bedeckt München 18°

Vaterstetten:Den Blick aufs Ego lenken

Der Baldhamer Pfarrer Gereon Vogel-Sedlmayr.

(Foto: privat)

Der Baldhamer Pfarrer Gereon Vogel-Sedlmayr findet Fasten auch im Lockdown sinnvoll

Interview von Franziska Langhammer, Vaterstetten

40 Tage lang kein Alkohol, kein Fleisch, keine Süßigkeiten: Viele schränken sich freiwillig in der Fastenzeit in Sachen Genuss ein. In Zeiten des ewig wirkenden Lockdowns scheint es jedoch schwierig, da noch überhaupt etwas zu finden. Warum Fasten trotzdem angenehmer als der Lockdown sein kann, weiß Gereon Vogel-Sedlmayr, evangelischer Pfarrer bei der Petrikirche Baldham. Er betreibt seit einigen Monaten einen eigenen Youtube-Kanal und befasst sich dort mit religiösen Fragen.

SZ: Wie begehen Sie die Fastenzeit?

Gereon Vogel-Sedlmayr: Ganz klassisch: Ich esse kein Fleisch und lese mehr in der Bibel.

Fasten Sie auch Youtube?

Da spüre ich keine Veranlassung - Youtube ist ja für mich kein Genussmittel, für das ich eine mächtige Schwäche hätte.

Hat das Thema Fasten mit Corona im Hintergrund eine andere Bedeutung?

Allerdings. Der erzwungene Verzicht durch die Pandemie lässt einen mehr über das Fasten nachdenken. Es gibt aber zwei Unterschiede: Fasten ist ein freiwilliger Verzicht, den mir niemand vorschreibt und den ich bewusst eingehe. Und: Fasten ist deshalb besonders wohltuend, weil es zeitlich begrenzt ist. Nach Karfreitag ist es vorbei - und wird dann nicht vom Staat verlängert. Am Ende der Fastenzeit kann sich jeder fragen: Will ich jetzt zum Beispiel wieder mit dem Rauchen anfangen?

Worauf kann man denn überhaupt noch verzichten in einer Zeit, in der alles verboten ist?

Jedenfalls nicht auf Humor.

Haben Sie Feedback von Ihren Gemeindemitgliedern, wie dieses Jahr gefastet wird?

Ich bin erfreut, dass viele in der einen oder anderen Weise fasten und diese Zeit bewusst begehen. Süßigkeiten und Alkohol sind die häufigsten Themen - in diesem Jahr nicht viel anders als in den Jahren davor. Und es kommt auch immer wieder vor, dass Menschen mir erzählen, dass sie diese Zeit auch religiös intensiver erleben.

Gibt es vielleicht etwas, das Ihnen besonders am Herzen liegt in der Fastenzeit? Welcher Verzicht täte uns gesellschaftlich gut?

Es gibt wirklich einiges, was alle Menschen angeht und was geändert werden sollte, nicht nur in der Fastenzeit: der Blick aufs eigene Ego, auf die eigenen Interessen, auf die eigene Generation, auf die eigene Weltregion ... Das Besondere an der Fastenzeit ist aber der subjektive Entschluss für eine gewisse Zeit. Wenn sich da viele Leute Gedanken machen, wo sie persönlich an sich arbeiten wollen, finde ich das eine gute Sache.

© SZ vom 20.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema