Lebensmittel für Asylbewerber Warum dieser Supermarkt eine Sensation ist

Für Asylbewerber in Bayern gibt es Essenspakete - trotz Problemen mit der Kühlung, mit der Sprache, mit dem Angebot. Bewusste Schikane, vermutet der Flüchtlingsrat. Der neue Supermarkt in Erding ist deshalb eine Sensation: Hier können sich Asylbewerber jetzt selbst aussuchen, was sie wollen.

Von Charlotte Theile

Es sind nur ein paar Regale: Tomaten aus der Dose, Reis, frisches Gemüse, Hygieneartikel. Und doch ist der kleine Supermarkt in Erding, in dem Asylbewerber sich selbst mit dem Nötigsten versorgen können, eine kleine Sensation in Bayern. Christine Kaltenbach vom Erdinger Landratsamt weiß das. Sie sagt einfach: "Es geht um Menschenwürde."

In Erding können sich Asylbewerber in einem kleinen Supermarkt selbst aussuchen, welche Lebensmittel sie haben wollen.

(Foto: Bauersachs)

Noch vor ein paar Monaten haben die 60 Asylbewerber, die dem Landkreis im Dezember 2011 zugeteilt wurden, Essenpakete erhalten. Wie überall in Bayern konnten die Flüchtlinge zwei Wochen im Voraus aus einer kleinen Auswahl Lebensmittel bestellen.

Dass diese Essenpakete immer wieder in der Kritik stehen, ist wenig verwunderlich: Es gibt Probleme mit der Kühlung, mit der Sprache, mit dem Angebot. Alexander Thal, Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrates, kennt die Bestelllisten auswendig. Besonders schwer ist das nicht: "Der Speiseplan bleibt das ganze Jahr weitgehend gleich. Ob Juli oder Dezember, es gibt die gleichen abgepackten Scheiben Puten- und Rindswurst."

Das Sachleistungsprinzip, eigentlich im bundesweiten Asylbewerberleistungsgesetz festgeschrieben, wird in Bayern so verstanden, dass die Flüchtlinge nicht, wie in fast allen anderen Ländern, Geld oder Gutscheine erhalten, um sich selbst zu versorgen.

Das hat für Thal vor allem einen Grund: Man wolle es den Flüchtlingen so unbequem wie möglich machen, die Unterbringung solle "die Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern" - ein Zitat aus der Asyldurchführungsverordnung, das, obgleich bezogen auf die Verteilung und Zuweisung der Bewerber, die Haltung des Freistaats zum Ausdruck bringe. Doch diese könnte durch pragmatischere Lösungen wie in Erding aufgeweicht werden.

Müsli auf Paschtu

Da die großen Gemeinschaftsunterkünfte überfüllt waren, wurden in den letzten Monaten etwa 750 Flüchtlinge dezentral in den Landkreisen Oberbayerns untergebracht. In Erding wurden die Flüchtlinge auf ein ehemaliges Gasthaus und Privathäuser verteilt. Wer Asylbewerberunterkünfte kennt, staunt, wie sauber es in Erding ist. Auch daran hat der Shop einen Anteil.

Seit Februar 2012 können die Flüchtlinge dort zweimal in der Woche bargeldlos "einkaufen". Kaltenbach ist stolz auf diese Lösung. "Davor war es einfach wahnsinnig umständlich. Jemand aus Afghanistan weiß nicht, was Müsli ist, man kann es auch schlecht in Paschtu übersetzen - er kreuzt es an und kann dann nichts damit anfangen".

Jetzt werde deutlich weniger weggeworfen - auch weil die Erdinger Pfandflaschen eingeführt haben. Eine Lösung, die auch bei der Regierung von Oberbayern auf Interesse gestoßen ist. Ende Juni waren deren Vertreter daher in Erding zu Gast. Am Bestellsystem werde aber weiter festgehalten, machten die Besucher klar.

Flüchtlingsberater Thal ärgert das. Die Auswahl der Lebensmittel sei beschränkt, die Qualität minderwertig. Das angelieferte Fleisch zum Beispiel sei häufig schon halb aufgetaut, sodass es sofort zubereitet werden müsse. "Das heißt, alle hauen gleichzeitig ihre Hähnchen in die Pfanne, es gibt Stau, und die Küche sieht danach schlimm aus."

Binden für alle

Ein weiteres Problem seien die Hygienepakete. "Alle bekommen dasselbe Deo, das selbe Shampoo und Duschgel", erzählt Thal. Frauen könnten nicht entscheiden, ob sie Binden oder Tampons verwenden wollen: Es gebe für alle Binden.

In Erding ist das anders, hier gibt es Tampons, mehr Auswahl und sogar Einwegrasierer - auch die könnten sonst nur Männer bestellen. Thal glaubt nicht, dass die vorübergehende dezentrale Unterbringung etwas ändert, das Ziel blieben die großen Gemeinschaftsunterkünfte.

Trotzdem könnte sich die Situation aller Asylbewerber bald verbessern: Das Bundesverfassungsgericht hat deutliche Zweifel daran geäußert, dass die Leistungen für Asylbewerber, die seit 1993 nicht mehr erhöht wurden, noch ausreichend sind. Das Urteil wird für den 18. Juli erwartet.