Umgang mit Geld:Jugendliche in der Schuldenfalle

Umgang mit Geld: Smartphones gehören für Jugendliche längst zum Alltag. Nicht alle aber können sich die Ausgaben dafür leisten - und rutschen in eine Schuldenspirale.

Smartphones gehören für Jugendliche längst zum Alltag. Nicht alle aber können sich die Ausgaben dafür leisten - und rutschen in eine Schuldenspirale.

(Foto: Monkey Business 2 via/Imago images)

Nicht nur Erwachsene geben mitunter mehr aus, als sie sich leisten können - bei der Caritas in Erding suchen auch viele junge Leute Rat, weil sie ihr Konto überzogen haben. Workshops in Schulen sollen sie mit Finanzthemen vertraut machen.

Von Sofia Wiedemann Goncalves, Erding

Dass Schulden schnell zum Drahtseilakt werden können, wissen die meisten. Dass dies schon für Jugendliche ein Problem sein kann und nicht erst bei der Finanzierung einer Immobilie, ist vielen nicht bewusst. Im Jahr 2022 waren beinahe 24 Prozent der Ratsuchenden bei der Schulden- und Sozialberatung der Caritas im Landkreis Erding Jugendliche und junge Leute (bis 30 Jahre alt), was sie zur zweitstärksten Altersgruppe machte.

Viele jonglieren zwischen ihren eigenen Einnahmen und Ausgaben, ohne sich der potenziellen Fallstricke bewusst zu sein. Ein Beispiel dafür ist der Abschluss des ersten Handyvertrags. In der Euphorie wird der Vertrag unterzeichnet, doch bald wird klar, dass die monatlichen Kosten doch nicht erschwinglich sind. So beginnt der Teufelskreis. Vor diesem Hintergrund bietet die Caritas-Sozialberatung Erding seit 2019 an Schulen im Landkreis das Programm "Fit-for-Life" zur Schuldenprävention an.

In Workshops, die in der Regel von den Schulen selbst angefragt werden, werden die Schüler in Erding ab der achten Klasse und in anderen Landkreisen sogar schon in der Grundschule mit Finanzthemen vertraut gemacht. Der Hauptgrund dafür, so Melanie Schmerbeck, Ansprechpartnerin für das Programm in Erding: "Den meisten wird das zu Hause nicht vermittelt".

Der Workshop dauert etwa eineinhalb Stunden und beginnt mit einem 20-minütigen Input-Teil. Dabei werden Themen wie Konten und Kartenarten, Online-Shopping (mit besonderem Augenmerk auf das Vermeiden unerwarteter Zollgebühren) sowie Lohnabrechnungen und die damit verbundenen Abgaben behandelt. Danach folgt das Spiel "1x1 - Was kostet das Leben?" Die Teilnehmer bilden Kleingruppen, stellen eine fiktive Person im Alter zwischen 18 und 23 Jahren dar, die eine Gehaltsabrechnung erhält und einen Haushaltsplan erstellen muss. Auf Spielkarten werden den Schülern Artikel verschiedener Preiskategorien zur Auswahl angeboten. Bei Lebensmitteln kann man beispielsweise zwischen "super billig", "mittel billig" oder "Bio und teuer" wählen. Eine Frage der Prioritätensetzung.

Ganz realistisch wird das Spiel durch sogenannte Ereigniskarten, die Lebenssituationen wie eine unerwartete Mieterhöhung oder Kurzarbeit darstellen - eben die Tücken des Lebens. Die Schülerinnen und Schüler müssen überlegen, wie sie damit umgehen und eventuell Anpassungen vornehmen (zum Beispiel umziehen oder die Mitgliedschaft im Fitnessstudio kündigen). Schnelle Gruppen können sogar das "Traumleben" spielen, bei dem sie alles haben können, was sie wollen, und dann ausrechnen müssen, wie viel sie dafür verdienen müssten.

Kein richtiges Gefühl für das Konsumverhalten

Warum gerade junge Menschen in die Schuldenfalle tappen, erklärt Schmerbeck so: "Man steht zum ersten Mal auf eigenen Beinen und hat keine Ahnung, was das Leben eigentlich kostet". Außerdem hätten die Jugendlichen oft kein richtiges Gefühl für ihr Konsumverhalten. Mit Bargeld wäre einem noch eher bewusst, wie viel man ausgibt: Wenn man 50 Euro im Portemonnaie hat, muss man damit auskommen. Da aber immer häufiger Kreditkarten als Zahlungsmittel genutzt werden, verlieren Jugendliche schnell den Überblick und stoßen an ihre Grenzen. Hinzu kommt, dass Kreditkarten mit Limits von 500 bis 1000 Euro von jedem 18-Jährigen ohne großen Aufwand und Nachweis online bestellt werden können. Beides zusammen führt zu dem, was Schmerbeck eine "gigantische Falle" nennt.

Was das Elternhaus betrifft, so Schmerbeck, sei der wichtigste Rat, "das Thema nicht totzuschweigen". Gerade in einkommensschwachen Familien könnten Eltern aus Scham zögern, darüber zu sprechen. Hilfreich sei es auch, sich gelegentlich mit den Kindern zusammenzusetzen und unter anderem die Budgetplanung für den Wocheneinkauf zu besprechen, um langsam ein Gefühl für finanzielle Verantwortung zu vermitteln. "Offenheit" sei hier der Schlüsselbegriff, auch um sicherzustellen, dass Kinder in Zukunft Probleme nicht aus Scham verschweigen und sich bei eventuell auftretenden Schwierigkeiten rechtzeitig Hilfe suchen. Der Politik schlägt Schmerbeck vor, den Lehrplan etwas aufzubrechen und das Thema in die Klassenzimmer zu bringen. "Wenn es auf Freiwilligkeit beruht, glaube ich nicht, dass sich viele Jugendliche darauf einlassen".

Ob der Workshop tatsächlich das Potenzial hat, die Generation von morgen vor der Schuldenspirale zu bewahren? Melanie Schmerbeck sagt dazu: "Wenn auch nur einer aus dieser Klasse bloß ein Prozent von dem mitnimmt, was ich erzählt habe, und sich beim nächsten Online-Shopping dreimal überlegt, ob er sich das leisten kann oder nicht, dann habe ich schon etwas erreicht".

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