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Vaterstetten:Über Risiken und Nebenwirkungen

CSU, Talk im Wirtshaus, Vaterstetten

Kritiker und Befürworter sprechen beim "Talk im Wirtshaus" in der Vaterstettener Landlust über Impfungen.

(Foto: Karin Kampwerth/oh)

Befürworter und Kritiker diskutieren in Vaterstetten, ob Impfungen gefährlich oder heilsbringend sind

Würde man den Faktencheck einer populären TV-Talkshow bemühen, käme man in diesem Fall kaum weiter, denn die Informationen zum Thema Impfen sind genauso widersprüchlich, wie die Debatte darüber emotional aufgeladen ist. Mit dem Titel "Impfen - eine Glaubensfrage" haben Stefanie Ederer und Christl Mitterer vom Vaterstettener CSU-Ortsverband treffenderweise auch ihren "Talk im Wirtshaus" am Mittwochabend in der Gaststätte "Zur Landlust" überschrieben. Auf dem Podium Experten mit medizinischer oder pharmakologischer Ausbildung, die den "kleinen Pieks" aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Steht auf der einen Seite das Risiko einer schweren Erkrankung, die durch eine Impfung vermieden werden kann, wird auf der anderen Seite das Risiko von Nebenwirkungen höher bewertet als die Gefahr, sich überhaupt eine Infektion einzuhandeln, die noch dazu einen schweren Verlauf nimmt. Das gilt auch für die Masern, die zuletzt in München wieder vermehrt aufgetreten sind.

"Seien wir doch einmal ehrlich", sagte Kinderarzt Steffen Rabe, Mitglied im Verein für individuelle Impfentscheidungen, "die meisten Kinder, die an Masern erkranken, sind nachher genauso gesund wie vorher". Dem widersprachen weder Nikolaus Frühwein, Tropenmediziner und Fachberater für Impffragen, noch Kinderarzt Bernd Simon. Ihnen geht es allerdings auch um die immer noch vielen Kinder, die dieses Glück nicht haben und unter schweren Folgeschäden leiden oder sogar daran sterben. Bernd Simon argumentiert dabei mit 50 000 kleinen Patienten, die er im Laufe seines Berufslebens in seiner Kinderarztpraxis behandelt und zu 95 Prozent "irgendwann einmal gegen irgendwas geimpft" hat. Dicke Arme, hohes Fieber, Tränen, Geschrei - ja, und auch die Angst der Eltern danach, dass die schlechten Noten vom Impfen kommen - hat er erlebt. "Aber kein Kind ist gestorben oder schwer geschädigt worden", weder durch eine Infektion noch durch einen Impfschaden. Erinnern kann er sich aber an ein zehn Monate altes Baby, das ihm von den Eltern tot in den Arm gelegt wurde, verstorben an eine Hirnhautentzündung als Folge einer Infektion mit Haemophilus influenza b. "Das war bitter", sagte Simon.

An die Errungenschaft von Impfungen für die "Ausrottung extremer Seuchen" erinnerte Nikolaus Frühwein. Der Münchner Mediziner, der die ständige Impfkommission Stiko berät, sagte, dass es schon immer Skeptiker und Gegner von Impfungen gegeben habe, "aber Gott sei Dank gibt es keine Pocken mehr".

Allerdings, davon ist der Freisinger Pharmazeut Thomas Bauer überzeugt, hätten Menschen, die nicht geimpft sind, ein besseres Immunsystem. Der zweifache Vater hat seine Kinder aus dieser Überzeugung heraus nicht impfen lassen, "und ich kenne keine gesünderen Kinder als meine." Impfkritiker Steffen Rabe warnte allerdings davor, Impfungen zu pauschalisieren: "Eine Brustvergrößerung bei einer 14-Jährigen ist nicht zu vergleichen mit einem akuten Blinddarmdurchbruch bei einem 19-Jährigen, obwohl beides Operationen sind." Ebenso wenig könne man die Masernimpfung mit der Rotaviren-Impfung vergleichen. Eine ergebnisoffenen Aufklärung von Eltern und Patienten sei das wichtigste.

Den soziologischen Aspekt brachte Sebastian Herrmann, SZ-Wissenschaftsredakteur und Vater zweier geimpfter Kinder, in die Diskussion. Die Angst vor Impfungen passe in die Welt von gesunden Eltern, die im Bioladen einkaufen. "Impfen ist eine Angst von vielen. Sie haben auch Angst vor Wlan und vor Handys." Alles, was nach dem Impfen geschehe, werde darauf zurückgeführt. Diskutieren sei zwecklos, "das ist, als wolle man einen Sechziger-Fan davon überzeugen, Bayern-Fan zu werden".

Dass es kaum Konsens in der Debatte geben wird, zeigte sich in der Diskussion mit den 60 Gästen. Auf der einen Seite die, die Masern, Mumps und Windpocken als Kinderkrankheiten betrachten, die das Immunsystem stärken. Auf der anderen Seite jene, die Angehörige oder Freunde an Infektionen leiden sahen, die mit einer Impfung vermeidbar gewesen wären. Eine Kluft, die ein Zuhörer mit Tucholsky auf den Punkt brachte: "Alles ist richtig. Auch das Gegenteil."