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Giulio Salvati:Erforschen und erinnern

Der Historiker Giulio Salvati hat eine öffentlich zugängliche Datenbank zu den vielen tausend NS-Zwangsarbeitern im Landkreis Erding erstellt - und den Ausgebeuteten und Vergessenen damit ein digitales Denkmal geschaffen

Von Florian Tempel, Erding

Im Museum Erding sollte nun bald Giulio Salvatis seit einem Jahr verschobene Ausstellung "Erding 1945 - wessen Heimat?" zu sehen sein.

(Foto: Museum Erding)

Alles an der Arbeit, die Giulio Salvati in den vergangenen Jahren zur Erdinger Geschichte beigetragen hat, ist außerordentlich. Der 32-jährige Historiker, der eigentlich in erster Linie an der New York University promoviert, hat wie nebenbei umfassend zum Thema Zwangsarbeit während der Zeit des Nationalsozialismus im Landkreis Erding geforscht. Er hat die erste öffentlich zugängliche Datenbank über NS-Zwangsarbeiter in einem Landkreis geschaffen und damit Tausenden ausgebeuteten und vergessenen Menschen ein digitales Denkmal gesetzt. Das ist ein mindestens bayernweit einmaliges Projekt. Darüberhinaus zeigt Salvati in beeindruckender Weise, wie moderne Geschichtswissenschaft aussehen kann: Er nutzt vielfältige digitale Möglichkeiten und das Internet nicht nur zur Veröffentlichung, sondern auch als Mittel, jeden Interessierten an der Forschung teilhaben zu lassen und ihn einzubinden. Das ist ein ebenso wegweisender wie überzeugender Ansatz, der bislang nur von ganz wenigen Historikern verfolgt wird.

Giulio Salvati ist im Alter von elf Jahren mit seiner Familie aus der italienischen Kleinstadt Rieti in die oberbayerische Kleinstadt Erding gezogen. Nach dem Abitur hat er in München und Bamberg Politikwissenschaft und Soziologie studiert und in Jena einen Master in Geschichte und Politik des 20. Jahrhunderts gemacht, bevor er zum Promotionsstudium an die New York University ging. In seiner Dissertation vergleicht er, wie nach 1945 Vertriebene in Deutschland und in Italien aufgenommen und angesiedelt wurden.

Er selbst ist seit Jahren immer auf dem Sprung. Im Herbst 2020 war er drei Monate mit einem Stipendium in Venedig, danach in Berlin, aktuell ist er in Erding. In diesem Mai soll endlich seine Ausstellung "Erding 1945 - wessen Heimat?" zu sehen sein, in der es nicht nur um Zwangsarbeit geht, sondern auch um die Bombardierung Erdings 1945, Konflikte um Wohnraum und sexuelle Gewalt vor und nach 1945 sowie die Beziehung von Einheimischen zur US-Militärregierung. Auch zu all diesen Themen hat Salvati hoch interessante und unbekannte Dinge erforscht. Bislang war das Museum und somit die Ausstellung aber wegen Corona geschlossen.

Seine Erdinger Zwangsarbeiter-Datenbank auf seiner Seite www.erding-geschichte.de ist immer zugänglich. Sie enthält aktuell Informationen zu knapp 2200 Frauen, Männern und Kindern. Man kann in ihr nach Namen, Geburtstag, Nationalität und den Einsatzorten der Zwangsarbeiter im Landkreis Erding suchen. Dazu gibt es Artikel zu einzelnen Personen, die laufend mehr werden. "Wir wollen einen zentralen Ort für den Landkreis Erding schaffen, um an diese Menschen zu erinnern", sagt Salvati, "zweitens ist es uns wichtig, den Familien der Betroffenen ein Werkzeug an die Hand zu geben, dass sie das Schicksal der Angehörigen recherchieren können - und das gilt auch für die hiesigen Familien."

Salvati sagt "wir", weil er das Datenbank-Projekt zusammen mit einem Freiwilligenteam umgesetzt hat und weiter ausbaut. Partizipation ist ein wichtiger Aspekt seiner Herangehensweise. Von Oktober 2019 bis Mai 2020 haben 14 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer mehr als zweihundert Arbeitsstunden darauf verwendet, die Karteikarten-Bestände des Arbeitsamts Erding zu den Zwangsarbeitern im Staatsarchiv München zu sichten. Im Umgang mit den Karteikarten tritt man nach mehr als 75 Jahren in einen erstaunlich nahen Bezug zu Personen und Schicksalen, die einem zuvor sehr fern waren. Etwa die Hälfte der Namen der mehr als 8000 ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen im Landkreis Erding wurde für das Datenbankprojekt erfasst. Das bis dahin weitgehend unbekannte und ungeheure Ausmaß der Verschleppung zum Zweck der Ausbeutung als Arbeitssklaven wurde erst durch diese Auswertung deutlich.

Eine von Tausenden Zwangsarbeiter-Karteikarten des Arbeitsamts Erding.

(Foto: Staatsarchiv München)

Viele Bauern und Unternehmer im Landkreis - Salvati und Team haben 1200 Betriebe und Höfe als Einsatzorte herausgefunden - haben von Zwangsarbeitern profitiert. Das ist ein weiterer Aspekt der Datenbank: die Rolle der Zwangsarbeit für die lokale Wirtschaft erkennbar zu machen.

Im nächsten Schritt ging und geht es nun darum, möglichst alle Fotos auf den Arbeitskennkarten zu digitalisieren. Denn "ein Name ist ein Anfang", sagt Salvati, "ein Bild zu sehen ist schon mehr, etwas über die Lebensgeschichte zu erfahren, das Ziel." Er hat für den weiteren Ausbau eine Crowdfunding-Kampagne mit dem Titel "Gesicht für Gesicht" gestartet, die 3200 Euro einbrachte, mit denen die Fotos von 2400 Karteikarten im Staatsarchiv gescannt werden konnten. Es gibt Karteikarten in drei Farben: grüne für Menschen aus Polen, rote für Männer, Frauen und Kinder aus der Sowjetunion und gelblich-weiße Karten für alle übrigen. Nur die roten und grünen Karteikarten sind mit einem Foto versehen. Von Franzosen, Italienern, Belgiern, Tschechen, Serben oder Griechen wurden keine Fotos gemacht. Salvati erklärt warum: "Menschen aus dem 'Osten' waren während und nach dem Krieg Sklaven und sie zu kontrollieren das eigentliche Ziel. So spiegelt sich das rassistische Denken in einer Skala auch in der Beschäftigung dieser Menschen im Landkreis wieder."

Unterstützerinnen und Unterstützer der Crowdfunding-Kampagne "Gesicht für Gesicht" für das Zwangsarbeiter-Datenbank-Projekt.

(Foto: Falk Messerschmidt/OH)

An diese Samstag, 8. Mai, an dem vor 76 Jahren der Zweite Weltkrieg und die mörderische Herrschaft der Nationalsozialisten endete, werden viele Gesichter von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern zu sehen sein. Salvati hat in Kooperation mit Pax Christi, dem Erdinger Antirassismus-Bündnis "Bunt statt Braun" und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft eine Kundgebung in Erding organisiert, wobei in Reden, mit Musik und einer Kunstinstallation an die verschleppten Frauen, Kinder und Männer erinnert wird.

© SZ vom 06.05.2021
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