Serie: Auf die Plätze! Folge 7 Kunstvolle Leere

Eine Wüste aus Pflastersteinen, sieben Bäume, fünf Bänke, ein einsamer Mülleimer und eine lange Mauer: Am Walter-Sedlmayr-Platz in Feldmoching scheiden sich die Geister

Von Simon Schramm, Feldmoching

Die Visitenkarte von Feldmoching ist ein weiter, splitternackter Platz. Eine öde Wüste voller Pflastersteine, erst hellgraufarben, dann dunkelgrau. Es stehen sieben dünne Bäume da, fünf Bänke, ein einsamer Mülleimer und eine lange Mauer. Wenn die Berufstätigen zur späten Rushhour vom Bahnhof kommen, laufen sie rasch über den Platz nach Hause, fast wie eine Flucht vor der Leere. Zugegeben, diese Beschreibung mag übertrieben sein, bloß: Möchte sich hier jemand länger als unbedingt notwendig aufhalten?

Ja, denn auf dem Walter-Sedlmayr-Platz, gleich neben dem Bahnhof Feldmoching, trifft sich das Viertel zum Beisammensein und zum Tratsch. Sobald die ersten Sonnenstrahlen scheinen, holen sich viele ein Eis, setzen sich auf besagte Mauer-Tribüne, manche liegen sogar gemütlich im Schatten, die Augen geschlossen. Andere genießen die Frühlingssonne auf der Bank, Kinder jagen sich quer über den Platz oder spielen Fußball, Familien lassen sich auf der Bank nieder. Also doch kein leeres, graues Granit-Flachland?

Man kann hier auf der Mauer sitzen, aber kaum verweilen: Der Walter-Sedlmayr-Platz.

(Foto: lukasbarth.com)

Visitenkarte, so wurde der Sedlmayr-Platz kürzlich im Bezirksausschuss genannt, wegen seiner unmittelbaren Nähe zum Bahnhof: Wer in Feldmoching mit öffentlichen Verkehrsmitteln ankommt, der trifft zunächst auf diesen Platz. Die Stadtteilpolitiker haben dann darüber diskutiert, wie man die Fläche aufwerten, ihre Optik verbessern könnte: Für versetzbare Blumenkästen entschied man sich, zusätzlich sollen die Fassaden der anliegenden Häuser begrünt werden.

Wenigstens etwas, ein Anfang, könnten nun böse Stimmen sagen - und die gibt es im Viertel sehr wohl; den Vorschlag, etwas mehr Grün auf den Granit zu stellen, hört man schon seit Jahren. Wie der Platz schöner werden könnte, als er jetzt aussieht, das ist Thema im Viertel, seitdem der Platz gestaltet wurde; bei nicht wenigen Bewohnern ist dieser Ort verhasst. Vielleicht bewegt sich seine Qualität tatsächlich zwischen zwei Extremen.

Denn einerseits stellt der nach dem berühmten Volksschauspieler und Feldmochinger benannte Walter-Sedlmayr-Platz ein Kunstwerk da - die Stadt hatte den Künstler Ludger Gerdes mit der Gestaltung beauftragt; Ziel war es, künstlerische Aspekte einzubringen. Der Platz, zu zwei Seiten von Wohnhäusern mit Läden im Erdgeschoss umgeben, hat aus diesem Grund auf seiner Fläche das von Gerdes gewählte Muster erhalten; zur Straße hin grenzen die schwarz-weiß-quadrierte Mauer sowie die Bänke und Bäume ab. Zu guten Zeiten füllt sich der Platz genau an diesen Stellen, an seiner Peripherie: auf Tribüne und Bänken sowie an den Läden.

Der Platz belebt sich aber meist nur dann, wenn Obst und Gemüse am Markttag farbige Akzente setzen.

(Foto: Florian Peljak)

Andererseits schimpfen eben einige Feldmochinger über den Schandfleck. Etwa 980 000 Euro hat das Ganze gekostet, 2003 war die Bebauung fertig. Schon damals beschwerten sich viele über das neue, vermeintliche Prestige-Objekt: Langweilig, trostlos, diese Adjektive haften dem Platz seit seiner Geburt an.

