Erziehermangel Mit Schnupperwochenenden gegen den Erziehermangel

Zum Start des Kita-Jahres fehlten in München etwa 450 Erzieher.

(Foto: dpa)

Zu Beginn des Kita-Jahres konnten in München etwa 450 Stellen nicht besetzt werden. Doch die Stadt gibt nicht auf, Fachkräfte aus ganz Deutschland für München zu begeistern.

Von Melanie Staudinger

Das erste Adventswochenende hat Tradition. Wenn in München die Weihnachtsmärkte eröffnen, die Häuser und Straßen in weihnachtlichem Licht erstrahlen und die Geschäfte mit vorweihnachtlichen Rabatten locken, dann lädt das Bildungsreferat Erzieherinnen und Erzieher aus ganz Deutschland in die Stadt. Bei einem Schnupperwochenende sollen Fachkräfte für die 430 städtischen Kindertagesstätten gewonnen werden. Bei all der Personalknappheit darf nichts schieflaufen. Und deshalb kann es nicht schaden, wenn sich gleich die ganze Stadt adventlich herausgeputzt präsentiert.

Auch sonst überlässt Gudrun Seuster wenig dem Zufall. Sie kümmert sich im Bildungsreferat um Personalpflege und -erhalt. Tagtäglich ist sie damit beschäftigt, neue Erzieher für die Stadt München zu begeistern. Denn die Not ist groß: Zum Beginn des Kita-Jahres im September fehlten stadtweit etwa 450 Fachkräfte, 150 in den städtischen Einrichtungen und 300 in denen der freien Träger. Gleichzeitig aber ist das Leben in München teuer, was Menschen im mittleren Einkommensbereich durchaus abschreckt, in die Stadt zu kommen. Seuster ist deshalb unermüdlich unterwegs, auf Jobmessen, in den Berufsfachhochschulen und Fachakademien, die Erzieher ausbilden, und sogar bei der Bundeswehr hat sie dieses Jahr vorgesprochen, um Soldaten über die Arbeit in den städtischen Krippen, Kindergärten, Horten und Tagesheimen zu informieren.

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An diesem Samstag steht Seuster im Haus für Kinder an der Preysingstraße in Haidhausen. Eine Einrichtung, die zentral liegt, und dennoch wunderbar ruhig am Ende eines kleinen Weges. Unter der Woche werden hier 75 Kinder betreut, 50 im Kindergarten, 25 im Hort. In zwei Häusern sind die Gruppen untergebracht. Überschaubar, kuschlig, eine richtige Oase - und doch ist der Max-Weber-Platz in nicht einmal zehn Minuten zu Fuß erreichbar.

15 Interessenten haben sich an diesem Wochenende angemeldet, aus München, der Umgebung, aber auch aus Köln oder Fulda. Sie sind am Ende ihrer Ausbildung und suchen eine Perspektive, andere wollen gerne nach München ziehen oder einfach nur mal schauen, wie die Kitas der Stadt so arbeiten. Seuster legt sich ins Zeug. Sie präsentiert eine Karte mit den Umrissen Münchens und vielen kleinen roten Punkten, die Standorte der Kitas. "Es ist also egal, wo Sie wohnen werden", sagt sie. "Man wird in der Nähe einen Platz für Sie finden." Doch halt, nicht dass jemand denken könnte, dass das Arbeiten bei so vielen Einrichtungen unüberschaubar sein könnte. Das Gebiet ist unterteilt in kleinere Einheiten - in Regionen und Stadtquartiere, ganz persönlich. Frei könnten die Erzieherinnen ihre Interessen einbringen, seien gleichzeitig aber immer in verlässliche Strukturen eingebunden.

Personalschlüssel sind gesetzliche vorgeschrieben

Und dann, der Trumpf, die Bezahlung: Nach dem Berufspraktikum wartet ein Bruttogehalt von 3219, 21 Euro - in etwa so viel verdient auch ein Tageszeitungsredakteur nach seiner Ausbildung. Wer eine Einrichtung mit 150 Kindern leitet, kann sich über 5176,93 Euro freuen. Da gibt es schlechtere Jobs. Monika Shitta und Claudia Weineck, die Kindergarten und Hort an der Preysingstraße leiten, führen die potenziellen neuen Kollegen anschließend durch ihre Räume. Sie berichten vom Leserattenwettbewerb, den ein Zweitklässler gewann, der mehr als 70 Bücher in einem Jahr gelesen hatte. Und vom Knigge für Kinder, einem Wettbewerb für bessere Manieren - auch im durchgentrifizierten Haidhausen lässt sich viel bewegen bei den Kindern. Draußen am blauen Himmel scheint wie bestellt die Sonne.

Seit acht Jahren gibt es das Schnupperwochenende bereits. Es ist eine von zahlreichen Maßnahmen, die die Stadt ergriffen hat, damit sich all die neugebauten Kitas auch rentieren. Denn ohne ausreichend Mitarbeiter kann keine Einrichtung eröffnen, die Personalschlüssel sind gesetzlich vorgeschrieben. Etwa 100 000 Euro jährlich investiert das Bildungsreferat daher in die Werbung. "Wir müssen uns bei den Leuten bewerben, nicht die Leute bei den Trägern", sagte Susanne Herrmann, Leiterin des Bereichs Kita im Bildungsreferat, unlängst. Deshalb unterhält die Stadt eine Kooperation mit einer Universität im spanischen Barcelona. Sie beteiligt sich an einem Modellversuch, in dem die fünfjährige Ausbildungszeit für Abiturienten auf drei Jahre verkürzt wird. Sie stockt ihre Ausbildungskapazitäten kontinuierlich auf. Und sie leistet sich in Gudrun Seuster eine hauptamtliche Ansprechpartnerin für Interessenten.

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Insgesamt arbeiten 3195 Erzieher in den 430 städtischen Kindertageseinrichtungen. Seit Jahresbeginn wurden gut 300 Fachkräfte neu eingestellt. Dazu kommen mehr als 200 Ergänzungskräfte, also beispielsweise Kinderpfleger, und 700 Praktikanten und Auszubildende. Und doch reicht es nicht. Zu hoch ist in einer teuren und wachsenden Stadt wie München die Nachfrage nach Betreuungsplätzen, in einer Stadt, in der ein Einkommen meist nicht reicht und gut ausgebildete Frauen nach der Elternzeit gerne wieder arbeiten gehen. Der Personalbedarf zeigt sich an einer Statistik besonders: Im Krippenbereich hat sich die Zahl der Plätze seit der Jahrtausendwende fast verfünffacht.

Zum Abschluss des Schnupperwochenendes zeigt Seuster einen Film mit vielen lachenden, spielenden und zufriedenen Kindern, mit gut gelaunten Erzieherinnen und Einrichtungsleitungen, die beteuern, wie viel Spaß ihre Arbeit doch mache. Einen kleinen Erfolg kann Seuster heute auch verbuchen: Von den 15 Teilnehmern bleiben sechs gleich zum anschließenden Vorstellungsgespräch. Den anderen empfiehlt sie einen netten Ausklang am Weihnachtsmarkt am Weißenburger Platz.

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