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Filmtheater in der Maxvorstadt:Abschied vom Gabriel

Nach 112 Jahren Kinogeschichte besichtigen Besucher ein letztes Mal die alten Säle des Kinos in der Dachauer Straße - und sonst verborgene Gänge

Für die Familie ist es schon schlimm", sagt eine ältere Dame und seufzt. Man könnte meinen, es sei ein Familienmitglied gestorben. Für manche fühlt es sich vielleicht auch ein bisschen so an. 112 Jahre lang sind Münchnerinnen und Münchner ins Gabriel gegangen, ins älteste Kino der Stadt. Wer die Geschichte des Filmtheaters kennt, weiß: Es dürften in manchen Jahren wohl mehr männliche Besucher gewesen sein, doch dazu später mehr. Was der Dame so aufs Gemüt schlägt, ist das Ende des Gabriels.

Die schlechte Nachricht kam bereits im Januar, das berühmte Haus in der Dachauer Straße werde schließen. Wann genau, erfuhr man ziemlich abrupt im April, als einfach kein neues Wochenprogramm mehr im Internet zu finden war. Für Alexandra Gmell kam das Ende nicht überraschend. "Seit drei bis fünf Jahren haben wir überlegt, das Gabriel zu schließen", sagt die Kinochefin. Seit 1936 wurde es von Gmells Familie betrieben, zuletzt von ihr zusammen mit ihrem Vater Hans Walter Büche, in vierter Generation. Sie mussten sich oft neu erfinden.

In den Sechzigern hat sich das Gabriel zum Pornokino gewandelt - und blieb das bis in die Neunzigerjahre.

(Foto: Stephan Rumpf)

In den Sechzigerjahren entwickelte sich das Kino als Reaktion auf das Fernsehen zu einem Pornokino. Filme wie "Lass jucken Kumpel" oder "Das Triebtier" hielten das Gabriel am Leben, weshalb auch ganz offen darüber gesprochen wird. In den Neunzigerjahren wurde das Gabriel dann modernisiert und zeigte wieder Hollywoodstreifen. Die Konkurrenz etwa durch Videotheken oder heute Streamingdienste nahm zu und der Druck auf das Gabriel wuchs.

Es gab zwar verschiedene Versuche, Münchens ältestes Filmtheater zu retten, etwa durch Veranstalter Till Hofmann und Regisseur Marcus H. Rosenmüller. Auch gab es Überlegungen der Stadt, das Kino aufzukaufen. "Das kam alles erst, als es schon zu spät war", sagt Alexandra Gmell. Kein Flackern und Flimmern mehr. Trotzdem hat sich in dieser Woche noch einmal eine kleine Trauergemeinde von etwa 70 Menschen im Gabriel versammelt, um sich gemeinsam zu erinnern. Was man am Häufigsten hört, ist "Schade", verbunden mit einem Seufzer oder wehmütigem Blick. Aber auch an die meisten "Schade"-Sager hat Alexandra Gmell schon lange kein Kinoticket mehr verkauft.

Im Foyer des Gabriel stehen und hängen überall die Pornofilm-Plakate vergangener Tage neben neueren Postern. "Stewardessenfieber" neben "Hellboy", "Sexplosion" neben "25 km/h". Zwei Musiker unterhalten auf Bass und Gitarre mit Lounge-Musik. Das Popcorn, das in kleinen Tütchen auf dem Tresen steht, verbreitet den vertrauten Kinogeruch, gleich könnte der nächste Film starten.

Das Gabriel ist mit der Schließung natürlich kein Einzelfall. Gerade erst haben sich die Kinos Münchner Freiheit verabschiedet. Und die Liste einstmals konkurrierender, aber auch irgendwie verbündeter Spielstätten, die schon vorher verschwanden, ist lang. Allein seit 2010 sind das Filmcasino, Tivoli-Theater, Atlantis und Eldorado verschwunden.

Noch lagern die Filmrollen im Keller des Kinos. Was jetzt damit passiert? Unklar.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wenn man sich mit Alexandra Gmell unterhält, dann merkt man ihr die Begeisterung für Filme und Kinos an. Am liebsten seien ihr Matinees, dafür würden sich nur die wahren Filmliebhaber aus dem Bett quälen. An diesem letzten Tag wirkt sie gehetzt. Viele wollen mit ihr reden: Dankbarkeit beteuern, Bedauern ausdrücken, Fragen stellen. Gmell verteilt Umarmungen. Große Trauer lässt sie sich nicht anmerken, sie müsse eher andere Menschen trösten: "Ich hatte so viele heulende Leute bei mir im Arm liegen."

