Forschung Spezialisten können nicht alles

Jörg Schelling (links) und Jochen Gensichen sind Allgemeinmediziner aus Leidenschaft. Ihr Fach wird bei weitem unterschätzt, sagen sie.

(Foto: Matthias Döring)

Jochen Gensichen ist neuer Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin an der LMU. Er will das Ansehen des Hausarztes steigern, "einer der schönsten Berufe der Welt", sagt er

Von Martina Scherf

Jochen Gensichen ist ein sportlicher Typ. Aber der Spurt von der U-Bahn ins Büro hat ihn jetzt doch leicht außer Atem gebracht. Er lockert den Krawattenknoten, nur ein klein wenig, und entschuldigt sich für die geringe Verspätung: Die verschlungenen Wege zwischen den Kliniken in der Innenstadt und Großhadern sind neu für ihn. Er wird sie in den nächsten Monaten und Jahren noch öfter zurücklegen müssen: Seit Anfang Oktober ist der gebürtige Rheinländer Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität. Er soll das noch junge Fach, das bisher ein Schattendasein in der Medizinerausbildung fristete, voranbringen.

Der Hausarzt - kaum ein anderer Beruf genießt so viel Ansehen bei den Menschen. In der Ärzteschaft hingegen rangiert der Allgemeinmediziner eher am unteren Ende der Hierarchie. Die Kardiologen, Neurologen oder Gefäßchirurgen, sie blicken - wenn er ihnen überhaupt eines Blickes wert ist - eher herablassend auf den "Wald- und Wiesenarzt". Und auch die meisten Uni-Absolvent wollen nicht Hausarzt werden, schon gar nicht auf dem Land. Die Hausbesuche, die Rufdienste, der angeblich geringe Verdienst schrecken junge Ärzte ab. "Alles Quatsch", sagt Jochen Gensichen, "es ist einer der schönsten Berufe der Welt, und man kann immer noch sehr gut davon leben, oder was meinst du, Jörg?" Er schaut Jörg Schelling an, seinen Vorgänger, den er zu dem Gespräch dazu gebeten hat. "Hundert Prozent deiner Meinung", sagt der Kollege.

Schelling ist niedergelassener Arzt, in dritter Generation. Zusammen mit seinem Bruder führt er die Praxis seines Vaters weiter, der ebenfalls mit Leib und Seele Hausarzt war. Nebenbei hat er habilitiert und vor drei Jahren das Allgemeinmedizinische Institut an der LMU gegründet. Aber eine eigene Praxis, drei kleine Kinder und zugleich umfangreiche Forschung betreiben, die "international sichtbar ist", wie das von den Hochschulen heutzutage gefordert wird - das geht auf Dauer nicht. Deshalb wurde nun Gensichen geholt, der ebenfalls Allgemeinarzt ist, aber inzwischen nur noch wenige Patienten behandelt, und sich vielmehr als Wissenschaftler einen Namen gemacht hat. "Jörg Schelling ist der Praktiker, ich vertrete Forschung und Lehre, wir werden das in Zukunft eng verbinden", sagt Gensichen, und: "Die Praktiker sind die Vorbilder für die Studenten."

Die Allgemeinmedizin ist die älteste Medizin überhaupt. Wie kann es da sein, dass sie so aus dem Blickfeld der Forschung geriet? Schon Platon sagte doch, ein Arzt müsse den ganzen Menschen sehen. Und die Patienten wünschen sich nichts so sehr, wie dass ein Arzt ihnen zuhört und nicht nur Tabletten verschreibt oder Knochen einrenkt. Doch in der spezialisierten Hightech-Medizin gibt es heute für jedes Organ einen eigenen Arzt, aber kaum einer sieht noch den ganzen Menschen - außer einem guten Hausarzt. Weil ein solcher letztlich dem System auch Kosten spart, gerät der Beruf wieder mehr in den Fokus. Erst in jüngerer Zeit wird das bislang sträflich vernachlässigte Fach Allgemeinmedizin an den Hochschulen etabliert, noch längst nicht an allen. Die TU München hat im vergangenen Jahr einen Stiftungslehrstuhl in eine ordentliche Professur umgewandelt, die LMU will jetzt mit Gensichen und fast einem Dutzend neuer Stellen richtig einsteigen.

"Die meisten Studenten möchten Arzt werden - aber sie enden als Spezialisten", sagt Schelling, "deshalb sagen wir ihnen: Ihr könnt nicht nur Dermahistopathologe werden, sondern auch Hausarzt, dann habt ihr es mit dem ganzen Menschen zu tun."

Der ganze Mensch, er ist der Medizin aus dem Blick geraten. Gensichen hat an der Universität Jena eine Studie erstellt, die alle relevanten Akteure in der Behandlung eines Patienten, von der Intensivstation über die Fachärzte bis zurück zum Hausarzt vernetzt. Diese Studie hat bis in die USA Aufmerksamkeit erregt. "Das muss man sich mal vorstellen", erregt sich Gensichen, "das sollte das Normalste der Welt sein, schließlich arbeiten wir alle für ein und denselben Patienten. Aber die Zusammenschau kommt in der Praxis kaum vor."