Eigentlich gäbe es großes Potenzial, um ihn kreativer zu gestalten, Raum ist ja vorhanden. Aber wie könnte man die Öde verscheuchen, wie sollte ein Platz eigentlich bespielt werden, um ihn attraktiver machen? "Die Eisdiele sollte auf den Platz", sagt eine ältere Dame und zeigt auf die grauen Steine, seit 60 Jahren lebt sie schon in Feldmoching. "Oder ein Restaurant in die leeren Läden, zum Beispiel ein Italiener." Ob der Platz ihr auch nicht gefällt? "Ich sitze zum ersten Mal auf der Bank hier." Im Winter, wenn an einem Wochenende der jährliche Weihnachtsmarkt stattfinde, da sei der Platz schöner, belebter und vielleicht freitags, wenn Wochenmarkt ist. "Aber so, ohne Dekoration, zum Beispiel vor den Läden, ohne eine Laterne, das ist nix." Das Uncharmante begründet die Rentnerin auch mit dem fehlenden Supermarkt und der Tatsache, dass zwei Läden leer stehen. Zudem fehlen Parkplätze - wer mit dem Auto kommt, kann sich dort gar nicht längere Zeit aufhalten.

Ein rechtliches Problem spielt bei all den Diskussionen immer mit. Denn der Platz steht als Kunstwerk unter dem Schutz des Urheberrechtes. Aufgrund der schöpferischen Leistung von Ludger Gerdes darf der Platz nicht verändert werden, jedenfalls nicht ohne Zustimmung. Gerdes ist 2008 verstorben, seitdem bestehen seine Erben auf dem Status quo.

Könnte man den Platz nicht beleben, ohne seine künstlerische Substanz anzugreifen? Ayten Temel, die seit etwa acht Jahren in einer Schneiderei am Platz arbeitet, meint, im Moment könne man nicht so viel verändern; gut wäre es aber, wenn es mehr Veranstaltungen gäbe, wenn die Fläche öfter genutzt würde: "Zum Beispiel ein Flohmarkt, den gab es vor ein paar Jahren." Aber auch Ayten Temel kommt schnell wieder auf die Mängel zu sprechen. Was sie mit dem Platz machen würde, wenn sie die Wahl hätte? - "Die Mauer wegreißen." Sie ist der Meinung, dass die Mauertribüne, die nahe der Hauptstraße steht, die Sicht auf den Platz versperrt, ihn nahezu komplett abschirmt.

Blick über den Walter-Sedlmayr-Platz.

(Foto: Andrea Schellnegger)

Den Platz für mehr Aktivitäten nutzen, dafür plädiert man auch in der ambulanten Erziehungshilfe, die in drei Räumen am Sedlmayr-Platz Kinder betreut. Erst vor Kurzem hatte die Erziehungshilfe für einen ganzen Nachmittag ein Angebot aufgebaut, Kicker und Tischtennis, Dosenwerfen und Federball - gute Erfahrungen habe man damit gemacht. Und das Problem mit der öden Leere? "Das ist dasselbe Thema wie am Hans-Mielich-Platz. Da wurden eine Zeit lang Kunstskulpturen aufgestellt, auf einen Podest. Das könnte man hier ja auch machen."

Somit besteht eigentlich seit Jahren Einigkeit Die Fläche muss irgendwie genutzt werden. Wie geht es also weiter mit dem Walter-Sedlmayr-Platz? Grüner wird es wohl. Neuen Schwung könnte nun auch ein auch schon länger geplantes Bau-Projekt auf einer Fläche direkt neben dem Platz bringen: Dort soll ein Boardinghaus gebaut werden, und endlich auch ein Nahversorger. Eine Studie von 2004 hatte ermittelt, dass das Ladenzentrum um den Platz herum eine Fehlplanung gewesen sei. Warum? Die Läden seien zu klein, die richtige Attraktion fehle, nämlich ein großer Supermarkt. Mal sehen, wie's aussieht, wenn er dann da ist.