Im Kino fließen keine Tränen, wenn auch manche Augen feucht sind. Gekommen sind Studierende der Filmhochschule, die noch nie im Gabriel waren, genauso wie ein 50-Jähriger, der sich mit den Worten "mein Stammplatz", in den Kinosessel fallen lässt. Ein fast 80-jähriger Mann erzählt, wie er in seiner Jugend "Der Dritte Mann" im Gabriel gesehen habe. Er sei immer gerne hergekommen, aber jetzt bestimmt schon 20 Jahre nicht mehr. Unter den Besuchern sind auch andere Kinobesitzer, die Präsidentin der Hochschule für Fernsehen und Film, Bettina Reitz, und ein Vertreter des Kulturreferats. Sie alle sitzen überwiegend in den vorderen Reihen, der Vorhang geht ein letztes Mal auf - ein Film wird aber nicht gezeigt. Stattdessen eine mit Anekdoten gespickte Rede über die Geschichte des Gabriel Kinos. Über Stummfilme in Abendgarderobe mit der Mass Bier im passenden Masskrughalter. Über Pornofilme mit Pärchen im Doppelsitz - "Liebesschaukel" genannt - und dem Pfarrer, der auf Gemeindemitglieder traf. Geschlossen wird dieser Programmpunkt mit einem Gedicht: "Ach, wenn auch viele Tränen fließen: Es hilft nichts, ich muss schließen!"

Der Schriftzug musste weichen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zu wie vielen Kino-Abschieden man wohl in nächster Zeit noch gehen wird? Nach etwas mehr als einem Jahrhundert sind vor allem kleine Kinos vom Aussterben bedroht. Die Streaming-Anbieter wie Netflix und Amazon fügen den Kinos großen Schaden zu. Immer neue Angebote, etwa von Disney oder Apple kommen hinzu. Die Digitalisierung geht auch an den Kinos nicht spurlos vorbei. Ist ihr Zeitalter damit bald endgültig vorbei? Alexandra Gmell hofft, dass die Schließung ihres Gabriels viele Menschen, die erst zu spät zur Rettung kamen, dazu bewegt, andere Häuser nicht im Stich zu lassen. Bevor das Ende nicht mehr aufzuhalten ist.

Sie führt das Publikum durch die sonst verborgenen Gänge. Hoch zum Vorführraum, wo die großen Projektoren bereits entfernt wurden: "Schade". Ein letztes Mal in das kleine Kino 2. Hinunter in die Katakomben, wo zwischen Staub und Spinnweben immer noch die große Sexfilmsammlung lagert, passend beleuchtet mit einem roten Scheinwerfer. Seit dem Jahr 1994 sind die "Schmuddelfilme" Geschichte, seit April ist auch das Gabriel selbst Geschichte. Was mit der Sammlung im Keller passiert, ist noch unklar. Vermutlich wird sie vernichtet.

Kinobetreiberin Alexandra Gmell lässt sich den Abschiedsschmerz nicht anmerken.

(Foto: Stephan Rumpf)

Um die noch bestehenden, bedrohten Kinos zu retten, wäre es sicher nicht verkehrt, das Smartphone einmal zur Seite zu legen oder den Flatscreen eben nicht anzuschalten - sondern sich stattdessen lieber in einen der noch verbliebenen Kinossäle zu wagen. Solange es die kleinen Lichtspielhäuser noch gibt.

Das altehrwürdige Gabriel hat es nicht geschafft. Am Ende werden die Leuchtbuchstaben an der Hausfassade draußen an der Dachauer Straße entfernt. Zurück bleibt ein schwarzer Abdruck, noch als Gabriel zu erkennen, der von der vergangenen Zeit und all den Kino-Momenten zeugt, die Zuschauer in den beiden Sälen erlebten. Alexandra Gmells Vater, Hans Walter Büche, hat das Kino seit 1966 geführt - zum Abschied will er nicht viele Worte verlieren. Nur das: "Es war eine schöne Zeit."