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Strukturwandel:Die letzten Kramer-Läden kämpfen

Portraet Ladeninhaber Volker Neef

Der Räumungsverkauf läuft. Volker Neef schließt demnächst seinen Edeka-Laden im Zentrum von Isen. "Ein harter Schnitt", sagt der 73-Jährige.

(Foto: Stephan Görlich)

Nach über 50 Jahren sperrt der kleine Edeka in der Isener Ortsmitte zu. In Buch und Finsing behelfen sich Inhaber mit einem zweiten Standbein, aber die Konkurrenz der Discounter ist mächtig

Von Regina Bluhme, Isen

In der Marktgemeinde Isen geht eine Ära zu Ende: Nach über 50 Jahren sperrt Volker Neef seinen kleinen Edeka-Laden in der Ortsmitte zu. Nur noch wenige Tage läuft der Räumungsverkauf. Der 73-Jährige will und kann nicht mehr. Wie es nach dem geplanten Umbau des Hauses weitergeht, steht in den Sternen. Ein Nachfolger, der wieder Lebensmittel anbietet, wird schwer zu finden sein, denn die kleinen Nahversorger haben es nicht leicht. Oft rettet sie ein zweites Standbein, in Buch am Buchrain ist das zum Beispiel ein zusätzlicher Getränkehandel und in Finsing gibt es demnächst einen warmen Mittagstisch.

Die Regale im Isener Edeka-Laden an der Bischof-Josef-Straße sind mittlerweile so gut wie leer geräumt. Fürs Foto stellt sich Volker Neef neben ein Wandgestell, in dem noch eine Packung Babybrei, Kuchenglasur und einer Tüte Kartoffelmehl lagern. Die Boxen mit Gemüse sind längst ausgeräumt und auch das Fach mit dem per Hand beschrifteten Aufkleber "Knödelbrot" ist leer. Auf 120 Quadratmetern hatte Volker Neef ein sogenanntes Vollsortiment im Angebot. Neben Lebensmitteln auch "Alltagsdinge", wie er sie nennt, das reichte von Schreibwaren, Schultüten, Geschenkpapier bis hin zu Küchensieben und Kochlöffeln. Das Obst und Gemüse hat er zwei bis drei mal in der Woche persönlich bei der München Großmarkthalle besorgt, erzählt er.

Den Laden hat Neef von seinem Vater übernommen. Nach mehreren Umzügen siedelte die Familie an den heutigen Standort am Marktplatz um. Hier hat Volker Neef auch seine kaufmännische Lehre absolviert. Der Laden ist sein Leben. Dort ist er von morgens bis Ladenschluss anzutreffen. Urlaub hat er so gut wie nie gemacht.

"Das ist jetzt ein harter Schnitt", sagt Volker Neef. Aber zum einen mache die Gesundheit einfach nicht mehr mit, zum anderen machten ihm aber auch die Konkurrenz der großen Vollsortimenter zu schaffen. Für die Stammkundschaft tue es ihm schon leid, erklärt er, hier hatten sie auch immer für einen Ratsch, eine Art Treffpunkt. Jetzt will er den Laden umbauen, ihm schwebt vor, im vorderen Teil auf verkleinerter Fläche wieder Lebensmittel, Gemüse, anzubieten, doch er werde wohl nicht mehr selbst hin- ter der Theke stehen. "Schaun wir mal."

"Die Schließung tut uns schon weh", sagt der Isener Bürgermeister Siegfried Fischer (Freie Wähler Isen). Gerade die Kleineren hätten es sehr schwer gegen die Großen. Deshalb habe sich die Gemeinde auch entschieden, den Netto und den neuen großen Edeka-Markt an zwei getrennten Standorten anzusiedeln, den einen im Norden von Isen, den anderen im Süden, "in der Hoffnung dass in der Mitte ein bisserl was hängen bleibt". Von der Versorgungslage sei Isen im Ortskern "ansonsten schon ganz gut beinander", sagt Fischer.

Auch Stefan Böld, der Vorsitzende des Werberings Isen, bedauert, dass Volker Neef aufhört. Sein Laden habe das Ortszentrum belebt und den Leuten einen wohnortnahen Einkauf ermöglicht: "Viele, die hier eingekauft haben, sind schnell mal ins Gespräch gekommen - gerade weil hier eine familiäre Atmosphäre geherrscht hat."

Juliane Kornek hat lange in Finsing und Neuching jeweils eine Edeka-Filiale betrieben, mittlerweile hat der Sohn übernommen, doch noch immer steht sie in Finsing im Geschäft. "50 Prozent sind Stammkunden, 50 Prozent kommen auf der Durchreise zu uns", sagt sie. Die Ansiedlung des Nettomarkts, der Discounter aus dem Hause Edeka, "haben wir wirklich gemerkt", berichtet Kornek. Neben den Lebensmitteln hat sie auch Backwaren im Angebot, die sie auch am Sonntag Vormittag verkauft. Außerdem führt ein kleines Ladencafé. Sobald die schriftliche Genehmigung vom Landratsamt Erding vorliege, will sie dort einen warmen Mittagstisch anbieten. "Ich koche natürlich selbst", betont Kornek. "Man muss eine Nische finden."

In Walpertskirchen gibt es seit 1973 einen kleinen Edeka-Laden. Er gehört zur dortigen Metzgerei. Neben Backwaren hat Roswitha Huber auch Zeitschriften im Angebot. Die Kombination Metzgerei und Edeka funktioniere. Allerdings sei es nicht einfach, ein kleiner Nahversorger zu sein. Zum Beispiel müsse eine gewisse Mindestmenge abgenommen und auch Investitionen getätigt werden. So mussten fürs Finanzamt und die Lebensmittelüberwachung neue Waagen und ein neues Kassensystem angeschafft werden, sagte Huber.

In Buch am Buchrain betreiben Theresia und Heinrich Bauer den Edeka-Laden an der Hauptstraße. Schon seit 1860/70, so schätzt Heinrich Huber, haben hier seine Vorfahren ein Geschäft gehabt, "angefangen hat alles mit einem Bauchladen". Die Kundschaft setze sich schon größtenteils aus älteren Einwohnern aus der näheren Umgebung zusammen, "aber wir haben auch junge Kunden", sagt Theresia Bauer. Vor zwölf Jahren haben sich die Bauers ihr Angebot um einen Getränkemarkt erweitert - und damit erfolgreich eine Nische gefunden. Vor allem die beiden Kühlwägen würden bestens bei Familienfeiern und Vereinsfeste ankommen, berichtet Theresia Bauer. "Das läuft sehr gut". Ans Aufhören denkt Heinrich Bauer jedenfalls nicht. "Solange ich fit bin, mache ich weiter", sagt der 66-Jährige.

© SZ vom 05.02.2018
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