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Festival:Klingendes Lebenszeichen

Singer Pur

Experten für Vokalwerke: Die Stimmen von "Singer Pur" sind das Zentrum des Festivals.

(Foto: Markus Amon)

Die zweiten "Singer Pur Tage" auf dem Adlersberg

Von Andreas Meixner, Regensburg

Der Adlersberg hat in den vergangenen Jahrhunderten vieles mitgemacht. Kriege, Plünderungen, Zerstörung, Hungersnöte, Reformation und eine Reihe von Seuchen und Epidemien. Aber die alte Klosterkirche gibt es immer noch, unbeeindruckt thront sie seit Generationen auf dem Plateau des Hügels wie ein Fels in der Brandung. Und auch die "Singer Pur Tage" trotzen in ihrer zweiten Auflage den widrigen Umständen der anhaltenden Epidemie und reduzieren sich auf das Wesentliche: die Musik.

Keine Workshops, kein Festivaltreiben, kein Lichterzauber vor der Kirche, kein "composer in residence" und eine reglementierte Anzahl von Zuhörern. Mehr aber, als man noch vor wenigen Wochen erwarten durfte. Nur drei konzentrierte Konzertmomente unter dem Titel "Música Ibérica", mit Musik aus dem spanisch-portugiesischen Kulturraum. Da schwingen viel Folklore und südeuropäische Glaubensseligkeit mit, Glöckchen und allerlei Schlagwerk verzieren die lebendigen Motetten der Marienverehrung. Nora Thiele ist als Perkussionistin da voll in ihrem Element, mal zärtlichst anschmiegsam, dann wieder zupackend und mitreißend mit Kastagnetten und Rahmentrommel. Mit dem schottischen Lautenisten Hugh Sandilands bildet sie zudem in kleinen Instrumentalintermezzi ein kongeniales Duo voller Charme und Spielwitz.

Die Formation Singer Pur hat sich für das Festival mit der Sopranistin Monika Mauch verstärkt, verschafft sich dadurch ein Stück mehr klangliche Flexibilität in meist fünf- bis siebenstimmigen Vokalwerken. Gekonnt ordnet sich die renommierte Sängerin in die Gruppe ein, glänzt zudem auch als Solistin mit fein ziselierter Ausdruckskraft. Neu dabei auch der Bariton Jakob Steiner als Nachfolger des langjährigen Ensemblemitglieds Reiner Schneider-Waterberg. Das Ensemble verlässt über die Strecke nie seine Klangkultur, lässt sich aber vom feurigen und inbrünstigen Naturell der Musik anstecken, wirkt lautmalerischer, affektierter und solistischer.

Lediglich am zweiten Konzertabend öffnet sich mit den Lamentationes aus der Feder von Alonso Lobo und dem Requiem von Tomás Luis de Victoria der gewohnte Klangrausch, der Zeit und Raum völlig vergessen lässt. Lebensfreude, Tod und Leid stehen in der iberischen Musik auf Tuchfühlung. Wenn sich die Dissonanzen in Vicente Lusitanos "Heu me, Domine" fast unlösbar verschränken, dann lässt dieser klagende Ruf nach Erlösung niemanden kalt, auch nicht nach fast 500 Jahren. Lange anhaltende Stille am Ende, niemand möchte diese Kontemplation brechen.

Mit dem Abschlusskonzert am Sonntag kehrt exaltierte Lebensfreude und fröhliche Frömmigkeit zurück in das Kirchenschiff, immer wieder öffnen sich einstimmige Pilgerlieder, die in der Mehrstimmigkeit aufgehen. Einmal mehr nimmt die Marienverehrung einen gehörigen Platz ein, furios setzt Singer Pur mit Mateo Flechas "La bomba" einen kraftvollen Schlusspunk unter die drei Tage.

Die Anspannung, die dem ersten Konzert ein wenig die Leichtigkeit raubte, ist verflogen. Das Finale des Festivals wird zu einer Fiesta der spanischen Renaissancemusik, die "Singer Pur Tage" zu einem strahlenden Lebenszeichen der Kulturlandschaft, die es nach besten Kräften zu erhalten gilt. In der Nachfolge der Stimmwercktage hat das kleine Renaissance-Festival schon im zweiten Jahr seines Bestehens einen völlig eigenständigen Charakter entwickelt. Das macht Lust auf mehr. Auf viele weitere Sommer im August. Auf dem Adlersberg.

© SZ vom 11.08.2020

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