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Erding:Für den Notfall gerüstet

Eine konstante Spannung im Stromnetz zu halten, wird für regionale Versorger immer schwieriger. Die Stadtwerke Erding haben bereits einen Plan, wem im Notfall als erstes der Saft abgedreht wird

Strom

Die regionalen Versorgungsnetze sind gut, sagen die Stadtwerke Erding und Dorfen. Wenn die Hochspannungsnetze überlastet sind, wirkt sich das trotzdem aus.

(Foto: Günther Reger)

- Massenhaft Windstrom im Norden, abgeschaltete Kraftwerke im Süden, fehlende Stromtrassen dazwischen: das deutsche Stromnetz krankt an der Energiewende. Nicht erst seit den jüngsten Warnungen der Bundesnetzagentur vor einer Überlastung des deutschen Stromnetzes ist Walter Huber, Geschäftsführer der Stadtwerke Erding, in Alarmbereitschaft: Ein Plan, welche Stadtviertel und Industriebetriebe im Fall einer Unterversorgung als erstes vom Stromnetz getrennt werden sollen, liegt schon in seiner Schublade, ein Satellitentelefon für Blackoutfälle hat er bereits bestellt. "Unser regionales Verteilernetz ist in einem sehr guten Zustand. Allerdings bringt uns das wenig, wenn es in den überlasteten Hochspannungsnetzen zu Zwischenfällen kommt", sagt Huber.

Grund für die wachsende Unsicherheit auch bei den regionalen Stromversorgern ist der stetig steigende Anteil erneuerbarer Energien wie Wind oder Sonne, deren Leistung mitunter stark schwankt. Ist etwa bei starkem Wind mehr Strom im Netz als verbraucht werden kann, müssen die Netzbetreiber die Anlagen kurzfristig abschalten. Umgekehrt kann es zu gefährlichen Unterversorgungen kommen, wenn Wind oder Sonne fehlen.

Die Spannung im Netz trotz der Vielzahl an Einspeisern konstant auf 50 Herz zu halten, wird zunehmend schwieriger. "Das ist, als ob man statt einem großen nun viele kleine Herzen hätte, die einen Körper versorgen müssen. Durch die gleichen Blutbahnen geht das nicht", erklärt Huber. Schon jetzt haben die Stadtwerke Erding jede ihrer Trafostationen mit einer Fernschaltetechnik ausgestattet. Von der Zentrale aus können Fehler im Netz binnen Sekunden lokalisiert werden. Um sie zu beheben, sind Techniker 24 Stunden einsatzbereit.

Ein neues Umspannwerk ist bereits geplant. "In ein stabiles Netz muss man auch investieren. Mit einer durchschnittliche Ausfallzeit von nur vier Minuten im Jahr sind wir an der Spitze in Europa. Und das soll auch so bleiben." Sein Kollege Karl-Heinz Figl, Geschäftsführer der Stadtwerke Dorfen, pflichtet ihm bei. "Wir haben unsere Niederspannungsnetze zu Mittelspannungsnetzen ausgebaut und neue Trafostationen installiert. Die Probleme bei uns sind gelöst - aber auf bundesweiter Ebene nicht."

Da der Ausbau der Hochspannungsleitungen von Nord- nach Süddeutschland jedoch auf sich warten lasse, hält es Huber durchaus für realistisch, dass auch die kommunalen Energieversorger Kunden zeitweise den Strom abdrehen müssen, obwohl im Landkreis genug Energie produziert wird. "Das ist die so genannte Kaskadenregelung. Wenn zu wenig Strom da ist weil beispielsweise die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, bekommen wir vom Übertragungsnetzbetreiber eine Nachricht, dass Last vom Netz genommen werden muss", erklärt er. Zwar sei dieses Szenario bisher noch nicht eingetreten. "Ich fürchte aber, wenn wir in diesem Winter eine längere Kälteperiode haben, könnte es soweit sein." Mit dem Katastrophenschutz, den Rettungsdiensten und dem Krankenhaus hat der Geschäftsführer der Stadtwerke Erding bereits besprochen, wie im Notfall verfahren werden soll.

"Die Unsicherheit und Anfälligkeit des Netzes steigt an", bestätigt auch Figl. Um einen totalen Stromausfall zu verhindern, müssen die Stadtwerke derzeit alle Fotovoltaikanlagen, deren Leistung zehn Kilowattstunden übersteigt, mit neuen Wechselrichtern ausgestattet. "Statt bei 50,2 Herz schaltet dann jede Anlage bei einem anderen Wert aus", erklärt Huber. Die Kosten der bundesweiten Systemstabilitätsverordnung wird über die Netzentgelte und die EEG-Umlage an die Stromkunden weitergegeben.

"Die Energiewende kostet Geld. Der Energiepreis ist nicht teurer geworden, sondern die Umlage, die an die Kunden weitergegeben wird. Das muss man den Leuten ehrlich sagen", fordert Huber. Panik verbreiten möchte der Stadtwerke-Chef allerdings nicht. "Dieser Winter wird ein kleines bisschen unsicher, aber auch ein ganzes Stück grüner." Ein paar Jahre seien es noch, dass könne ganz Deutschland 50 Prozent seines Stromes aus Erneuerbaren Energien speisen. "Und das ist dann wirklich eine Vorreiterrolle!"