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Burschen-Boxen:Bier, Schweiß, Hölle

2500 Leute kommen zum Boxturnier des Anzinger Burschenvereins, der 110-jähriges Bestehen feiert. Sie grölen, pfeifen und klatschen, während im Ring die Fäuste fliegen und die Nasen bluten

Die Menge im Festzelt tobt. Eine Mischung aus Bier, süßem Schweiß und alten Turnschuhen liegt in der Luft. In der Mitte der Halle steht ein Boxring, darüber eine große Leinwand, die die Kämpfe live zeigen wird. An den Seiten sitzen drei Punktrichter, im Ring stehen der Kampfrichter und ein Ringsprecher, der die Menge anheizt. Ohne eine Miene zu verziehen, läuft Ringo begleitet zur Musik von Eminem in den Kampfring. Er trägt einen Bademantel, auf seiner Nase sitzt eine Sonnenbrille. Sein Gegner Hunter läuft ruhig, die Hand seines Trainers liegt auf seiner Schulter. Seine langen blonden Haare hat er zu einem Zopf gebunden. Oben angekommen lässt er seine Nackenwirbel knacken. Die Boxer sind bereit für den Kampf.

Burschenboxen Anzing

Ringo, der eigentlich Richard Wagner heißt, bekommt einen heftigen Schlag auf die Nase.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ringo, der eigentlich Richard Wagner heißt, boxt für den Burschenverein Bruck, sein Gegner René Löschner für Neufinsing. Der Burschenverein Anzing hat zu seinem 110-jährigen Bestehen ein Boxturnier auf die Beine gestellt. Elf Burschen boxen in zwei Gewichtsklassen im Turniermodus gegeneinander. Auch Vereine aus dem Landkreis Rosenheim und Traunstein sind angereist, fünf Teilnehmer kommen aus dem Landkreis Ebersberg.

Vor einem halben Jahr nahm der Burschenverein Anzing Kontakt zum Erdinger Kickboxverein auf. Die Boxer sollten eine fundierte Ausbildung bekommen und die Grundbegriffe des Boxens lernen: "Es sollte ja keine Bierzeltschlägerei werden", erklärt Peter Lutzny, der die Burschen zusammen mit Heinz Klupp sieben Wochen trainiert hat. Normal trainiere er "richtige Rennpferde", die Burschen seien alle sehr talentiert und "richtig fitte Burschen". 2500 Leute sind am Samstagabend nach Anzing gekommen, um ihre Boxer anzufeuern. "Eine solche Stimmung habe ich noch nicht erlebt, selbst bei Kämpfen mit 15 000 Zuschauern nicht", sagt Lutzny. Die Menschen grölen, pfeifen, klatschen, schlagen Bierkrüge auf die Tische und rufen immer wieder den Namen ihres Boxers. Wagner und Löschner treten mit fünf anderen im Cruisergewicht gegeneinander an, das sind Boxer, die weniger als 90 Kilogramm wiegen. Die anderen vier steigen im Schwergewicht in den Ring. Gekämpft wird zweimal zwei Minuten, mit zwei Minuten Pause dazwischen, eine Minute länger als bei normalen Boxkämpfen üblich ist.

Burschenboxen Anzing

Die Menge jubelt, die Stimmung kocht.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wagner und Löschner stehen sich nun im Halbfinale gegenüber. Der Kampfrichter ruft laut "fight" - der Kampf beginnt. Löschner tänzelt locker hin und her, während Wagner den ersten Angriff startet. Seine Faust zerschneidet die Luft, Löschner geht in Deckung. Wie eine Maschine boxt der 24-Jährige auf ihn ein: links, rechts, links rechts, links. Löschner wird angezählt, kann dann aber zu einem Gegenangriff starten.

Die neue Runde beginnt, Löschner tobt, nach einem kräftigen Schlag blutet Wagners Nase. Mit einem weißen Handtuch wischt er das Blut ab und greift seinen Gegner an. Dabei stürzt er, rappelt sich wieder auf und kommt gleich wieder hoch. Immer wieder muss er sich das Blut aus dem Gesicht wischen. Noch zehn Sekunden. Dann ertönt der Schlussgong. Am Ende hebt der Kampfrichter den Arm von Löschner in die Höhe. Die Menge jubelt.