Und was ist nun ein guter Hausarzt, eine gute Allgemeinärztin? Einer, der zuhört, der nicht nur in den Hals schaut, sondern auch die Lebenssituation seines Patienten kennt. Einer, der auch mal einen guten Rat für ein nichtmedizinisches Problem hat, sagen Gensichen und Schelling übereinstimmend. Der nicht bei jeder Erkältung Antibiotika verschreibt, die mehr schaden als nutzen - auch nicht am Freitagnachmittag, wenn der Patient unbedingt "noch schnell was fürs Wochenende will". Der bei älteren Menschen die Medikamente, die Fachärzte verschrieben haben, prüft und dosiert. "Ab der fünften Pille wird es kritisch", sagt Gensichen, "dann muss man das Risiko gegenüber dem Nutzen sorgsam abwägen." Und, ganz wichtig: Einer, der nicht nur den Körper, sondern auch die Seele seines Patienten sieht.

Ob Rückenleiden oder Schwindel, sehr viele Beschwerden haben psychosomatische Ursachen, sagt Gensichen. Diese Zusammenhänge sind sein Forschungsschwerpunkt. Einige seiner Empfehlungen haben Krankenkassen übernommen. "Seelische Probleme überlagern alle anderen Erkrankungen. Wenn ein Diabetespatient kommt, der zudem an einer Depression leidet, dann muss ich erst die Depression behandeln, sonst wird er auch seine Diabetes nicht in den Griff kriegen", sagt der Arzt.

Nun scheuen es aber viele Ärzte, sich auf die Psychoschiene zu begeben, weil sie nicht wissen, wie sie das steuern können. Da gebe es "gut funktionierende Methoden", sagt Gensichen: gezielte Fragen, für die Patienten in der Regel dankbar seien, weil sie die Probleme schnell einkreisen. Und regelmäßiges Nachfragen - schließlich kennt ein Hausarzt viele Patienten über Jahre. "Wenn man die Besuche mal zusammenzählt, dann dauert manche Arztbeziehung doch länger als manche Ehe", sagt Gensichen und lacht.

Gensichen spricht schnell, seine Augen fixieren sein Gegenüber durch die schwarz gerandete Brille. Der Mann hat eine Mission. Man darf annehmen, dass er sich in der Medizinischen Fakultät, die ein Haifischbecken mit Konkurrenzkämpfen und Eitelkeiten ist, Gehör verschaffen kann. Auch Fortbildungen für niedergelassene Ärzte will er vorantreiben, "pharmafrei", mit Referenten aus der Praxis oder von Hochschulen. Und mit seiner Stiftung Allgemeinmedizin will er das Ansehen der Hausärzte in Wissenschaft, Wirtschaft und Medien fördern.

So beschleunigt, wie er spricht, so beschleunigt lebte er bisher auch: Geboren in Wesel am Rhein, hat er Pädagogik, Medizin und Gesundheitswissenschaften studiert, zuerst in Köln, dann kamen Stationen in Hannover und die Habilitation in Frankfurt (Thema: Depressionsbehandlung in der Hausarztpraxis), weiter nach Kiel, Seattle/USA und zuletzt Jena, wo er das Institut für Allgemeinmedizin aufgebaut hat. Jetzt also München. Auch an der LMU hat er in jungen Jahren schon mal kurzzeitig studiert. "Ich bin jetzt 52 und habe genug vom ständigen Bahnfahren", sagt er, "ich freue mich sehr auf München." Seine Frau wird nachkommen, Kinder, auf die Rücksicht zu nehmen wäre, hat das Paar nicht.

In Bewegung bleibt der dynamische Doktor dennoch. "Ich renne gerne", sagt er, "und freue mich, dass München eine Fahrradstadt ist. Mit dem Rad kommt man am schnellsten voran." Wie schnell Münchens Radler unterwegs sind, hat ihn aber doch überrascht. "Ich habe mir gleich Helm und Licht gekauft, damit ich mich auf dieses Rennen einlassen kann."

Und wenn er wirklich mal zur Ruhe kommt, geht er gerne und oft in die Oper. In der Alten Oper Frankfurt war er Theaterarzt, vielleicht klappt das ja auch im Nationaltheater. Dann kann er einfach mal zuhören und genießen. So oft fällt ja keiner im Theater in Ohnmacht.

Ein Umzug wird ihm aber nicht erspart bleiben: Das Institut für Allgemeinmedizin, derzeit noch provisorisch in der Pettenkoferstraße, wird ins historische Mutterhaus der Uniklinik an der Ziemssenstraße ziehen, wo einst Nonnen die Patienten pflegten. "Das freut mich, an die Tradition dort anknüpfen zu können", sagt Gensichen, "Caritas ist ja einer der Grundgedanken der Medizin."