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Treffpunkt in Poing:Stille im Erdgeschoss des Bürgerhauses

Vor mehr als zwei Monaten hat das Poinger Familienzentrum wegen Corona schließen müssen. Dadurch fehlen dem Verein Einnahmen

Von Johanna Feckl, Poing

Mehr als 100 Ehrenamtliche arbeiten im Poinger Familienzentrum. Die jüngsten sind um die 15 Jahre alt und helfen nach dem Schulunterricht bei der Kinderbetreuung mit, die ältesten sind jenseits der 70. Und in der Altersspanne dazwischen ist auch alles dabei. Im Familienzentrum leisten sie alle zusammen mehr als 3900 Ehrenamtsstunden. Jedes Jahr. Außer in diesem. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind auch bei dem beliebten Poinger Treffpunkt zu spüren: Seit Mitte März hat das Familienzentrum seine Pforten geschlossen, das Erdgeschoss des Bürgerhauses - das Zuhause des Vereins - ist verstummt. Es ist aber nicht nur die ungewohnte Stille in den sonst so mit allerlei Leben und Lachen gefüllten Räumen, die den Mitarbeiterinnen des Familienzentrums auf das Gemüt drückt. Dem gemeinnützigen Verein fehlen Einnahmen.

Im Moment herrscht in den Spielzimmern Leere.

(Foto: Christian Endt)

"Es ist schon ziemlich heftig bei uns", sagt Susanne Knott. Sie ist die Vorsitzende des Familienzentrums. Seitdem der Treffpunkt für Familien, Mütter und Väter, Alteingesessene und Zugezogene vor mehr als zwei Monaten schließen musste, finden keine Kurse mehr statt. Für gewöhnlich gibt es davon reichlich: Baby-Massagen. Diverse Koch-, Werk- und Malangebote. Verschiedene Spielgruppen für Babys und Kleinkinder, zum Beispiel solche, in denen in der nicht-deutschen Muttersprache der Mutter oder des Vaters gesprochen wird. Sportkurse, von Tanzen über Yoga bis hin zu Kampfsport. Aber auch Deutschkurse für Zugezogene. Und dann gibt es noch den beliebten offenen Treff, zu dem Mütter und Väter mit ihren Kindern kommen, neue Kontakte knüpfen und Erfahrungen austauschen können. Das alles gibt es bis auf unbestimmte Zeit nicht mehr.

Auch der Secondhandladen bleibt vorerst geschlossen.

(Foto: Christian Endt)

"Eigentlich sind Einrichtung wie die unsere aber in Zeiten von Corona wichtiger denn je für die Familien", sagt Knott. "Die Kinderbetreuung und schulische Situation ist nun anders als gewöhnlich." Gegenseitige Unterstützung und Austausch in einem geschützten Raum wie einem Familienzentrum könnte da helfen. Nicht umsonst würden regelmäßig Mütter nachfragen, wann das Zentrum in Poing wieder öffnen wird, so Knott. Aber selbst wenn es eines Tages so weit ist, bleiben die Abstandsregeln. Statt den üblichen zehn Besucherinnen des offenen Treffs, die bei Kaffee und Kuchen gemeinsam an je einem Tisch sitzen und plaudern, dürften es dann wohl nur noch jeweils zwei Personen sein - die Tische mit ausreichend Abstand zueinander. Ceylin Freund vom Vereinsvorstand weist auf das Paradoxe daran hin: "Die Mütter kommen ja eigentlich zu uns, um sich nah zu sein." Aber klar, die Regeln braucht es nun einmal auch, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Es werde eben sehr anders sein, ergänzt Knott.

In dem Café des Vereins tummeln sich für gewöhnlich gut 50 Mütter und Väter.

(Foto: Christian Endt)

Immerhin war es möglich, dass eine Handvoll der Kurse, bei denen ohnehin nur noch wenige Sitzungen offen waren, nach der Schließung per Live-Videos beendet wurde, etwa das Baby-Massieren. Aber richtig zufrieden waren weder die Kursleiterinnen noch die Eltern oder das Familienzentrum mit dieser Lösung. Das Zwischenmenschliche fehle einfach, so Knott. Und viele melden sich eben genau deshalb für einen Kurs an - man könnte also wohl auch sagen: In erster Linie geht es gar nicht so sehr um die Baby-Massage, sondern um den Kontakt zu anderen jungen Müttern und Vätern aus dem Ort. Aus diesem Grund haben sich die neun Mitarbeiterinnen des Familienzentrums dazu entschlossen, das Kursangebot zunächst komplett einzustellen. Die Konsequenz: Die vielen freiberuflichen Kursleiterinnen und -leiter bekommen keinen Aufträge und somit kein Honorar mehr. Dem Familienzentrum mangelt es an Einnahmen durch die Kursgebühren.

