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Silberreiher als Wintergäste:Warum denn in die Ferne schweifen

Silberreiher leben im Sommer in Südeuropa und kommen jetzt wieder nach Bayern, um hier Wühlmäuse zu fangen.

(Foto: oh)

Der Klimawandel wirkt sich auf die Zugvögel in der Region aus: Manche bleiben hier und erhalten Gesellschaft von anderen Vogelarten

Weiße Weihnachten war einmal, aktuell rechnen Meteorologen mit dem wärmsten Dezember seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das wirkt sich auch auf das Verhalten der Zugvögel in der Region aus. Ohne geschlossene Schneedecke können Arten, die sich nicht auf Insektennahrung spezialisiert haben, auch im Landkreis überwintern. Und zunehmend kommen auch neue Vogelarten in den Landkreis, um hier den Winter zu verbringen. Auffälligste Art ist hier der Silberreiher, der aus Südeuropa zu uns kommt.

Sebastian Hupfer, Kreisgruppenvorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz, und der Biologe Matthias Luy, Leiter der LBV-Bezirksgeschäftsstelle für Oberbayern, verfolgen die Entwicklung genau. Die Daten liefern ihnen die vielen Freiwilligen, die im Rahmen der "Stunde der Wintervögel" Aufschluss über die Populationen geben. Der Trend ist langsam, aber deutlich erkennbar: So bleiben Jahr für Jahr einzelne Exemplare von Star, Ringeltaube, Mönchsgrasmücke, Zilpzalp und Hausrotschwanz in der Region, statt in den Süden zu ziehen. "Das ist schon außergewöhnlich, vor 30 Jahren hat es das noch nicht gegeben", sagte Luy. Auch bei den Störchen macht sich diese Entwicklung bemerkbar, weiß Hupfer: "Vor 14 Jahren haben nur 50 Störche in Bayern überwintert, mittlerweile sind es schon 200." Ferner beobachte man ebenfalls bei den Erlenzeisigen, dass sie nicht mehr geschlossen den Zug nach Süden antreten, sondern dass manche Exemplare hier bleiben.

Silberreiher leben im Sommer in Südeuropa und kommen jetzt wieder nach Bayern, um hier Wühlmäuse zu fangen.

(Foto: oh)

Auffällig gefiederte Seidenschwänze

Der Landkreis dient auch zunehmend als Winterquartier für Vögel, die ihre sommerlichen Brutgebiete in anderen Regionen Europas haben. Am auffälligsten ist aufgrund seiner Größe und Färbung der Silberreiher, der vor 20, 30 Jahren im Landkreis noch nicht verbreitet war, aber nun allenthalben auf den Äckern und Wiesen zu sehen ist, wo er nach Mäusen sucht. Darüber hinaus sind auch die Scharen von sibirischen Saatkrähen noch relativ neu.

Seit einigen Jahren tauchen auch immer wieder die auffällig gefiederten Seidenschwänze auf - die vor 20, 30 Jahren ebenfalls noch unbekannt im Landkreis waren. Das hat aber nicht in erster Linie etwas mit dem Klimawandel zu tun, sagte Luy, sondern mehr mit gelegentlicher Nahrungsknappheit in ihrer Heimat Sibirien und Nordskandinavien. "Sie kommen mittlerweile in Schnitt alle sieben Jahre zu uns und sie sind häufiger geworden. Wir hatten im Jahr 2013 die letzte Invasion mit mehr als 200 Vögeln, 2014 und 2015 sind sie noch nicht gesichtet worden." Das bedeute aber noch nicht, dass sie diesen Winter definitiv ausblieben: "Oft kommen sie erst Mitte bis Ende Januar und Februar."

Seidenschwänze kommen durchschnittlich alle sieben Jahre in den Landkreis, um hier zu überwintern.

(Foto: Stefan Salger)

Der Grünspecht mag den milden Winter

Aber nicht nur für die Zugvögel bringt der Klimawandel Veränderungen mit sich, auch Standvögel wie der Zaunkönig profitieren von den höheren Temperaturen. "Der Grünspecht mag ebenfalls die milden Winter", sagte Luy, "weil er seinen Schnabel in die Erde steckt und dort nach Ameisen und deren Larven sucht. Das ist bei einer geschlossenen Schneedecke schwieriger." Nicht zuletzt bleibt den Eisvögeln der Hungertod erspart, wenn Bäche und Flüsse nicht zufrieren, in denen sie kleine Fische fangen. Ein besonders strenger Winter kann daher verheerende Folgen für die Population an einem Gewässer haben. Allerdings kommt es durch die milden Winter auch nicht zu einer erheblichen Vermehrung der Eisvögel: "Dafür brauchen sie auch geeignete Brutplätze, Nisthöhlen an hohen Ufern. Doch die gibt es nur noch sehr selten, weil die Ufer oft mit Flussbausteinen befestigt sind", erläuterte Luy.

Unklar ist nach wie vor die Auswirkung des Klimawandels auf den Kuckuck. Es gibt die These, dass seine Vogelzüge und die seiner Wirtsvögel aus dem Gleichgewicht geraten sind: Denn pünktlich wie die Kuckucksuhr kehrt er nach wie vor erst Mitte April aus seinem Winterquartier zu uns zurück. Dann hat er aber kaum noch Chancen, den Zieheltern in spe ein fremdes Ei unterzujubeln. Denn auch der dümmsten Vogelmama fällt es auf, wenn unter ihren schon geschlüpften Jungen plötzlich ein Kuckucksei liegt. Mittlerweile, sagte Luy, betrachte man diese These differenzierter: "Wenn der bevorzugte Wirtsvogel die Bachstelze ist, trifft das zu. Wenn es der Teichrohrsänger ist, dann eher nicht." Das sei der aktuelle Kenntnisstand, man müsse weiter forschen.

© SZ vom 22.12.2015
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