Glonn "Unfälle und Gräueltaten gehören dazu"

Matthias Holzbauer aus Glonn ist als Feuerwehrseelsorger für ganz Oberbayern zuständig. Für seinen Einsatz verleiht ihm Innenminister Joachim Herrmann am Freitag ein Ehrenzeichen

Interview von Anja Blum

Die Freiwilligen der Feuerwehr retten oftmals Leben - teils unter Einsatz ihres eigenen. Sie gehen in brennende Gebäude, waten durch überflutete Landstriche, schneiden Wracks auf, bergen Verletzte und Tote. Dass dabei nicht nur die Opfer, sondern auch ihre Helfer psychisch Belastendes erleben, liegt auf der Hand. Dass sie unter diesen Grenzerfahrungen nicht zusammenbrechen, dafür sorgt Matthias Holzbauer. Der Diakon und Kreisbrandinspektor aus Glonn ist Feuerwehrseelsorger aus Überzeugung. Schon der Händedruck verrät, dass dieser Mann anpacken kann, das Funkgerät steht griffbereit im Wohnzimmerschrank, und aus seinem Lachen spricht der Optimist. Doch im Gespräch offenbart sich auch die sensible Seite des 49-Jährigen.

SZ: Herr Holzbauer, wie sind Sie der geworden, der sie heute sind - ein Mensch, der sich hauptsächlich mit Tod und Traumata auseinandersetzt?

Matthias Holzbauer: Ich war das jüngste von sieben Geschwistern. Das prägt. Durch meine Eltern habe ich viel vom Glauben mitbekommen. Ich wollte schon als Grundschüler Pfarrer werden. Dieses Bild, wie er mit ausgebreiteten Armen am Altar steht, das fasziniert und begleitet mich bis heute.

Pfarrer sind Sie dann gar nicht geworden.

Aber fast. Ich bin den Weg bis zum Priesterseminar zielstrebig gegangen, aber dann habe ich mich intensiv mit dem Zölibat auseinandergesetzt und festgestellt, dass mir Familie zu wichtig ist, um das aufzugeben. Da war ich Anfang 20. Viele aus unserem Ort waren enttäuscht. Aber die Entscheidung habe ich bis heute nie bereut. Ich habe dann Religionspädagogik studiert und arbeitete als Gemeindereferent. Vor vier Jahren wurde ich zum Diakon geweiht.

Und woher der Bezug zur Feuerwehr?

Na ja, ich und zwei meiner älteren Brüder waren bei der Feuerwehr - als einer von ihnen tödlich verunglückte. Da habe ich die Kameradschaft als Gefüge erlebt, das mich getragen hat. Wir haben nicht viel miteinander gesprochen, waren aber füreinander da. Die andere Säule war der Glaube.

Haben Sie in diesem Moment denn nicht mit Gott gehadert?

Doch, sehr. Aber wenigstens war da jemand, den ich anklagen konnte.

Heute setzen Sie sich als Feuerwehrseelsorger ständig dem Thema Leid und Tod aus. Hadern Sie nicht mehr?

Schon länger nicht mehr. Die Welt ist kein Paradies, das habe ich akzeptiert. Unfälle, Naturkatastrophen, Kriege, Gräueltaten - all das gehört dazu. Der Tod ist die einzige Sicherheit, die es gibt, die Frage ist nur, wie lange wir bis dahin bleiben dürfen.

Und Gott?

Ist nicht der Verursacher des ganzen Leids, aber er lässt es geschehen. Wir hatten das Paradies, wollten aber - verständlicherweise - in die Eigenständigkeit. Und das haben wir jetzt davon. Die Freiheit hat Konsequenzen, mit denen wir leben müssen. Darunter fällt auch der Tod meines Bruders.

Einsätze für den Feuerwehrseelsorger Matthias Holzbauer: Hier verhandelt der 49-Jährige (fünfter von links) im Mai 2016 mit Flüchtlingen, die gegen ihre Umsiedlung aus einem Container in Grafing protestieren. Ein Mann will vom Dach springen - am Ende wird niemand verletzt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das klingt sehr abgeklärt...

Ja. Aber das bedeutet nicht, dass ich mit den Betroffenen nicht mitleide. Ganz im Gegenteil. Ich muss viel Nachdenken, brauche Zeit zum Durchschnaufen für die Seele. Ausgleich bieten mir zum Beispiel das Bergsteigen, das Gleitschirmfliegen und die Familie.

Ist das der Schlüssel für Rettungskräfte, um der Trauma-Falle zu entgehen?

Ja, einer. Der andere ist, aktiv mit Problemen umzugehen. Das bedeutet, darüber zu sprechen, sich im Zweifel Hilfe zu holen.

Welche Angebote gibt es in diesem Sinne für Feuerwehrler?

Meine Arbeit in den vergangenen Jahren hat darin bestanden, in Oberbayern ein Netz psychologischer Hilfe auszubauen. Und das ist auch gut gelungen. Es gibt jetzt in fast allen Landkreisen Fachberater, das sind speziell ausgebildete Ehrenamtliche, Psychosoziale Fachkräfte, die zur Stelle sind, wenn jemand Hilfe benötigt.

Was sind die problematischsten Erfahrungen, die Rettungskräfte machen können?

Da gibt es zum einen die Massenunfälle mit ihren grausamen Bildern von Verletzten und Toten zwischen Trümmern. Schwierig wird es aber auch, wenn Bekannte unter den Opfern sind, schlimmstenfalls ein Kamerad. Dann ist es ganz schnell nicht mehr möglich, professionelle Distanz zu wahren, dann sind wir voll mit unseren Emotionen dabei. Und gerade bei Feuerwehren auf dem Land kommt das gar nicht so selten vor. Hier kennt ja jeder jeden. Und die dritte Gruppe ist, wenn Kinder oder junge Leute betroffen sind. Dann erwacht im Helfer nämlich ganz automatisch der Beschützerinstinkt...

