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Festival:Fortschritt lässt sich nicht aufhalten

Alpine Zabine

Zabine Kapfinger, vielen noch bekannt als Hubert von Goiserns "Alpinkatze", zieht es jetzt auf den Dancefloor.

(Foto: Kulturbüro der Stadt Burghausen)

"Look Into The Future" in Burghausen vermischt munter die Genres - in diesem Jahr in schlanker Form

Von Oliver Hochkeppel, Burghausen

"Look Into The Future" hieß es bereits zwei Mal in Burghausen. Die Brüder Johannes Tonio und Cornelius Claudio Kreusch hatten der Stadt jeweils an Pfingsten ein neues Festivalformat zusammengebastelt: Aktuelle Musik aus allen Genres von der Klassik über den Jazz bis zur Weltmusik, aber auch andere Kunstgattungen von der bildenden Kunst bis zum Film, aus verschiedene Kulturen und bis hin zur Wissenschaft sollten sich dabei im wundervollen Ambiente des Klosters Raitenhaslach begegnen, ineinander verschränken und wegweisend in Austausch treten. Und das ganz nah am Publikum, unter anderem dank vom Elbphilharmonie-Pressesprecher Tom R. Schulz glänzend moderierten Podiumsgesprächen und Diskussionen bei jedem Programmpunkt.

Zweimal klappte das prächtig, "Look Into The Future" erwies sich als hochwertiger, genussvoller und lehrreicher als die meisten großen Festivals. Dabei half, dass die Kreuschs als erfolgreiche Musiker mit ebenfalls ganz unterschiedlichen Schwerpunkten - Johannes Tonio klassischer Gitarrist, Cornelius Claudio Jazzpianist - über die entsprechenden Kontakte verfügen, außerdem als Produzent oder Dozent arbeiten und obendrein bereits erfahrene künstlerische Leiter anderer Festivals und Reihen wie des Internationalen Hersbrucker Gitarrenfestivals oder der Ottobrunner Konzerte sind.

Trotzdem sah es für die dritte Ausgabe lange schlecht aus. Der Pfingst-Termin war im Lockdown sowieso nicht zu halten, und die Stadt hielt sich wegen der Unsicherheit wie der neuen Belastungen noch lange danach bedeckt. Doch die Kreuschs gaben nicht auf und überzeugten schließlich mit ihrem auf die Umstände angepassten Konzept und Programm. Trotz starker Kürzung des ohnehin überschaubaren Etats wird nun also von Donnerstag, 20., bis Sonntag, 23. August, ein schlankes "Look Into The Future III" stattfinden, diesmal als Open-Air im Klosterinnenhof (bei Regen im Ankersaal) und ohne das gewohnte Motto. Ewas Besonderes wird es trotzdem, denn wie gehabt sind alle vier Konzerte eigens für das Festival erdacht und sehen spektakulär anders aus als das oft zu sehende Notprogramm mit den ewig Gleichen.

Nur die Vorliebe fürs Unkonventionelle und Grenzüberschreitende eint die in Burghausen auftretenden Künstler, ansonsten kommen sie aus völlig unterschiedlichen Ecken. Und Vincent Segal, der den Auftakt mit einem Solokonzert unter dem Titel "A Wild Lottery Of Styles - Alone With A Cello" bestreiten wird, gleich aus mehreren. Segal gehört zu den wenigen Cellisten, die sowohl in der Klassik wie auch im Jazz, im Pop und in der elektronischen Musik einen Namen gemacht haben. Auf was man sich da freuen darf, beleuchtet schon der Lebenslauf des 53-jährigen Franzosen. Mit 19 gründete er das revolutionäre Duo Bumcello mit dem Schlagzeuger Cyril Atef, das unter anderem die "Victoires de la Musique" gewann, den französischen Grammy. Fast schon atemberaubend ist seine Vielseitigkeit: Er arbeitete mit Chansonniers wie Georges Moustaki oder Vanessa Paradis, mit den Diven der Kapverdischen Musik Cesaria Evora und Mayra Andrade, mit Repräsentanten der Musica Popular Brasileira wie Carlinhos Brown, Afrikanern wie Keziah Jonas oder Ballaké Sissoko, mit der dänischen Rocksängerin Dick Annegarn, dem Singer-Songwriter Elvis Costello, den amerikanischen Hip-Hoppern Blackalicious und - am bekanntesten - 2009 mit Sting bei dessen "If On A Winters Night ..."-Projekt.

