Eching:Vater, Bruder, Helfer, Freund

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Eching: Flüchtlingshelfer Franz Nadler (mitte) spricht mit Bewohnern der Unterkunft in Dietersheim. Wenn es Probleme gab zwischen den neuen Mitbürgern und den Einheimischen, dann hat er immer wieder vermittelt.

Flüchtlingshelfer Franz Nadler (mitte) spricht mit Bewohnern der Unterkunft in Dietersheim. Wenn es Probleme gab zwischen den neuen Mitbürgern und den Einheimischen, dann hat er immer wieder vermittelt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Franz Nadler wird in der Dietersheimer Flüchtlingsunterkunft von allen nur "Mister Franz" genannt. Seit 2015 haben rund 170 Flüchtlinge in der ehemaligen Schule gelebt und er war von Anfang an erster Ansprechpartner

Interview von Aladdin Almasri und Clara Lipkowski, Eching

Wenn Franz Nadler die Dietersheimer Flüchtlingsunterkunft betritt, grüßen ihn die Bewohner grinsend. Der 68-Jährige ist dort Vater, Bruder, Helfer und Freund in einem, kurz, "Mister Franz". Seit 2015 haben rund 170 Flüchtlinge in der ehemaligen Schule gelebt, zurzeit sind es 45 Menschen. Nadler war von Anfang an erster Ansprechpartner - mit seiner Frau Irene, wie er betont, sie kümmert sich um die Familien und Frauen.

SZ: Herr Nadler, nach der Eröffnung gab es viele Beschwerden über die Unterkunft. Wie haben Sie die Probleme gelöst?

Franz Nadler: Zunächst ist das ja verständlich. Die Anwohner haben sich für viel Geld ein Reihenhaus gekauft und plötzlich ist unmittelbar daneben eine Asylunterkunft. Die Probleme waren massiv. Es wurde vom Wertverlust der Grundstücke gesprochen.

Es sei laut und dreckig, hieß es.

Mich haben Nachbarn angerufen: Der Spielplatz schaut furchtbar aus. Die Leute waren sensibel, das ist klar. Ich habe die Probleme offensiv angesprochen, etwa, das ist ein Spielplatz oder Friedhof, das müsst ihr respektieren. Ich habe Regeln aufgestellt. Und bin mit ihnen zum Bolzplatz, da haben wir aufgeräumt, Zigarettenkippen, Flaschen, Dosen. Die waren nicht alle von den Flüchtlingen, auch von den Dietersheimer Jugendlichen. Das hat einen Mordseindruck gemacht bei der Bevölkerung. Das machen wir immer noch. Und ich habe jeden Monat einen Bericht an die Leute im Dorf geschrieben. Auch, dass es eine Schlägerei gab oder Fahrräder geklaut wurden. Aber auch nette Sachen, etwa, dass ein Kind geboren wurde.

Gab es direkten Austausch?

Gab es. Nach der Kirche sind Leute ins Haus zum Brunch gekommen. Eine Dame sagte: "Da geht immer eine schwarz gekleidete Frau. Die ist so alleine. Meinen Sie, ich kann mit der sprechen?" Das waren zarte Annäherungsversuche. Ein kleiner Junge aus Albanien, der war noch nicht in der Schule, ist eine Zeit lang durch die Vorgärten der Häuser, die sind ja alle offen, das Spielzeug, das da lag, hat er einfach mitgenommen, ja fein, hat der gedacht. Wir haben dann mit den Eltern geredet und sogar jemand vom Landratsamt kam. Das war vielleicht übertrieben, aber es hat gewirkt.

Warum wollten Sie sich engagieren?

Die Rathauspolitik in Eching war 2015 nicht sehr offensiv. Sie haben das Thema unter der Decke gehalten, es gab Gerüchte. Da hab' ich gedacht: Da muss man aktiv werden, sonst geht das schief. Es braucht jemanden, von dem man weiß, er ist da.

Sie sagen, in den ersten zwei Jahren waren Sie optimistisch. Warum nicht mehr?