Kommt es eher durch eine einzelne Erfahrung zu einer posttraumatischen Belastungsstörung oder durch mehrere?

Beides ist in etwa gleich häufig. Die Folgen sind grob in drei Gruppen einzuteilen: Zunächst in Vermeidungsverhalten, also dass der Betroffene sich aus der Feuerwehr zurückzieht, den Reiz vermeidet, die Probleme verdrängt und nicht reden will. Das Zweite sind sogenannte Intrusionen: sich aufdrängende Erinnerungen, die beim Betroffenen sehr negative Gefühle auslösen. Hinzu kommt oft hyperarousal, eine Übererregung. Sie zeigt sich in ständiger Unruhe, erhöhter Reizbarkeit, Schlafstörungen.

Gibt es offizielle Zahlen, wie groß das Problem bei der Feuerwehr ist?

Die LMU hat vor ein paar Jahren 1100 aktive Feuerwehrler untersucht. Das Ergebnis: 2,6 Prozent, also 24 Ehrenamtliche, litten unter einer posttraumatischen Belastungsstörung mit allen Symptomen über einen Zeitraum von bereits sechs Jahren. Für mich ist jeder einzelne eine Katastrophe.

Was ist Ihr Ziel?

Dass uns niemand mehr durchs Netz rutscht. Dass niemand etwas verdrängen muss. Und dass wir, wo es nötig ist, Beratung oder Psychotherapie vermitteln.

Matthias Holzbauer, 49, arbeitet seit 13 Jahren hauptberuflich als Seelsorger für die Feuerwehren in Oberbayern. An diesem Freitag wird er im Schloss Herrenchiemsee mit dem Feuerwehrsteckkreuz ausgezeichnet.

(Foto: Christian Endt)

Müssen Sie dafür viel Überzeugungsarbeit leisten?

Ja, schon. Es gibt immer wieder Führungskräfte, die diese Hilfe nicht für nötig halten. Manche meinen, wer das nicht aushält, sei bei der Feuerwehr falsch. Aber die werden Gott sei Dank immer weniger. Die Jungen denken meist anders, haben eher gelernt, offen über Probleme zu sprechen.

Ist die nachwachsende Generation also weniger gefährdet, am Horror mancher Einsätze zu zerbrechen?

Leider nicht. Denn wir sind in einer sehr behüteten, friedlichen Zeit aufgewachsen. Das ist schön, bedeutet aber auch, dass junge Menschen weniger Kompetenz im Umgang mit Leid, Tod und Sterben mitbringen. Deswegen können sie auch schlecht mit der Unberechenbarkeit des Terrors umgehen. Früher sind die Menschen im Kreise der Familie alt und krank geworden, sind zu Hause gestorben, der Leichnam wurde dort aufgebahrt, gemeinsam getrauert. Heute bekommt diesen ganzen Prozess kaum einer mehr so hautnah mit. Solche Erlebnisse aber sind wichtig, um seelische Widerstandskraft zu entwickeln.

Eine Ihrer beiden Töchter ist bei der Feuerwehr. Gab es Versuche, Sie abzuhalten?

Nein, gar nicht (lacht). Ich habe sie aber auch nicht dazu gedrängt. Das war ihre eigene Entscheidung.

Neben naturgemäß belastenden Erfahrungen haben Rettungskräfte auch vermehrt mit Übergriffen zu kämpfen...

Ja, das stimmt, die Grenzüberschreitungen uns gegenüber nehmen zu, auch im Landkreis. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen ein Stück weit egozentrischer geworden sind, sich nicht vorstellen können, dass es mal nicht um ihre Belange geht. So wie der Fahrer, der eine Straßensperre in Poing nicht akzeptieren wollte und dann jemanden angefahren hat. Das ist sehr bedenklich. Andererseits nehmen wir eine große Hilfsbereitschaft wahr, etwa bei Überschwemmungen. Da kommen manchmal so viele Helfer, dass es schon wieder schwierig ist, alle zu koordinieren.

Bereiten Sie die Feuerwehr denn auch auf die zunehmenden Konfrontationen vor?

Selbstverständlich. Dazu gehört, dass man in gewisse Situationen, zum Beispiel in Asylbewerberheimen oder bei Wohnungsöffnungen, nicht blindlings reingeht.

Empfinden Sie sich selbst eher als Geistlichen oder als Psychologen?

Beides. Diese Grenzen sind in meinem Fall ja auch schwimmend. Für mich lautet die Frage immer: Was braucht der andere jetzt? Wie finde ich Zugang zu ihm? Und dementsprechend agiere ich. Es gibt ein tolles Buch von Anselm Grün mit dem Titel "Jesus als Therapeut". Genau das ist es!

Woraus besteht Ihr beruflicher Alltag? Sie haben ein Büro im Ordinariat...

Ja, als Anlaufstelle, aber meist bin ich unterwegs. Ich bin für die Feuerwehren in ganz Oberbayern zuständig und arbeite in drei Bereichen: in der Seelsorge von Gottesdiensten über Hochzeiten bis hin zu Beerdigungen. Das zweite ist die primäre Prävention, das heißt, ich gebe Schulungen und Vorträge über den Umgang mit belastende Erfahrungen. Und dann die Nachsorge, also Gespräche nach schwierigen Einsätzen.

Sie arbeiten nun seit 13 Jahren als Feuerwehrseelsorger - wie lange noch?

So lange ich noch Power und Lust dazu habe. Und so lange das Ordinariat diese Stelle mit mir besetzt haben möchte. Zu tun gibt es jedenfalls noch genug.