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Festival in Augsburg:Experimente wagen

Prominente und junge Künstler prägen das Brechtfestival

"Wundertüte", so nennt Jürgen Kuttner das Programm, das er mit Tom Kühnel für 2021 zusammengestellt hat. Es ist das zweite Mal, dass das Duo am Werk ist. Und wie schon im Jahr zuvor, fallen bei den eingeladenen Künstlern des Brechtfestivals einige Namen auf, die sich größerer Prominenz erfreuen: Schauspieler wie Corinna Harfouch, Charly Hübner, Stefanie Reinsperger, Winnie Böwe, Hanna Hilsdorf - um nur einige zu nennen. Zum Brechtfestival gehören aber ebenso Bands wie die ukrainischen Dakh Daughters oder Bernadette La Hengst mit der Banda Internationale und junge Augsburger Ensembles wie das "Theter"-Theater oder Bluespots Productions. Auch zwei Regiestudenten der Münchner Falckenbergschule sind mit ihren Produktionen eingeladen: Caroline Anne Kapp und Lennart Boyd Schürmann. Auch sie geben dem Festival ein Gesicht.

Im Gespräch mit den beiden jungen Regisseuren ist zu spüren, wie tief sie sich in die Materie eingearbeitet haben und wie stark sie selbst nach eigenen künstlerischen Ausdrucksformen suchen. Der Fokus der diesjährigen Festivalausgabe liegt auf den Frauen um Brecht. Schürmann erzählt, ihn habe vor allem Marieluise Fleißer fasziniert. Für seine Produktion "tanikō (cold love)" blicke er auf Brechts "Der Jasager" und "Der Neinsager", gehe auf die Nô-Theater-Vorlage Tanikō zurück - um dann noch eine Wendung zu nehmen: Der 27-Jährige frage in seiner Inszenierung, was wohl Fleißer aus dieser japanischen Vorlage gemacht hätte. Schürmann dreht quasi den Spieß um: Brecht bearbeitete die Texte Fleißers - nun lässt er Fleißer Brecht beeinflussen. Was ein wenig nach Brecht-für-Experten klingt, will Schürmann mit sich und drei Schauspielerinnen als "Performance-Film" umsetzen, aufgenommen als One Take in einem Theaterraum. Konventionelles dürfte hier nicht zu befürchten sein.

Seine Mitstudentin Kapp geht einen ganz anderen Weg, der aber ebenso ins Experimentelle reicht und damit den Vorstellungen der Festivalmacher entspricht, neue Formate fürs Digitale zu finden. Kapp plant mit "Broken Brecht" einen "epischen Autorinnenschaftskrimi". Die 32-Jährige verbindet Computerspiel- mit Filmelementen. Anfangs soll der Zuschauer einen digitalen Raum betreten, den er erforschen kann. Dazu arbeitet Kapp mit einer Programmiererin zusammen, die den Schauplatz virtuell nachbaut: den Parkplatz vom V-Markt, ein kleiner ironischer Seitenhieb auf den "V-Effekt". Wer die Spielebene durchschritten hat, gelangt zum zweiten Teil von Kapps Beitrag, einem Film mit Krimi-Ermittlung.

Tatsächlich klingen die kreativen Zugriffe der jungen Regisseure nach der angekündigten "Wundertüte". Das Brechtfestival scheint diesmal eine Plattform für digitale Theaterexperimente zu werden.

© SZ vom 24.02.2021 / pop
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