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Wirtschaft in Landsham:Gute Adresse

Früher war das Wirtshaus kaum mehr als ein einfacher Bierausschank. Melchior und Anita Stocker haben es zu einem modernen Gasthof gemacht.

(Foto: Christian Endt)

Der Gasthof Stocker wird vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium mit einem Siegel für hervorragende Küche ausgezeichnet

Vierzehn Seiten hat der Plieninger Ortschronist Willi Kneißl in seinen "Landshamer Hofgeschichten" dem Gasthof Stocker gewidmet. Gleich hinter der ersten Kurve an der Kirchheimer Straße, wenn man von Westen her in den Ortsteil hineinfährt, liegt das traditionsreiche Haus, das als Bauernhof zum ersten Mal im Jahr 1433 in den Gerichtsurkunden von Schwaben auftaucht. Auf einem Hausschild, 2013 im Zuge der gemeindlichen 1200-Jahr-Feier an der Hauswand angebracht, steht der Name geschrieben, den der Hof über die Jahrhunderte trug: Beim Kratzer. Abgeleitet war die Bezeichnung vom römischen Pankratius, wie Generationen von Bauersleuten mit Vornamen hießen, die dem Haus seinen Namen gaben.

Die Familie Stocker übernahm den Hof im November 1918, ein Tauschgeschäft war es, hat der Ortschronist herausgefunden, der gelegentlich an einem der massiven Holztische in einem der Gasträume sitzt, wo er in aller Ruhe ein Bier genießt. Dass er das immer noch tun kann, ist nicht zuletzt dem Mut und Engagement der beiden Wirtsleute zu verdanken, die aus dem schlichten Wirtshaus, das der Stocker lange gewesen war, Mitte der 2000er-Jahre einen modernen Gasthof gemacht und sich geänderten Herausforderungen wie hohen Brandschutzauflagen oder auch strengeren Grenzen für Personalarbeitszeiten gestellt haben. Dass es ihnen gelungen ist und sie zudem noch ein Haus mit besonderem Renommee geschaffen haben, ist ihnen Mitte dieser Woche ganz offiziell bestätigt worden.

Ein besonderes Qualitätssiegel bekamen die Eheleute Anita und Melchior Stocker am Mittwoch im Bayerischen Landwirtschaftsministerium überreicht. Ihr Gasthof ist damit einer von 25 Betrieben in Bayern, die fortan mit "Ausgezeichneter Bayerischer Küche" werben dürfen. Außerdem streben sie das Siegel für "Ausgezeichnete Bierkultur" an. Den kulinarischen Reichtum der Regionen im Freistaat wollen die bayerische Sektion des Dehoga (Deutscher Hotel und Gaststättenverband) und das Bayerische Landwirtschaftsministerium mit der Auszeichnung würdigen. Das Zusatzsiegel "Ausgezeichnete Bierkultur" stiften der Tourismusverband Oberbayern München (TOM), der Verband der privaten Brauereien Bayern, der Bayerische Brauerbund und die Dehoga. Das Qualitätssiegel soll, so erklärte die Landespräsidentin der Dehoga, Angela Inselkammer, "ein Aushängeschild und ein verlässlicher Qualitätskompass für Gäste sein, damit sie garantiert authentische und ausgezeichnete Wirtshäuser finden und die weltweit beliebte bayerische Wirtshauskultur erleben können."

Für das Landshamer Wirtsehepaar ging es bei der Bewerbung um das Siegel vor allem darum, "zu sehen wo wir stehen", erklärt Anita Stocker am Vormittag nach der Feierstunde. Eigentlich hat sie im Büro zu tun wie so oft, doch jetzt hat sie sich mit ihrem Mann auf einen Sprung in der großen Gaststube zusammengesetzt. Die Polster der massiven Holzbänke sind mit einem grauen Wappenmuster bezogen, an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotografien von früheren Generationen der Wirtsfamilie, aufgelassene Steinsäulen strukturieren den Raum, schaffen gemütliche Winkel, in einer Ecke steht eine Muttergottesschnitzerei. Mehrere Gasträume gibt es, Nebenräume dazu, alles ist ähnlich gestaltet - solide, traditionsbewusst, hell.

