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Zorneding:Grandiose Raserei

Glanzvolles Spiel: Das finnische Quartett Meta 4 besteht aus (von links) Antti Tikkanen, Tomas Djubsjöbacka, Atte Kilpeläine und Minna Pensola.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Meta-4-Quartett fasziniert in Zorneding

Von Claus Regnault, Zorneding

Manchmal gibt es Koinzidenzen, die einer gewissen Komik nicht entbehren. Gerade hatte das finnische Streichquartett Meta 4 die erste Hälfte seines Konzerts im Zornedinger Martinstadl mit einer aufregenden Komposition ihres Landsmanns Jaakko Kuusisto beendet, das Publikum strömte in die sonnendurchglänzte Pause. Da näherten sich entschlossen zwei ältere Frauen, bewaffnet mit "Nordic Sticks", und durchpflügten die Gruppe der Konzertbesucher in Richtung ihres wohl ebenfalls nordischen Ziels. . .

Das Quartett, hierorts bekannt durch ihren Auftritt 2009, ist ein Spitzenensemble. Außer dem Cellisten, der saß, spielten die übrigen drei Ensemblemitglieder im Stehen, eine Vortragsart, die bei einigen prominenten Streichquartetten schon Schule gemacht hat. Was den Meta 4-Leuten dabei zugute kam, war ihre nach wie vor jugendliche Erscheinung die den Eindruck von befreitem Umgang mit der gespielten Musik vermittelte.

Auch das Programm war in mancher Hinsicht ungewöhnlich, denn dem abschließenden Schumann-Quartett gingen zwei Kompositionen voraus, die jedenfalls für Zorneding fast den Charakter einer Uraufführung hatten. Das gilt auch für das einleitende Quartett C-Dur op. 20 Nr. 2 von Joseph Haydn, denn die enorme Fülle seiner Quartettkompositionen lassen die Begegnung mit dem selten gespielten op. 20 frisch wie am ersten Tag erscheinen. Diese Komposition, Teil der sechs später so benannten "Sonnenquartette", wirkt kühn, aufregend gestaltenreich in allen vier Sätzen, in denen Haydn sich mit der barocken Fugenform auseinandersetzt, diese fern von aller schulmäßigen Strenge in ihre spätere Behandlung in Werken der Wiener Klassik vorbereitend. Dazwischen erreicht dieses Quartett dramatische, ja revolutionäre Wirkungen, vor allem in dem langsamen Capriccio-Satz. Es mündet in einen effektvollen, die Verwandlung der Fuge in sprühendes Vergnügen endenden Schlusssatz. Die Meta 4-Leute, stehend den körperlichen Einsatz ihres Spiels demonstrierend, spielten einen Haydn, der sich gewaschen hatte. Man kann sie schon seit ihrer ersten Haydn-CD als Haydn-Entdecker feiern.

Danach folgte das 2008 für die befreundeten Musiker des Quartetts von dem Finnen Jaakko Kuusisto komponierte, einsätzige Quartett "Play III op. 21", noch in der traditionellen Tonalität verankert, aber doch weitgehend freitonal im Verlauf, Musik der starken Emotion, die mit einer kadenzartigen Selbstdarstellung jedes der vier Instrumente beginnt, besonders eindrucksvoll das einleitende Solo der zweiten Violine, besetzt mit Minna Pensola. Ihre bekundete Freude, als Erste solistisch dranzukommen, war berechtigt, denn die nachfolgend bedachten Mitstreiter Antti Tikkanen, erste Violine, Atte Kilpeläinen, Viola, und Tomas Djubsjöbacka, Violoncello, glänzten nicht minder virtuos mit ihren Solos. Insgesamt vermittelte Meta 4 mit dieser Komposition einen starken Eindruck von der zeitgenössischen Musikkultur Finnlands.

Nach der Pause Robert Schumanns Streichquartett "a-Moll op. 41 Nr. 1". Es ist Teil der drei Streichquartette, die Schumann sozusagen in einem Zug komponiert hat, wenn auch bescheidener als Haydn, der es zu Sechser-Zyklen brachte. Es ist ein melodisch reiches Werk, in welchem der prägende Schatten Beethovens, aber auch das Fortwirken kontrapunktischer Satztechniken des Barock sich stilprägend auswirken. Neben dem charaktervollen 6/8 Scherzo des 2. Satzes ist Schumanns Innigkeit besonders im dreiteiligen Adagio verwirklicht. Aber Clou des Werks, jedenfalls in der atemberaubenden Interpretation durch Meta 4, war der Finalsatz für den die Vier ein aberwitziges, so noch nie gehörtes Tempo gewählt hatten, welches das Publikum in helle Begeisterung versetzt hat.

Drei Zugaben, darunter der fast unheimlich dahinrasende Scherzosatz aus dem Streichquartett "Voces intimae" (innere Stimmen) des Urvaters der zu Selbstbewusstsein gewachsenen finnischen Musikkultur, Jean Sibelius. Ein großer Abend.

© SZ vom 25.04.2015
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