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Vaterstetten:Selbst ist die Gemeinde

In Vaterstetten erwägt man, das ehemalige Schulgrundstück an der Gluckstraße in Eigenregie zu entwickeln anstatt es zu verkaufen

Von Wieland Bögel, Vaterstetten

Die Großgemeinde verzichtet möglicherweise auf ein Millionengeschäft. Wie Bürgermeister Leonhard Spitzauer (CSU) in der jüngsten Sitzung des Bau- und Straßenausschusses erklärte, sei es sein Ziel, das ehemalige Schulgrundstück an der Gluckstraße im Besitz der Gemeinde zu halten. Das wäre eine nicht unerhebliche Planänderung, denn bislang galt, das Grundstück soll verkauft werden um rund 15 Millionen Euro in die Gemeindekasse zu bringen.

Allerdings gab es sowohl an diesem Plan als auch an der zu erlösenden Summe immer wieder Zweifel. So hatte Spitzauers Amtsvorgänger Georg Reitsberger bereits 2016 einen Versuch gestartet, den Verkauf des Areals zu verhindern. Damals mit dem Argument, man werde die Gebäude der alten Schule noch brauchen, etwa wenn die anderen Schulen wegen Sanierungen nicht voll nutzbar seien. Eine ganz große Koalition der Gemeinderatsfraktionen von CSU, SPD und Grünen stellte dem Ansinnen einen Antrag entgegen, das Grundstück so schnell wie möglich zu verkaufen.

Zwar wurde der Antrag mit großer Mehrheit auch so beschlossen - doch schnell war in diesem Fall nicht möglich. Denn tatsächlich wurde das alte Schulhaus noch gebraucht, mit Beginn des Schuljahres im vorvergangenen Sommer ist dort der Träger Kinderland mit Hort und Kita eingezogen. Mindestens bis zu den Sommerferien 2024 werden die Kinder dort auch bleiben, im Herbst des gleichen Jahres soll ein neues Kinderhaus fertig werden. Weshalb der Gemeinderat Anfang 2019 den Beschluss fasste, das Grundstück schrittweise zu verkaufen, je nachdem welche Flächen verfügbar seien und entsprechend dem Finanzbedarf der Gemeinde.

Spitzauer geht jetzt noch einen Schritt weiter, "wir müssen das komplett neu bewerten" sagte er nun im Ausschuss auf eine Nachfrage von Stefan Ruoff (Grüne). Anlass war die Aussage des Bürgermeisters, man habe bei der Aufstellung des Bebauungsplanes und des Verkehrskonzepts für die Johann-Strauß-Straße keinen Druck, "wir bauen ja selber".

Allerdings wohl nicht in nächster Zeit. Zwar fasste der Ausschuss den Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan, der damit rechtskräftig ist. Er sieht ein Baugebiet mit bis zu elf Mehrfamilienhäusern und insgesamt rund 200 Wohnungen, einer Kita, sowie möglicherweise Einzelhandel und der neuen Gemeindebücherei vor. Mehr soll auf dem Areal nach dem Willen des Bürgermeisters so bald aber nicht passieren.

Spitzauers Idee ist, mit dem Grundstück ähnlich zu verfahren wie im Baugebiet Nordwest an der Dorfstraße. Dort war eigentlich ein kleines Gewerbegebiet geplant, vor knapp zwei Jahren entschied man sich indes, dort Wohnraum zu schaffen. Zunächst war im Gespräch, eine Genossenschaft damit zu beauftragen im Sommer 2019 entschlossen sich die Gemeinderäte jedoch dafür, dass Vaterstetten selbst aktiv werden und Bauherr und Eigentümer für die 130 Wohnungen sowie die Kita werden soll.

Ganz ähnlich scheint es nun beim ehemaligen Schulgrundstück zu laufen. Auch hier war es bislang Stand der Planung, zumindest einen Teil der Gebäude - etwa ein Drittel - als günstigen Wohnraum von Genossenschaften errichten zu lassen. Dies sei auch noch nicht ganz vom Tisch, so der Bürgermeister nun, genau wie ein Verkauf, ganz oder in Teilen: Es könne sein, "dass wir es selber machen, dass es eine Genossenschaft macht - oder dass wir es an einen Investor verschnalzen, weil wir kein Geld mehr haben". Nur sei es derzeit zu früh, hier definitiv etwas zu entscheiden, was man in zwei Jahren wieder revidieren müsse.

Welche Präferenz der Rathauschef hat, darüber ließ er die Anwesenden nicht im Unklaren: "Ich sehe es als Tafelsilber der Gemeinde, die nicht mehr viele solche Grundstücke hat", und Tafelsilber werde eben nur im Notfall verkauft, "wenn eine wichtige Pflichtaufgabe ansteht oder uns Corona viel mehr trifft als gedacht". Auf jeden Fall gebe es keine Eile, die Fläche zu entwickeln - und keine Kapazitäten. Das Bauamt sei gut ausgelastet mit den Wohngebieten Nordost - das am Parsdorfer Weg - und eben Nordwest, das wohl erst Mitte der 20er Jahre bezugsfertig wird.

Die Aussagen Spitzauers konkretisieren damit eine Ankündigung, die er im Rahmen der Bürgerversammlung vor zwei Wochen gemacht hatte: Die Verwaltung wolle sämtliche Projekte priorisieren, Ziel sei eine "Agenda 2030" für Vaterstetten. Eine Priorität scheint dabei schon festzustehen: die Großgemeinde will künftig offenbar eine größere Rolle auf dem Wohnungsmarkt spielen als bisher.

© SZ vom 23.10.2020

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