Ausgrabungen in Erding Aufklärung in Schichtarbeit

Die Grabungen auf dem Gruber-Areal erlauben wertvolle neue Einblicke in Erdings bewegte Vergangenheit

Von Thomas Daller

Wenn Erding während des 30-jährigen Kriegs 1632 und 1634 zweimal von den Schweden erobert, geplündert und in Brand gesteckt wurde - warum findet man keine entsprechenden Brand- oder Zerstörungsschichten? Woher stammen die Menschenknochen im Brunnen - starb er durch Gewaltanwendung? Und wenn die Erdinger keltischen Ursprungs sein sollen - warum findet man keinerlei keltische Spuren? Die archäologische Grabung auf dem Gruber-Areal wirft viele Fragen auf.

Seit mehr als drei Wochen legt die Grabungsfirma Phoinix auf dem Areal, auf dem der Erweiterungsbau des Gewandhauses Gruber entstehen soll, Schicht um Schicht den Boden frei. Grabungsleiter Stefan Mühlemeier, sein Assistent Ratko Krvavac und die Grabungszeichner Essam Hammam, Stefan Odzuck und Thomas Neumann arbeiten sich bis zum Alm vor. Diese weiße Kalkschicht hat die Sempt, die damals noch viel breiter war, nach der Eiszeit in Erding abgelagert.

Reste von drei mittelalterlichen Häusern haben sie gefunden, einen ehemaligen Brunnen und eine sehr ergiebige Abfallgrube mit glasierten Keramikscherben, Tierknochen sowie Stücke von zwei zerbrochenen Tabakspfeifen. Die Pfeifen stammen vermutlich aus dem 16. oder 17.Jahrhundert, schätzte Ratko Krvavac: "Tabak gab es ja erst nach der Entdeckung Amerikas und dann hat es ja noch mal eine Zeit gedauert, bis er in Mode kam."

Darüber hinaus haben sie auch ein paar Münzen ausgegraben, die jedoch erst genauer untersucht werden müssen, bevor man sie exakt datieren kann. Krvavac will jedoch nicht ausschließen, dass möglicherweise eine römische Münze darunter ist, weil es so aussehe, als sei ein Kopf im Profil darauf geprägt. Und das wäre ein typisches Merkmal für eine römische Münze. Bei einem weiteren Geldstück könnte es sich um einen Freisinger Pfennig handeln, sagte Krvavac, aber auch das sei noch Spekulation.

Der Grabungsassistent wunderte sich, warum bei den Grabungen keine Brand- und Zerstörungsschichten aus der Zeit des 30-jährigen Krieges zutage traten, schließlich soll Erding ja zweimal von Schweden gebrandschatzt worden sein. In Moosburg, wo er ebenfalls gegraben habe, finde man viele Brandschichten aus dieser Zeit. Vielleicht seien die Zerstörungen in Erding gar nicht so massiv gewesen, wie von den Zeitzeugen beschrieben. Archäologen stünden schriftlichen alten Quellen immer etwas skeptisch gegenüber, erläuterte Krvavac.

Mit einem geradezu forensischen Fall sahen sich die Archäologen in einem verfüllten Brunnen konfrontiert, wo sie das Oberschenkelende samt Gelenkkugel, einen Teil des linken Unterkieferansatzes und weitere Knochenfragmente eines Menschen fanden, die offenbar durch Kraftaufwand zerbrochen waren. "Das sieht nach Gewaltanwendung aus", sagte Krvavac. Aber wenn jemand eine Leiche in den Brunnen geworfen habe, um sie zu verbergen, so stelle sich die Frage: "Wo ist der Rest?"

Am Mittwoch, 6. Juli, 18 Uhr, wird eine öffentliche Führung auf dem Grabungsareal stattfinden, bei der die Archäologen weitere Aspekte dieser Stadtkerngrabung erläutern. Dabei will sich Krvavac auch bei Grundstückseigentümer Hugo Gruber bedanken, der "sehr viel Geduld" bewiesen habe.