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Stadtrat Grafing:Livestream ins Foyer

Grafinger Stadtrat - Corona Sitzordnung

Sieht fast aus wie die Bundespressekonferenz, ist aber nicht die Kanzlerin in Berlin sondern Grafings Bürgermeister Christian Bauer in der Stadthalle. Aus Gründen des Infektionsschutzes finden dort derzeit alle Sitzungen des Grafinger Stadtrates und seiner Ausschüsse statt. Für die Besucher wird alles ins Foyer übertragen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Als Tagungsraum taugt die Stadthalle nur bedingt. Untereinander hatten sich die Gremiumsmitglieder zuletzt nur schlecht verstanden. Der Platz für Besucher war beschränkt. Das Rathaus reagiert unkonventionell - aber durchaus erfolgreich

Politische Partizipation ist ein teures Gut. Im Lokalen, wo politische Entscheidungen wohl am unmittelbarsten dein Bürgerdasein betreffen, sogar ein ganz besonderes teures. Doch was, wenn Besucher wie Stadträte der Debatte kaum folgen können - weil sie entweder draußen bleiben müssen oder sich gegenseitig kaum verstehen? Grafing hat die Sache unkonventionell gelöst.

Als sich vor zwei Wochen der Stadtrat zu seiner konstituierenden Sitzung traf, dürften sich einige Ratsmitglieder an ihre Schulzeit erinnert haben. Einmal, weil für Sitzungen seit der Corona-Krise in die Stadthalle geladen wird. Die liegt bekanntlich gleich neben dem Grafinger Gymnasium. So manches Gremiumsmitglied hatte dort die Schulbank gedrückt. Ein andermal, weil drinnen in der Halle die Tische ganz schulisch angeordnet waren: Vorne ein Pult, beinahe so lang wie die Stadthalle breit ist, für Bürgermeister Christian Bauer (CSU) und die Mitglieder der Stadtverwaltung. Davor, eine Reihe nach der anderen und in gebührendem 1,5-Meter-Abstand zueinander, einen Tisch für jeden der 24 Stadträte.

Als dann der erste aus der vordersten Sitzreihe sprach, verschaffte sich sofort jemand aus der hintersten gehör: "Entschuldigung, aber ich versteh' überhaupt nichts!" Vorne wiederum spitzte man die Ohren, weil dort vom Zwischenruf vor allem Bruchstücke ankamen.

Daran schloss sich schnell die Frage an, inwieweit in solchen Fällen überhaupt die Beschlussfähigkeit gegeben wäre? Zumindest hierbei konnte die Rechtsaufsicht im Landratsamt Entwarnung geben. Relevant sei die "körperliche und geistige" Anwesenheit ausreichend vieler

Wenig später zirkulierte ein Antrag der SPD-Stadtratsfraktion. Ob es denn keine Option sei, die Sitzungen in die Dreifachturnhalle zu verlegen? Eine größere Saalfläche biete bei gleichem Abstand schließlich Platz für mehr Anwesende. Anstatt hintereinander in Reihen könnten die Tische dort in U-Form aufgestellt werden. Nicht nur würde jeder Stadtrat nun halbwegs frontal zum anderen sprechen. Zudem wäre ein zweites Grafinger Problem gelöst: Dass, wie in der zurückliegende Sitzung geschehen, Besucher wegen erreichter Stadthallenkapazitäten abgewiesen werden müssen.

Im Rathaus war man zwar offen für Verbesserungsvorschläge. Doch ob der Kompatibilität der beiden Ziele hatte Bürgermeister Christian Bauer (CSU) so seine Zweifel. "Die Besucher wären dann ja praktisch auf der Tribüne - also noch weiter weg", fürchtete er.

Und einfach jeden Stadtrat mit einem eigenen Mikrofon ausstatten? Technisch machbar, bewerteten Bauers für die Stadthalle zuständigen Rathauskollegen. Allerdings jedoch eine ziemlich teure Angelegenheit.

Stattdessen ging die Verwaltung am Dienstagabend mit einer anderen Variante in die Sitzung. Und zwar einer, die parteiübergreifend Zustimmung fand: Statt klassischem Klassenzimmerlayout tagte das Gremium in der im SPD-Antrag angesprochenen U-Form. Die Zuschauersitze, zu deren Lasten die Umstellung in der Stadthalle selbst gegangen war, wurden nicht nur ins Foyer verlegt. Sondern was deren Anzahl angeht, dort mit 13 neuen Plätzen auch deutlich überkompensiert.

Eine Tonleitung vom Saal hinunter ins Foyer ist ohnehin sei dem Bau derselben installiert. Oben wurden zwei Kameras aufgebaut. Eine richteten die Techniker aufs "U", die andere auf das lange Pult der Stadtverwaltung. Beide Perspektiven streamten sie auf den großen Foyer-Bildschirm - fertig war die "Live"-Übertragung von einem Stockwerk ins nächste.

"Selbstverständlich" sei auch alles datenschutzkonform, versicherte Bürgermeister Bauer. "Das Bild wird nur übertragen, nicht zwischendrin aufgezeichnet." Der kleine Unterschied sei im Übrigen auch der Grund, warum die Sitzung nicht "live" ins Internet gestreamt werde. Von dort wären die Bilder nämlich unkompliziert speicherbar.

© SZ vom 28.05.2020

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