110 Gäste finden hier Platz, im Sommer kommt noch die Frühstücksterrasse draußen mit 70 Sitzgelegenheiten dazu, die abgeschirmt von der Durchgangsstraße in Richtung der Remisen liegt. Früher gab es auch noch einen Saal, "aber den mussten wir aufgeben", erzählt die Chefin - nicht gerade zur Freude der örtlichen Vereine, die ihn gerne genutzt haben. Ein Komplettumbau, der verschärften Brandschutzauflagen wegen, wäre allerdings nötig geworden, für jede Feier auch viel Extra-Personal, "da hamma g'sagt, des mach ma nimmer". Gutes Personal sei ohnehin so schwer zu kriegen, erst recht wenn alles über persönliche Empfehlungen gehen soll, nicht über Anzeigen. Verwandtschaft ist keine mehr da, um zu helfen, die beiden Söhne mit 13 und 16 noch in Schule und Lehre. Mit vier Vollzeit-, drei Teilzeitkräften und 20 Aushilfen für den Service und als Zimmermädchen arbeiten die Stockers, "viele von ihnen sind von Anfang an bei uns".

2004 hatten die frisch verheirateten Eheleute beschlossen, den Hof komplett umzubauen. Bis 2002 hatte Melchior Stockers Mutter Haus und Küche unter ihrer Ägide gehabt, der Vater die Landwirtschaft betrieben. Mit dem plötzlichen und frühzeitigen Tod seiner Mutter war klar, dass sich etwas ändern müsse im Haus, erzählt der Wirt. "Aufhören oder umbauen und modernisieren", das sei die Frage gewesen, sagt seine Frau, die aus einer Ottersberger Familie stammend das Wirtsgen quasi "im Blut" hat. "Meine Familie mütterlicherseits, da sind einige Wirtinnen drunter." Sie selbst hat Bankkauffrau gelernt, sich nach der Heirat in die Familie Stocker aber mit Haut und Haaren dem Wirtsleben verschrieben. "Was ma da braucht, ist vor allem a gscheide Gosch'n - und die hab I' immer scho' g'habt - und a dick's Fell." Letzteres nicht nur, weil ständig die Bürokratie, die Steuer, die Personalsorgen in den Wirtsalltag reingrätschen, sondern auch, weil man als Wirt oft "mehr Pfarrer und Seelsorger" sei als nur Gastgeber. Grad wenn einer über den Durst getrunken habe und von seinem Unglück erzähle, "da nimmst scho' manchmal Sachen am Abend mit ins Bett", sagt ihr Mann Melchior. Das zumindest hat sich wohl auch im Gasthof nicht geändert im Gegensatz zu jenen Zeiten, als das Wirtshaus Stocker kaum mehr als ein Bierausschank war. "Mei' Mutter hat halt 'kocht", erzählt er, "für 14 Leit'", die ganze Familie eben inklusive seinem Vater Melchior - den fünften dieses Namens. "Am Montag gab's Kesselfleisch, wenn der Nachbar g'schlacht hat, am Dienstag Sülze." Nichts anderes gab's auch für die Handwerker nicht, die auf ein Bier in die Wirtschaft kamen, oder die Rentner, die sich um 9 Uhr zum Stammtisch trafen und mittags mindestens bei der zehnten Halbe waren.

Einen Stammtisch gibt's immer noch, inzwischen in eine Ecke gegenüber dem Empfangstresen eingebaut, wo auch die Zimmergäste registriert werden. "Do wo früher die Bummerl g'stand'n sind, da schlaf'n heut die Leit", erzählt Melchior - und übersetzt mit einem Lachen, dass er von den Stieren geredet habe, die sein Vater im Stall stehen hatte. Die Landwirtschaft haben die Stockers aufgegeben, ihre Lebensmittel bekommen sie alle aus der Region, das Schweinefleisch etwa von zwei Bauern aus der Erdinger Ecke, das Kraut aus Ismaning - auch das eines der Kriterien, die sie erfüllen mussten für die Dehoga-Auszeichnung. "80 Seiten Selbstauskunft", erzählt die Wirtin, "und dann kommt der Prüfer, stellt sich nicht vor, und nach dem Dessert legt er plötzlich sein Karterl auf den Tisch." Einen Augenblick denkt daran zurück, doch dann schiebt sie nach: "Na ja, mir ham ja g'wusst, dass er kommt."

© SZ vom 25.01.2020
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