Burschenboxen Anzing

2500 Menschenverfolgen das Spektakel.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Die Idee zum Burschenboxen kam auf einer Hochzeit, als wir zum Spaß gerangelt haben", sagt Sebastian Erber, der für Anzing im Schwergewicht im Ring steht. Sein erster Gegner ist Äl Radicalo (Maximilian Gerlsbeck), der eine riesige Fangemeinde dabei hat. Jeder Boxer läuft mit Mantel und Musik zum Kampf ein, Gerlsbeck hat eine Cheerleader-Mannschaft dabei. Die Mädchen tragen kurze, glänzende Höschen und Kniestrümpfe. Mit grünen Pompons laufen sie vor ihm her. Er trägt einen schwarzen Mantel, mit bösem Blick schreitet er am Publikum vorbei, begleitet von einem Bodyguard. Laute Buh-Rufe sind aus dem Publikum zu hören. Vor ihm sein eigenes Presseteam mit Fotografen und Kameramännern. Zuvor ist er mit Limousine angereist, mit rotem Teppich, Feuerwerk und viel Show. Die Cheerleader formen einen Halbkreis auf dem Ring und starten eine kleine Choreografie, am Ende landen sie im Spagat. Die Menge rastet aus.

Burschenboxen Anzing

Das Turnier gewinnt am Ende Sebastian Erber, der für Anzing in den Ring gestiegen ist.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Erber, der sich den Kampfnamen "Erbsenknedel" gegeben hat, läuft mit eigens produziertem Video zum Ring, das auf der großen Leinwand über dem Ring abgespielt wird. "Halb Mensch, halb Tier" ist darauf zu lesen. Er gibt mit seinen Boxhandschuhen seinen Fans die Faust. "Hier regiert SE4" rufen sie in einer Ohrenbetäubenden Lautstärke. Mit dabei hat er den Gürtel, den es zu gewinnen gibt. Erber spielt beim Sportverein Anzing Handball in der Bayernliga und ist harte Sportarten gewohnt. Vor 2500 Zuschauern boxen zu müssen, mache ihn aber dennoch "sauber nervös".

Die Zuschauer sind jetzt nicht mehr zu bremsen, auf diesen Kampf haben alle gewartet. Die Kämpfer stehen unbeeindruckt in ihrer Ecke des Rings. Ein paar grüne Pompon-Fäden liegen noch auf dem Boden - Ring frei: Gerlsbeck startet mit dem ersten Schlag, 123 Kilo wirken auf Erber ein, der selbst 96 Kilo auf die Waage bekommt. Die Zuschauer verziehen schmerzverzerrt ihre Gesichter. Sofort landet er in den Seilen und wird angezählt. Der 20-Jährige schafft es, wieder hochzukommen und tänzelt mit schnellen Schritten vor Gerlsbeck herum, kneift die Augen zusammen und verpasst ihm einen Schlag. Dann die Überraschung: Äl Radicalo stürzt zu Boden. Technisches k.o. in der ersten Runde, nach einer Minute und 30 Sekunden. Die Menge rastet aus, Menschen springen auf, pfeifen, schimpfen und jubeln. Die Halle dröhnt.

Im Finale steht Erber gegen Anton "Done" Niedermeier. Die Stimmung kocht. Beide müssen ordentlich einstecken. Die Hiebe folgen so schnell, man kann kaum unterscheiden, wer gerade wen trifft. Und dann passiert es: Niedermeier bekommt einen Minuspunkt, weil er Erber mehrmals unsportlich in die Seile geworfen hat. Dieser Minuspunkt verhilft dem Anzinger zum Sieg, sonst wäre der Kampf unentschieden ausgefallen. Erber steht im Freudentaumel im Ring, seine Fans sind zu ihm gestürmt und feiern ihn. "Ich hab erst gar nicht gewusst, dass ich gewonnen habe", sagt er nach dem Kampf.

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