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Flüchtlinge in München:Blick in eine ungewisse Zukunft

Am Ende trugen die Flüchtlinge ihren Protest auf die Bäume.

(Foto: Robert Haas)

Nach dem Hungerstreik in München geht es den meisten Flüchtlingen zumindest körperlich wieder gut. Wie es für sie weitergeht, wissen sie nicht. Kaum einer von ihnen kommt aus München - zu dem Protest haben sie über ein Netzwerk zusammengefunden.

Von Thomas Anlauf

Sie stammen aus Nigeria, Pakistan, Afghanistan, Senegal, Somalia und Burkina Faso. Und sie reisten aus ganz Deutschland an, um am Sendlinger Tor in den Hungerstreik zu treten. Muhammed Q. ist einer von ihnen. Am Freitagmorgen, dem Tag nach dem dramatischen Ende des Flüchtlingsprotests, klingt seine Stimme müde und belegt. "Den Leuten geht es jetzt besser", sagt er am Telefon. Einigen sei noch übel nach dem Hungerstreik, aber sie bekämen medizinische Behandlung.

Muhammed Q. ist einer von sieben Flüchtlingsaktivisten, die Sozialreferentin Brigitte Meier am Donnerstag persönlich in ein Hotel im Münchner Süden gebracht hat, nachdem sie ihren Protest aufgegeben und von den Bäumen gestiegen waren. Bis Montag dürfen sie dort bleiben. Wie es danach mit der Gruppe Protestierender weitergeht, weiß Muhammed Q. nicht. Seine Flüchtlingsunterkunft ist nicht in München, sondern in Niederbayern.

Woher die protestierenden Flüchtlinge kommen

Die meisten der Flüchtlinge, die eine Woche lang mitten in München aus Protest gegen die Unterbringung in Massenquartieren jede Nahrung verweigert hatten, stammen gar nicht aus der Landeshauptstadt. Sie haben sich bundesweit organisiert, um nach München zu reisen. "Ein bis zwei" seien es, die in München untergebracht sind, sagt Q., die anderen kämen teils aus Köln, Berlin, Hamburg. "Refugee Struggle for Freedom" nennt sich die Plattform einer Vereinigung von sogenannten Non-Citicens, die bereits seit zwei Jahren deutschlandweit aktiv ist und über die sich die Flüchtlinge nun in München getroffen haben.

Im September 2012 marschierten Dutzende Flüchtlinge nach Berlin, um dort zu demonstrieren. Seit einem Jahr ist "Refugee Struggle for Freedom" ein lockeres Netzwerk. Auch der Hungerstreik im Juni 2013 am Rindermarkt ging auf das Netzwerk zurück. Die Anreise nach München in der vergangenen Woche haben sich die Flüchtlingsaktivisten vermutlich über ein Spendenkonto finanziert, sagt Ben Rau vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Es gebe von verschiedenen Flüchtlingsinitiativen Spendenkonten. Eine richtig feste Struktur habe das Netzwerk dennoch nicht, sagt Rau. "Ich glaube weniger, dass das von längerer Hand geplant war."

Die Stadtratsfraktion der Bürgerlichen Mitte hingegen behauptet, es gebe "Drahtzieher" des Flüchtlingsstreiks, bei den Protestierenden handle es sich um "Flüchtlingstourismus". Das ist allein deshalb unwahrscheinlich, weil die 32 Flüchtlinge, die dem Kreisverwaltungsreferat und dem Sozialreferat namentlich bekannt sind, in vielen verschiedenen Unterkünften in Deutschland leben. Und auch die unterschiedlichen Nationalitäten lassen vermuten, dass sich die Männer untereinander nicht oder kaum kennen.

Von Pakistan nach Griechenland - zu Fuß

Q. selbst stammt aus Pakistan, wie acht weitere Männer vom Protest-Camp. Der junge Mann floh als Minderjähriger ohne Eltern zu Fuß bis nach Griechenland, wo er drei Jahre lebte, um dann weiter nach Deutschland zu fliehen. Über seine Mitstreiter will er nicht viel erzählen, nur so viel: Keiner von ihnen sei verheiratet, es sind auch viele junge Männer darunter. Einer sei erst 19 Jahre alt.

Sie ahnen, dass sie wohl nicht in München bleiben können, schon gar nicht in dem Hotel, wo Oberbürgermeister Dieter Reiter sie "erst mal zur Ruhe kommen" lassen wollte, wie Sozialreferentin Brigitte Meier sagt. Ab Dienstag werden die Flüchtlinge wohl in ihre zugewiesenen Unterkünfte gebracht. Doch noch im Dezember sollen sie zurückkehren - zu einem Treffen mit politischen Vertretern auf Bundes- und Landesebene, zu dem Reiter eingeladen hat.

© SZ vom 29.11.2014/infu
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