Die finanzielle Unsicherheit bringt Ceylin Freund und Susanne Knott (von links) vom Vorstand des Poinger Familienzentrums nicht aus der Ruhe.

(Foto: Christian Endt)

Es ist aber nicht nur der Ausfall der Kurse, die dem Familienzentrum finanzielle Not bescheren. So hat auch der Secondhandladen für Kinderkleidung geschlossen, den Ehrenamtliche des Vereins betreiben. Bis zum Ende der Sommerferien werde sich daran auch nichts ändern, so Knott. Wie es dann weitergeht, ist allerdings noch völlig unklar, wie die Vorsitzende weiter erklärt: Alle Mitarbeiterinnen dort sind älter als 60 Jahre und zählen somit potenziell zur Corona-Risikogruppe.

Schon jetzt machen sich die finanziellen Einbußen bemerkbar, einige Mitarbeiterinnen sind in Kurzarbeit. "Im Moment planen wir nur 14 Tage voraus", sagt Knott.

Das Problem: Als gemeinnütziger Verein muss das Familienzentrum Kriterien erfüllen, um von der Regierung von Oberbayern entsprechend finanziell gefördert zu werden. Zum Beispiel eine bestimmte Anzahl an Ehrenamtsstunden pro Jahr. Aber selbst, wenn die Regierung die Zeit, in der zum Beispiel der offene Treffpunkt wegen des Infektionsschutzgesetzes nicht öffnen durfte, bei den geforderten Stunden dementsprechend berücksichtigt, bleibt ein Problem bestehen: Wie soll der offene Treff wieder wie gewohnt an vier Tagen die Woche öffnen und das Familienzentrum dementsprechend Ehrenamtsstunden nachweisen können, wenn doch viele der Freiwilligen, die den offenen Treff organisieren, in die Risikogruppe fallen und somit vermutlich eher nicht wie bisher ihrem Ehrenamt nachkommen können? Wie hoch die Förderung also ausfallen wird, kann im Moment niemand absehen. "Das sind alles sehr viele Unsicherheiten, die dazu führen, dass wir gar nicht wissen, mit welchem Geld wir aktuell arbeiten können", so Knott.

Dabei ist jetzt die Zeit, in der sie eigentlich investieren müssten. Sollte die Freigabe vom Landesverband Mütter- und Familienzentren kommen und der offene Treff wieder stattfinden dürfen, so wird das nur unter Auflagen funktionieren. Da bei den Treffs auch Getränke und Snacks verkauft werden, wäre wohl eine Plexiglasscheibe am Tresen notwendig und auch noch mehr Hygiene- und Desinfektionsmittel, als selbst vor Corona immer vorrätig war - und das alles kostet Geld. Erst recht, wenn auch das Kursangebot wieder an den Start geht und dafür gewisse bauliche Auflagen erfüllt werden müssen.

Aber zumindest in Bezug auf die Finanzen halten sich die schlaflosen Nächte bei Knott und ihrem Team in Grenzen. "Das Familienzentrum gibt es seit mehr als 30 Jahren, es ist ein geschätzter Ort in Poing", sagt die Vorsitzende. "Niemand von uns kann sich vorstellen, dass wir in letzter Konsequenz schließen müssen - das wäre eine Katastrophe!" Und die Zeichen stehen gut, dass es dazu nicht kommen wird. So hat Poings Bürgermeister Thomas Stark (parteilos) mehr als 50 Vereine im Ort angeschrieben und Hilfe angeboten, sollten die Auswirkungen von Corona ein Loch in die Vereinskassen gerissen haben - auch das Familienzentrum hat einen solchen Brief erhalten. "Das ist keine Gießkannenförderung, sondern Einzelbeförderung, sofern Bedarf besteht", erklärt der Rathauschef auf Nachfrage. Ob das Familienzentrum auf dieses Angebot zurückgreifen muss, werde die Zeit zeigen, so Knott.

© SZ vom 05.06.2020
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