Gerade jetzt brauchen Flüchtlinge viel mehr Hilfe, damals, 2015, waren die Anliegen noch leicht: Wo ist der Aldi, wie komme ich nach München? Aber jetzt suchen Anerkannte eine Wohnung, Arbeit. Gleichzeitig gibt es weniger hauptamtliche Helfer, etwa von der Caritas oder Diakonie, wir haben jetzt die BIR ("Beratungs- und Integrationsrichtlinie", seit Januar in Kraft - die Red.), deshalb ist der Personalschlüssel viel schlechter. Früher hat sich ein Asylhelfer um etwa 150 Flüchtlinge gekümmert. Heute um etwa 500, wenn nicht gar 700.

Wie kann eine bessere Hilfe aussehen?

Es gibt so unsinnige Regeln. Wie das Arbeitsverbot aus Sicherheitsgründen für Flüchtlinge ohne Identitätsnachweis. Der Landkreis München, der da drüben anfängt, handhabt das total anders als Freising. Da dürfen Leute ohne Identitätsnachweis arbeiten. Und hier gibt es Menschen, die schauen seit einem Jahr an die Decke, weil es ihnen verboten ist zu arbeiten. Und das soll sicherer sein?

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Angela Merkel sagt, wir müssten Fluchtursachen bekämpfen. Aber wir produzieren sie ja erst: Wir verkaufen Panzer in die Türkei. Damit wird dann auf Kurden geschossen. Oder die unfairen Handelsverträge mit Afrika. Das muss sich ändern. In der Integration läuft vieles zu schematisch ab. Es gibt Flüchtlingskinder, die waren nie in der Schule. In Eching sitzen sie in der Klasse mit drin. Was soll das bringen? Sie brauchen erst eine Alphabetisierung. Mir scheint, es gibt eine politische Linie: Man will den Leuten das Leben hier schwer machen: Durch das Arbeitsverbot, die unerhört hohe Miete für "Fehlbeleger", den beschränkten Familiennachzug und die BIR.

Die Gesellschaft fordert von Flüchtlingen, sich zu integrieren, aber auf der anderen Seite akzeptiert die Gesellschaft Flüchtlinge oft nicht. Wie passt das zusammen?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Denen, die schon Deutsch können, sage ich, sie sollen selbst beim Arzt anrufen. Aber wenn ich anrufe, kriegen sie viel früher einen Termin. Es gibt diese Beklemmnis vor der Fremdheit. Aber ich denke, das braucht Zeit. Aber, dass die Stimmung besser wird, sehe ich nicht, auch weil die AfD jetzt im Bundestag ist. Es wird viel gegeneinander ausgespielt. Ich bin sicher: Die Rente würde nicht steigen, wenn 50 000 Flüchtlinge weniger hier wären.

Aber leichter macht die Situation die angespannte Lage am Wohnungsmarkt nicht.

Das ist klar. Wir müssen mehr bauen.

Gab es Ressentiments gegen Flüchtlinge aus der Bevölkerung?

Natürlich sagt mal einer, was sollen wir mit all den Flüchtlingen, aber Dietersheim ist viel aufgeschlossener als andere Orte. Man muss aber zugeben, ein paar Bewohner sind regelrechte Stinker. Die machen zum Beispiel nicht sauber. Aber da hab' ich ein Druckmittel. Hier sind alle Internetjunkies (lacht). Ich stell' denen das Internet ab. Dann geht es plötzlich doch. Schlimm ist, dass es unter den Bewohnern richtige Aversionen gibt. Nigerianer und Pakistaner sind ganz unten in der Hierarchie. Sechs Pakistaner leben in einem Raum, weil keiner zum Syrer oder Iraker wollte. Ich sage dann immer: Leute, ihr seid doch alle gleich schlecht dran.

Wie wird es mit dem Haus weiter gehen?

Der alte Teil des Hauses ist 100 Jahre alt und marode, vielleicht muss es abgerissen werden. Vielleicht will die Gemeinde das Grundstück auch für etwas anderes nutzen. Aber solange es bleibt wie es ist, mache ich weiter.

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