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Tassilo:Das Schwingen in den Fingerspitzen

Die Harfe wählte Barbara Pöschl-Edrich, weil es ein vollständiges Soloinstrument ist, mit dem sie auch ganz alleine auftreten kann: "Wie ein Klavier - nur besser zu tragen."

(Foto: Renate Schmidt)

Die Harfenistin Barbara Pöschl-Edrich kam 2014 aus Boston nach Erding und wurde schnell zur festen Größe im Musikleben der Stadt. Vor zwei Jahren gründete sie einen Kammermusikverein und konzipierte eine Konzertreihe im Museum

Von Julian Illig, Erding

Es war ein harter Schnitt für Barbara Pöschl-Edrich, als sie 2014 von Boston nach Erding zog. Die Harfenistin war gut vernetzt in der Musikszene in den USA. Sie spielte im Orchester, in vielen kleineren Ensembles für Alte und Neue Musik, sie unterrichtete an der Boston University. Doch die Herausforderung aber, sich in Erding etwas Neues aufzubauen, nahm sie gerne an. Sie knüpfte rasch Kontakte, schloss sich mit vier anderen zum Ensemble Mosaïque - Harfe, Flöte und Streichtrio - zusammen und arbeitete bald freiberuflich, auch in großen Institutionen wie dem Gärtnerplatztheater in München. Und schließlich hatte sie 2019 die Idee, in Erding eine eigene Kammerkonzertreihe aufzubauen.

Vielleicht war es eben auch von Vorteil, dass sie nach Erding einen Blick von außen mitbrachte. Jedenfalls sah sie, wie viele Kulturinteressierte für Konzerte nach München pendelten und erkannte gewissermaßen eine Marktlücke. Sie hatte das Gefühl, "dass es eine große Nische ist mit Kammermusik". Im Museum Erding fand sie einen geeigneten Veranstaltungsort mit einem akustisch passenden Raum und gründete schließlich den Verein Kammerkonzerte Erding.

Ihr ist es besonders wichtig, die lokale Musikszene zu stärken. Ein zentraler Aspekt ihres Konzepts ist es, regionale Musiker für regionale Zuhörer auftreten zu lassen. So will sie auch die Bindung zum Publikum vertiefen, oder wie sie poetisch formuliert: "Wie man Melodien wiedererkennt, so erkennt man auch Menschen wieder." Die Konzerte im Museum sollen ein niederschwelliges Angebot sein. Im Gegensatz zu einigen Kammerkonzerten in München ist ein Eintrittspreis von 15 Euro eher günstig. Jeder soll die Möglichkeit haben, die Konzerten zu besuchen.

Die Corona-Zeit ist für Musiker, noch dazu freiberufliche, keine einfache Zeit. Pöschl-Edrich hätte am Ostermontag ein Kammerkonzert im Museum gestaltet, wie vieles andere ist es verschoben. Die 48-jährige verzagt dennoch nicht: "Ich will nicht griesgrämig sein." Trotz allem übt sie täglich, das ist für sie eine Lebenseinstellung, wie sie sagt. In Traunstein geboren, studierte sie Harfe am Mozarteum in Salzburg und in London. Danach ging sie nach Boston und erwarb dort auch noch einen Doktortitel. Die Harfe wählte sie, weil es so ein vielfältiges Instrument ist, ein vollständiges Soloinstrument, mit dem sie auch ganz alleine auftreten kann, "wie ein Klavier - nur besser zu tragen". Sie mag diese Eigenständigkeit und sie genießt es, so nah am Klang sein zu können und mit ihren Fingerspitzen die Saiten direkt schwingen zu spüren.

Eigenständigkeit ist etwas, was sie sucht und was sie auszeichnet. Der Kammerkonzertverein hat zwar weitere Mitglieder. Doch die Arbeit übernimmt sie, es ist eine "Ein-Frau-Show", sagt sie selbstbewusst. Sie kümmert sich um alles: die Vereinsarbeit, den Internetauftritt, die Akquise von Musikern, die Beantragung von Fördergeldern, Tickets, Texte, Plakate, die Programmauswahl und sie spielt natürlich auch selbst mit. Das klingt ein bisschen trocken und vor allem nach viel Arbeit, macht ihr aber "irre Spaß", wie sie sagt, denn sie mag es, selbst entscheiden zu können. Pöschl-Edrich legt besonderen Wert darauf, dass die Programme anspruchsvoll, aber trotzdem abwechslungsreich und zugänglich sind. Immer kombiniert sie alte und neue Werke, Unbekanntes mit Bekanntem. Ihre Vielseitigkeit zeichnet sie auch als Harfenistin aus: Sie interessiert sich für historische Aufführungspraxis mit Harfen aus der Renaissance genauso wie für zeitgenössische Klassik im 21. Jahrhundert.

Harald Krause, Leiter des Museums Erding, hält Pöschl-Edrich für eine "große Bereicherung für die Musiklandschaft" im Landkreis. Ihre Kammermusikreihe ist im Museum sehr willkommen. Das Foyer, in dem die Konzerte stattfinden, sei genau dafür konzipiert, "als Austauschraum". Krause ist so beeindruckt von ihrem "tollen Engagement", dass er selbst Gründungsmitglied des Vereins war. Sie sei immer "total dahinter her", sagt er, sie hätte jetzt während Corona "die Kammermusikkonzerte auch vor 18 Gästen gespielt, sie will das auf jeden Fall machen." Sie sei "tough, an hoher Qualität interessiert und einfühlend".

Die Konzertreihe besteht aus nur zwei Konzerten im Jahr an festgelegten Tagen, dem Ostermontag und dem Tag der Deutschen Einheit. Das soll auch so bleiben, denn "Zeit ist das wertvollste Gut, das wir haben", sagt Pöschl-Edrich. Also will sie dem Publikum lieber wenige Konzerte anbieten, die sollen dafür aber richtige Highlights sein. Der Tassilo-Preis wäre eine "großartige Auszeichnung", meint sie, "bereits die Nominierung erfüllt mich mit Stolz." So bald wie möglich wollen sie wieder spielen, natürlich. Und auch für die weitere Zukunft hat Pöschl-Edrich noch ein paar Ideen auf Lager, gerade erst hat sie sich eine neue Harfe gekauft. Man darf gespannt sein, was da noch kommt.

Wenn Sie eine Kandidatin oder einen Kandidaten für den SZ-Kulturpreis vorschlagen wollen, schreiben Sie bitte bis 30. April eine E-Mail an tassilo@sz.de.

© SZ vom 15.04.2021
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