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Tassilo:Alles außer gewöhnlich

Andreas Greinsberger hat als Veranstalter "4ndreas" eine kleine, feine Konzertreihe im Landkreis Erding etabliert: Er bringt Postrock auf die Bühne. Die Anklänge der Bands reichen von Metall bis zu Klezmer. Aktuell sorgt der Dorfener online für Festivalatmosphäre

Von Regina Bluhme, Dorfen

Andreas Greinsberger präsentiert mit "4ndreas" Postrock-Konzerte im Landkreis Erding: Bands, die hier kaum einer kennt, die er aber gut findet und vorstellt. Im Bild trägt er sein T-Shirt zum 40., womit alles begann.

(Foto: Renate Schmidt)

Andreas Greinsberger hat einen ungewöhnlichen Musikgeschmack. Der 44-Jährige aus Dorfen steht auf Postrock. Die Richtung ist schwer zu beschreiben, vielleicht als mitunter irre Mischung aus Pop, Rock, Wave und Gothic. 2017 hat Greinsberger, hauptberuflich Bankenprüfer bei der Bundesbank, mit dem Auftritt von zwei Bands in Dorfen seine Lieblingsmusik bekannt bemacht. Als Veranstalter "4ndreas" stellt er seither in einer kleinen, feinen Reihe Konzerte im Landkreis Erding auf die Beine, die jedes Mal für eine Überraschung gut sind.

Die Frage nach der "4" im Namen von "4ndreas" ist schnell geklärt. Sie ist ein Überbleibsel der Party zu seinem 40. Geburtstag, verrät Andreas Greinsberger. 2016 hatte er für seine Feier im Eiskeller in Dorfen drei Band engagiert. Eine irische Band, eine Cure-Cover-Band und die Songwriterin Karo aus Würzburg hatte er eingeladen. "Es war toll, sein eigenes kleines Festival zu haben", sagt Greinsberger. Er gehe halt so wahnsinnig gern auf Festivals "und da dachte ich, das könnte ich auch selbst einmal auf die Beine stellen".

Die Frage nach einer Definition von Postrock ist schon wenig schwieriger zu beantworten. Es gibt verschiedene Stilrichtungen. Eine seiner liebsten: Instrumental Postrock. Die Musik komme, wie der Name schon sagt, zu 90 Prozent ohne Gesang aus, erklärt Greinsberger. Typisch sei, dass die Reihenfolge von Strophen und Refrain aufgebrochen werde, es gebe ein Wechselspiel von laut und leise, "die Motive bauen sich zum Teil über zehn Minuten auf und rollen wie eine Wand auf dich zu". Ihm gefällt diese Musikrichtig so gut, weil "meistens gleich ein Kopfkino mitgeliefert wird".

Im Oktober 2017 dann das erste Konzert im Eiskeller in Dorfen. Die Bands 0101 und Far Behind The Sun sorgten für außergewöhnliche Momente: "Epische Soundflächen lösen sich ab mit schiebenden Riffs", hieß es damals es in der Pressemitteilung von "4ndreas".

Seither organisiert der 44-Jährige im Landkreis Erding immer wieder Konzertabende mit abgefahrenen Bands. Oder kennt jemand Zim Zum Crash, hat wer von den Freiburgern gehört? Wohl kaum einer, außer Andreas Greinsberger. Er hat die Band vor zwei Jahren zu einem Auftritt in die Einöde Anzenberg bei St. Wolfgang geholt. Die meisten Gruppen kommen aus Deutschland, auch schon mal aus USA, aus Frankreich oder Irland. Doch Greinsberger ist es wichtig, auch kleinen, lokalen Bands eine Bühne zu geben. Das große Geld wird er als Veranstalter nicht machen, das ist ihm schon klar. "Meine Auswahl ist nun mal sehr speziell", weiß Greinsberger. "Für alle Beteiligten ist das eher eine Liebhabergeschichte".

Wenn er Geburtstag hat, wird der Konzertveranstalter zum Konzertsponsor. In der Reihe "4ndreas feiert" ließ er es schon mal im Dorfener Johanniscafé krachen, 2019 lud er bei freiem Eintritt ins Jugend- und Kulturhaus Sonic ein. Mit The New Colossus, Fox & Grapes und Maira spielten drei Bands aus dem Bereich Postrock, Postpop und Postmetal in Erding. Das dürfte eine der ungewöhnlichsten Veranstaltungen im Rahmen der Kulturtage Erding gewesen sein.

Das letzte Live-Konzert hat im Februar 2020 in Dorfen stattgefunden: Klezmers Techter, eines der wenigen weiblichen Klezmer-Ensembles überhaupt, trat im Jakobmayer-Saal auf und sorgte für eine wunderbare Verbindung von Kultur, Unterhaltung und Geschichte. Das Konzert haben Andreas Greinsberger und die Geschichtswerkstatt Dorfen gemeinsam präsentiert. Der Jakobmayer passte für ein Konzert dieser Art, diente er doch nach dem Zweiten Weltkrieg jüdischen Displaced Persons als Versammlungs- und Begegnungsstätte.

Viele Konzert musste "4ndreas" verschieben, einige auf unbestimmte Zeit. Im Sonic aber soll heuer ein Konzert über die Bühne gehen und für Ende Juni rechnet Andreas Greinsberger fest mit dem Auftritt der Pianistin und Liedermacherin Bettina Hirschberg, die zusammen mit dem Gitarristen Harry Düll nach Dorfen in den Jakobmayer kommen will. "Nächtliche Begegnung" heißt das Programm, "eine wunderbare Mischung aus eigenen Liedern und Vertonungen fremder Texte", schwärmt Greinsberger. Da Bettina Hirschberg auch Texte von Opfern der Bücherverbrennung 1933 vortragen wird, werde auch die Geschichtswerkstatt Dorfen mitwirken.

Für das 2020 ausgefallene alljährliche "4ndreas feiert" ließt sich Greinsberger etwas Besonders einfallen. Der 44-Jährige hat - natürlich ohne Publikum - im Sonic ein Konzert von zwei Bands organisiert, gefilmt und den Auftritt mit weiteren Videoclips von Postrock-Bands zusammengeschnitten: So ein bisschen Konzertimpressionen, ein bisschen Festivalfeeling für die Postrock-Fans. Das weitere Standbein "4ndreas.Postrock" findet, wie "4ndreas" auch, hauptsächlich auf Facebook statt, wo er Alben bespricht und auf Streams hinweist. "Wenn sich so etwas ergibt wie eine Videopräsentation oder der nochmalige Stream eines Konzertes nutze ich dafür meinen Youtube-Kanal - plus im Anschluss den Zoom-Chat", so Andreas Greinsberger. Denn das sei doch das Schöne an Konzerten, sagt er, "dass man hinterher miteinander darüber reden kann".

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© SZ vom 13.04.2021
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