Solo-Konzerte von Segal sind rare Ereignisse, in Burghausen hätte er theoretisch auch mit Bumcello spielen können, denn auch Cyril Atef ist hier. Allerdings unter seinem Pseudonym Papatef und in seiner Rolle als Sänger und DJ. Und in einer völlig neuen, sehr überraschenden Kombination. Der in Berlin geborene Sohn einer Französin und eines Iraners, der mit afrikanischer Musik in Los Angeles aufgewachsen ist und aktuell zu den gefragtesten Musikern der Paris Szene gehört, trifft mit seinem neuen Danceclub-Projekt auf die österreichische Sängerin, Tänzerin und Volksmusikerin Zabine Kapfinger, den meisten noch als "Alpinkatze" bei Hubert von Goisern, inzwischen aber auch durch Fernsehshows wie "Die große Chance" oder "Dancing Stars" im Gedächtnis. Ein exklusive, einmalige Begegnung weltmusikalischer Gegensätze.

Spanisch darf es einem dann am Samstag vorkommen. Mit der preisgekrönten Tänzerin Ana Morales ist einer der großen Flamenco-Stars zu Gast. Eine, die einem breiten Publikum durch Carlos-Sauras-Filme wie "Iberia" oder "Flamenco Hoy" des Regisseurs bekannt wurde und deren aktuelle Show neben dem Preis der Tanz-Biennale in Sevilla auch drei Lorca Awards gewann. Für ihre progressive Interpretation des Flamenco bekannt, kommt auch sie mit einem eigens für Burghausen zusammengestellten Programm an die Salzach: Begleitet vom Sänger Juan José Amador wird sie die Synergie zwischen Tradition und Moderne suchen.

Nachdem diese Konzerte jeweils um 19 Uhr auf Raitenhaslach stattgefunden haben, geht es zum Abschluss am Sonntag wieder zu einer Matinee um 11 Uhr ins stilvolle Anker-Kino am Stadtplatz. Schon in den vergangenen Jahren konnte man dort außergewöhnliche Vertonungen von Filmklassikern erleben, Gitarrist Klaus Boesser-Ferrari nahm sich Murnaus' "Der Golem" und Lukas Ligeti Fritz Langs "Metropolis" an. Heuer wird es noch wilder: FM Einheit, lange Jahre Mitglied der legendären Underground-Band Einstürzende Neubauten, komponierte für das Festival Musik zum lange verschollenen und erst kürzlich wiederentdeckten sowjetischen Stummflm "Kosmische Reise" von Vasilij Uravlëv aus dem Jahr 1936. Kaum einer könnte prädestinierter dafür sein, hat FM Einheit doch für zahlreiche Hörspiele vor allem mit Andreas Ammer diverse Preise gewonnen und auch als Filmmusiker für Aufsehen gesorgt, zuletzt mit seinem Score für Fatih Akins Verfilmung des Heinz-Strunk-Romans "Der Goldene Handschuh" über den Frauenmörder Fritz Honka.

Wie gewohnt wird Tom R. Schulz nach allen Vorstellungen (bei Vincent Segal gibt es sogar noch eine Einführung vorab) mit den Künstler sprechen und das Publikum daran beteiligen. Was musikalisch-künstlerische Kreativität und Stilerweiterungen angeht, wird dies alles sicher ein Blick in die Zukunft werden. Vielleicht sogar einer, der das Festival-Machen nach Corona erhellen kann.

Look Into The Future-Festival, Donnerstag bis Sonntag, 20. bis 23. August, Kloster Raitenhaslach Burghausen, www.burghausen.de

© SZ vom 18.08.2020

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