr."

1931/32 hatte der damaligen Pfarrer Johann Jungmann das Gebäude erbaut - "auf freiem Feld am westlichen Ortsrand hinter der Schule, dem heutigen Jugendzentrum", erklärt Ernest Lang. Der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins berichtet auch von dramatischen Ereignissen am Pfarrweg: Jungmann war in der Nazi-Zeit "aus dem Pfarrhaus heraus von der Gestapo als Mitglied eines Widerstandskreises und Gegner des NS-Regimes verhaftet worden und saß dann neun Monate in Einzelhaft ohne Verurteilung im Gefängnis Stadelheim". Nach dem Tod Jungmanns 1953 sollte der Pfarrhof auch für den nächsten Pfarrer Franz Götzberger zunächst das Wohnhaus sein. 1963, nach dem Bau der Franziskuskirche, zog der Geistliche aber in den in den neuen Pfarrhof an der Bahnhofstraße um.

Das Gebäude am Pfarrweg kaufte damals Helmut Ammon, eine Persönlichkeit mit spannender Vita. Er war einer der ersten Kameraleute beim Bayerischen Fernsehen, hat mit Walt Disney und Luis Trenker gedreht. Zwölf Jahre lang war er als Korrespondent, Kameramann und Regisseur für die US-Fernsehgesellschaften NBC und ABC im Nahen Osten, in Fernost und in Afrika unterwegs. Bei den Olympischen Spielen gehörte der Neufahrner zu dem Team, das auch den offiziellen Olympia-Film drehte. Später baute er in Oman ein Fernsehstudio auf und wurde eine Art Ehrenbürger.

Die Kontakte pflegte er auch von Neufahrn aus weiter: Da fuhr schon mal ein Scheich vor seinem Haus vor. Daneben erinnerte auch sein "Dienstwagen" an die Zeit in Oman: Den Buick mit exotischem Kennzeichen hatte er in die Heimat mitgebracht.

Im alten Pfarrhof hatte er sich für seine Arbeit ein Trickfilmstudio und ein Radiostudio eingerichtet . Außerdem hatte er eine umfangreiche, wertvolle Sammlung historischer Filmkameras und kinematografischer Geräte. "Helmut Ammon wollte seine Kamera-Sammlung geschlossen an ein Museum geben und den Pfarrgarten möglichst unverändert mit den rund 100 Bäumen und Sträuchern als grüne Lunge der Nachwelt erhalten," weiß sein Nachbar Ernest Lang. Leider habe er es versäumt, das auch per Testament festzulegen.

Auch aus Ammons Überlegungen, über eine Stiftung ein eigenes Museum einzurichten, ist nichts geworden. Als er 2010 ohne Kinder oder nahe Verwandte starb, vererbte er Pfarrhof und Garten einem jungen Ehepaar aus Hamburg, das er "nicht lange vor seinem Tod erst kennengelernt hatte", so Lang: "Das Paar wohnte wenige Jahre hier, verscherbelte als erstes die wertvolle Sammlung und verkaufte Haus und Garten meistbietend an einen Investor." Demnächst ist das Anwesen endgültig Geschichte.

© SZ vom 16.01.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema